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DRESDEN/Staatsoperette: DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR von Otto Nicolai

23.10.2022 | Oper international
Dresden/Staatsoperette:  Premiere: „DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR“ VON OTTO NICOLAI – 22.10.2022

Eigentlich muss es hier „Die lustigen Weiber von California“ heißen, wie es nach der Ouvertüre, die so gespielt wurde, dass man neugierig auf die Oper wurde, flüchtig mittels Leuchtschrift auf den schwarzen Vorhang projiziert und diesbezüglich „korrigiert“ wurde. Die Regisseurin und Choreografin Noa Naamat hat die Oper für die erste Premiere der Spielzeit 2022/23 am Dresdner Operettentheater in eine moderne Welt von Operette und Musical verlegt und auf Operettenpublikum zugeschnitten. Dass heitere Spielopern am Operettentheater gegeben werden, ist kein Fehler und sogar erfreulich, wenn im nahe gelegenen Opernhaus dieses Genre völlig ausgeblendet wird.

Noa Naamat verlegt die Handlung vom kleinen Städtchen Windsor des 19. Jahrhunderts (in dem nur das Schloss Windsor riesig groß ist) ins Leben der abgehobenen Gesellschaft des 20. Jahrhunderts (was auf der Bühne nicht neu ist) und ins sonnige Kalifornien ins oberflächliche Chice-Micky-Milieu. Auf der Drehbühne betreibt Herr Fluth einen „Fluth Club“, vorwiegend in Pink gehalten, mit Palmenstrand und Swimmingpool, Frau Fluth einen Beauty-Salon und Dr. Cajus eine Tennisschule usw. Die nächtliche Stimmung im dunklen, verrufenen Wald, ein Lieblingsbild der Romantik, wird zwar mit dem feinsinnig, in schillernden Klangfarben musizierenden Orchester und immer größer werdendem Vollmond sehr romantisch eingeleitet, avanciert aber bald zum hell erleuchteten Tennisplatz mit Tennisspielerinnen (statt Elfen) und Tennisspielern in großer Zahl und rechtwinkliger Formation.

Es ist alles nett anzusehen, ein entspanntes Luxusleben, ein bisschen Spaß, bei dem sich zwei Frauen, Nachbarinnen und Freundinnen an einem zweifelhaften „Kavalier“, Biertrinker und verkommenen, sextollen Adligen (ursprünglich auch ein bisschen Gesellschaftskritik) namens Sir John Falstaff rächen, der ihnen mit zwei identischen, sehr plump und sehr direkt verfassten „Liebes“-Briefen Avancen macht. Sie machen sich gleich dreimal einen Jux mit ihm und „kurieren“ nebenbei auch noch den misstrauischen, eifersüchtigen Ehemann der Frau Fluth.

Die Strafen für Falstaff gehen allerdings sehr glimpflich aus. Er wird durch Enthaarung mittels heißem Wachs „bestraft“,  was andere, um schön zu sein, freiwillig mit „Würde“ ertragen, landet aus dem Wäschecontainer, in dem er vor dem rasenden Ehegatten versteckt wurde, nicht im Fluss, sondern im Swimmingpool, aus dem er mit Schwimmring-Ente als übermäßiges Sexsymbol entsteigt, das ihm auch weiterhin anhaftet. Er wird in Frauenkleidern als alte Mutter Klatsch verprügelt und verjagt, aber die Tennisplatz-„Elfen“ gehen wieder sehr zaghaft mit ihm um.

Musikalisch wurde das Ganze von dem perfekt spielenden Orchester der Staatsoperette unter der Leitung von Johannes Pell getragen, in dessen Amtszeit als Chefdirigent sich das Orchester zu einem leistungsstarken Ensemble entwickelt hat, das ohne Abstriche auch sehr gut Oper spielen kann. Pell hatte auch das richtige Gespür für die witzig spritzige, teils romantische Musik von Otto Nicolai, der die humorvollen wortgewandten, bereits einen melodischen Rhythmus in sich tragenden Texte von Salomon Hermann Ritter von Rosenthal (nach William Shakespeare) in zündende Musik aus deutscher Romantik und italienischem Belcanto umsetzte, und mit dieser, seiner letzten Oper seinen Ruhm begründete, der bis in unsere Zeit anhält.

Die umfangreiche Partie der jungen, unbekümmerten Frau Fluth, die die Handlung dominiert, ist gespickt mit Koloraturen, die Steffi Lehmann als Energiebündel leicht und locker und mit Kondition bewältigte. Scheinbar mühelos kletterte ihre Stimme in die Höhe, und auch ihr Spiel war frei und unbefangen. Als Gegenpol dazu blieb Silke Richter als ihre Nachbarin, Mitverschworene und Freundin, Frau Reich, zurückhaltend, aber zuverlässig.

Im Zentrum der Handlung steht aber auch noch ihre, gleich von zwei Heiratsanwärtern begehrte Tochter Anna, die nach dem Wunsch ihrer Mutter mit dem eitlen Dr. Cajus und nach dem Willen ihres Vaters (Gerd Wiemer), der hier als arroganter Unternehmer auftritt und bei dem die Bitten des, hier noch etwas linkisch auftretenden, dritten Bewerbers namens Fenton auf taube Ohren stoßen, mit dem selbstgefälligen Spärlich verheiratet werden soll. Hier  brillierte Christina Maria Fercher als symplastische junge Anna, die in glaubhaft-natürlicher Darstellung mit ein wenig List ihre Wünsche durchsetzt, und vor allem mit ihrer nicht nur technisch perfekt gesungenen Arie, die die Seele berührte, zum Glanzpunkt des Abends wurde. Ihr, in schöner stimmlicher Übereinstimmung mit dem armen, aber ehrlichen Fenton, dem Timo Schabel seine Stimme lieh, gesungenes Liebesduett bewegte die Herzen.

Als Junker Spärlich konnte Andreas Sauerzapf im Zusammenspiel mit Dr. Cajus (Markus Liske) sein komödiantisches Talent zeigen. Die „gewichtige“ Hauptfigur des Falstaff konnte Andreas Mittersberger, ausgebremst durch die Regie, darstellerisch nicht in der herkömmlichen Vorstellung entwickeln. Die meiste Zeit halbnackt und mit „Ente“, war seine „Normalfigur“ nicht zu einem plumpen, genusssüchtigen alternden Lebemann zu kaschieren und ungezügeltes Benehmen zu zeigen. So konnte er nur sängerisch, vor allem mit guter Tiefe, seine Rolle gestalten. Die „gewichtige“ Figur hatte eher der, ebenfalls meist sehr leicht bekleidete, Chao Deng als Mister Fluth, dessen rasende Eifersucht und Misstrauen vor allem aus Darstellung und Text hervorgingen. In dieser Atmosphäre einer etwas oberflächlichen „Spaßgesellschaft“ dominierten die Frauen mit ihren Wunschvorstellungen, und die Männer wurden in die Schranken gewiesen.

Bühne und Kostüme von TAKIS brachten mal wieder die 1960er Jahre auf die Bühne. Warum eigentlich? Vielleicht, weil damals Lebensfreude noch ungetrübt gezeigt werden konnte?

Zum Schluss bleiben vier Paare auf der Bühne, drei davon, die sich nach alter Sitte gefunden haben, die Eheleute Fluth und Reich und das heimlich und mit List seine Liebesheirat erzwungene junge Paar Anna und Fenton und – das ursprünglich als Pointe gedachte Duo aus zwei unsympathischen männlichen Rivalen, die „versehentlich“ durch eine kleine Intrige zusammengeführt wurden, hier aber plötzlich zum überglücklichen schwulen Paar Spärlich-Dr. Cajus mutieren, ursprünglich ein Witz, weil öffentlich undenkbar, jetzt eine „Normalität“.

Es war ein vergnüglicher Abend, der vor allem von der Musik und einigen überraschend guten sängerischen Leistungen lebte, bei denen auch der gut singende Chor der Staatsoperette (Chorleitung: Thomas Runge) seinen Anteil hat. Das alles kam beim Publikum gut an, auch in ernsten Zeiten will man Spaß haben, der mitunter sogar zum Überleben nötig ist.

Ingrid Gerk

 

 

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