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DRESDEN/ Staatsoperette: DAS MÄRCHEN VOM ZAREN SALTAN – Oper von Nikolaj Rimski-Korsakow

20.10.2015 | Oper

DRESDEN / Staatsoperette: DAS MÄRCHEN VOM ZAREN SALTAN am 18.10. 2015 (Werner Häußner)

 Die Opernregie könnte sich dem „Märchen vom Zaren Saltan“ auf zwei Wegen annähern: Sie könnte versuchen, die Natur- und Märchensymbolik auf Psychologie und Metaphysik hin zu befragen und szenisch zu entschlüsseln. Oder sie könnte der Macht der Bilder vertrauen und Nikolaj Rimski-Korsakows Oper mit einem fantasievollen Bogen zaubrischer Szenen überspannen. Arne Böge, seit 2011 Spielleiter der Staatsoperette Dresden, wählt Letzteres, ohne sich in grenzenloser Naivität zu verlieren.

Die Dresdner Neuinszenierung der hierzulande selten gespielten Oper aus dem immer noch zu wenig erschlossenen russischen Repertoire könnte vermittelst der Bilder und Kostüme Hendrik Scheels wie einer der altbackenen Bilderbögen aus der Sowjetprovinz von einst wirken, hätte sie nicht ein Kunstgriff geschickt gebrochen: Böge setzt Puppenspieler ein, die der Falle eines malerischen Realismus‘ ein witzig oder nachdenklich transzendierendes Element entgegensetzen. So wird Rimski-Korsakows Märchen nach einer Vorlage von Alexander Puschkin zu einem Spiel, das die skurrilen Elemente zu ihrem Recht kommen lässt, ohne das Erzählerische des Märchens zu sabotieren.

Und die Handlung ist in der Tat an Groteskerien nicht arm: Dem Zaren Saltan wird ein Sohn geboren, als er fern des Hofes im Kriege weilt. Seine Frau Militrissa ist aber – ähnlich wie Aschenputtel – die jüngste von drei Schwestern, ehedem schlecht behandelt, dank der richtigen Worte aber zur Zarin erkoren. Die Geprellten sinnen auf Rache: Militrissa habe ein Monster entbunden, lassen sie den Zaren wissen. Der dreht durch und befiehlt, Mutter und Kind in einer Tonne auf dem Meer auszusetzen.

Als das Fass nach 17 Jahren und einem bezaubernden Zwischenspiel strandet, entsteigen ihm in Dresden ein adretter Jüngling in tadelloser Militäruniform und eine elegant ondulierte Zarin in feinster Robe. Natürlich besteht der integre Junge die erste Probe, schießt einen Vogel ab, der sich als Dämon entpuppt und rettet einen Schwan, der in Wirklichkeit eine wunderschöne Prinzessin ist. Erlöst wird mit dieser Tat auch eine ganze Stadt, die der Wunder viele beherbergt: ein Eichhörnchen, das goldene Nüsse knackt oder eine Schar von Recken, die auf Befehl dem Meere entsteigen. Am Ende findet Saltan Frau und Sohn wieder, den Bösen wird verziehen – und wenn sie nicht gestorben sind ….

Auch die Verwandlung in eine Insekt hat nicht etwa Offenbach in „Orphée aux Enfers“ allein für sich gepachtet: Der Zarensohn Gwidon fliegt in Gestalt einer Hummel auf ein Schiff, das ihn in das Reich seines Vaters bringt. Dort werden erst einmal die bösen Schwestern so lange gepiesackt, bis sie den Zaren in die ferne Stadt der Wunder reisen lassen. Anna Menzel und Patrick Borck – beide vom Dresdner Theater Junge Generation – lassen die Märchentiere und Fabelwesen auftreten: als Handpuppen, als Stabpuppen, als überlebensgroße, von Stangen bewegte Riesen. Und sie brechen damit die Szene ebenso ins Irreale auf wie der Chor, der in allerlei beleuchteten Gebäuden steckt und als Märchenstadt die Bühne besetzt. Das sind Elemente kunstvoller Naivität, die der Inszenierung an der Staatsoperette – bei klugem Einsatz der beschränkten bühnentechnischen Mittel – ihren Reiz geben.

Vergnügen macht auch die Musik Rimski-Korsakows, und das nicht nur im als Konzertstück berühmten „Hummelflug“. Andreas Schüller leitet das Orchester der Staatsoperette Dresden nicht zu krachender Rhetorik, sondern zu einem subtilen Geflecht der Töne an. Die kammermusikalischen Momente gelingen ebenso wie die schillernd verschmolzenen Klänge, der lebendige Rhythmus ebenso wie der kantable Phrasierungsbogen. Ein paar Wackler und Reibereien in der Intonation fallen nicht ins Gewicht. Rimski-Korsakows Meisterschaft einer an Berlioz und Liszt geschulten Instrumentation kann ihre Reize ungehindert verströmen.

Die Solisten schließen sich – ohne Ausreißer nach oben oder unten – zu einem soliden Ensemble zusammen: Richard Samek singt den Zarensohn Gwidon mit Ungestüm und kraftvollem Ton; würde er konsequenter aus dem Körper stützen, gewänne er lockere Freiheit und weniger gaumige Beimischungen für seinen schönen Tenor. Elena Puszta – als Gilda und Manon eine große Hoffnung am Theater Nordhausen – scheint sich derzeit zu übernehmen: Sie beeinträchtigt ihren Sopran in der Rolle der Zarin Militrissa mit forcierter Tongebung und technischer Unsicherheit in der Höhe, die zu schrillen Tönen führt.

Antigone Papoulkas und Elke Kottmair sind die beiden „bösen“ Schwestern und bringen viel Theatererfahrung ein: Man bedauert, dass Rimski-Korsakow die beiden so peripher behandelt hat. Silke Richter von den Landesbühnen Radebeul setzt einen gestaltungsfähigen Alt für die Intrigantin Babaricha ein. Als Prinzessin Schwanhilde hat Maria Perlt eine für ihre Stimme dankbare Rolle, Tilmann Rönnebeck müsste als Zar Saltan gar nicht so viel Volumen präsentieren: Der Raum verträgt bei einer so präsenten Stimme geschmeidigere dynamische Nuancen im Dienst des Ausdrucks. Die weiteren Partien sind mit Ingeborg Schöpf (Zarin), Christian Gygas (Bote), dem idiomatisch trefflich agierenden Hauke Möller (Alter Mann) ansprechend besetzt; nicht zu vergessen sind die kleinen, aber feinen Szenen des Hofnarren Herbert G. Adami.

„Das Märchen vom Zaren Saltan“ erweist sich in der Dresdner Produktion als ein ideales Familienstück, das nicht nur in der Vorweihnachts-Märchen-Zeit auf leuchtende Augen treffen könnte. Intendant Wolfgang Schaller, Rarem und Entlegenem nicht abgeneigt, hat die richtige Wahl getroffen und wird das Stück hoffentlich mitnehmen, wenn die Staatsoperette 2016 endlich ihr neues Domizil mitten in der Stadt beziehen kann. Und seinen Kollegen sei’s gesagt: Statt den Advent mit zwei Dutzend Inszenierungen von „Hänsel und Gretel“ zu überfluten, wäre ein russisches Märchen wie das vom Zaren Saltan eine tragfähige Alternative. Da gäbe es – auch aus der Feder von Nikolaj Rimski-Korsakow – noch einiges zu entdecken.

Werner Häußner

 

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