Dresden / Staatsoperette: „CASANOVA“ – REVUE-OPERETTE VON RALPH BENATZKY – 18.6.2022 Pr
Am Anfang war die Operette „Cagliostro in Wien“ von Johann Strauß. Ralph Benatzky bearbeitete sie für die Bühne als „Revue-Operette“ in zwei Akten mit sieben Bildern und landete damit einen Riesenerfolg. Kein Wunder, bei der Uraufführung 1928 im Großen Schauspielhaus in Berlin an der Friedrichstraße war damals alles auf der Bühne, was Rang und Namen hatte, vom berühmten Opernsänger (Michael Bohnen) über eine der besten und berühmtesten Tänzerinnen (La Jana) bis hin zu beliebten Komikern (u. a. Paul Morgan, Wilhelm Bendow) und den Comedian Harmonists, die damals erst am Anfang ihrer Karriere standen, als Pausenunterhalter – und das Publikum war damals operetten- und revuesüchtig. Da genügte schon eine dieser Persönlichkeiten für einen durchschlagenden Erfolg, und das Publikum kam in Scharen.
Das alles ist jetzt nicht mehr aufzubieten. Die Zeiten haben sich geändert. Allein das Sujet vom illustren Leben des Casanova und seine Reise durch die schönsten Gegenden Europas von Venedig über Tarragona, Wien und Potsdam bis Schloss Dux in Böhmen, virtuose Tanzeinlagen, Humor und die walzerseligen Melodien von Johann Strauß, erweitert um verschiedene „Zutaten“ bieten für eine Inszenierung auch heute noch reichlich Möglichkeiten für die Entfaltung von Sängerinnen und Sängern, die Darstellung „prickelnder“ Szenen und glanzvolle Bühnengestaltung.
Letztere wurde von Sabine Hartmannshenn, Regie sowie Lukas Kretzschmar und Edith Kollath, Bühne im Rahmen der Möglichkeiten mit dreh- und wandelbaren Bühnenaufbauten, den beliebten Revuetreppen usw. gut, wenn auch modern kantig und dadurch etwas nüchterner und auch etwas weniger wirkungsvoll umgesetzt, die Stufen unzweckmäßig höher als früher, denn aus der Vergangenheit will man doch nichts übernehmen, selbst wenn es zweckmäßig und erprobt war!
Die Kostüme von Edith Kollath sind teils raffiniert geschnitten, teils – typisch Revue – in schillernder Farbigkeit mit Glanz und Glamour und auch mit witzigen Einfällen. Dass Kaiserin Maria Theresia nur die Krinoline ohne Reifrock trägt (ein Gag, der schon vor 40 Jahren in so mancher Inszenierung nicht wirklich ankam), ist ja noch verständlich, warum aber Casanova als Frauenheld auch noch lange damit herumlaufen muss und selbst das Militärballett mit verkürzter Ausführung, dürfte schwer nachvollziehbar sein.
Der gut singende Chor (Einstudierung: Thomas Runge), das gut tanzende Ballett in oft witzigen Formationen, wie dem Häschen-Ballett der Ballett-Häschen in Wien (allzu wörtlich genommen), Soldaten, Sittenpolizei, Nonnen usw. (Choreografie: Jörn-Felix Alt) und das Orchester der Staatsoperette (Musikalische Leitung: Christian Garbosnik), von dem man sich mehr schwungvolle Walzerseligkeit gewünscht hätte, bildeten eine gute Grundlage für das Solisten-Ensemble, von dem die prächtig singende und spielende Ingeborg Schöpf als Kaisern Maria Theresia ihrer Rolle Profil und Niveau verlieh, und Christina Maria Fercher als von gleich mehreren begehrte Laura mit Anmut, Charme und niveauvollem Schöngesang die Herzen eroberte und keine Wünsche offen ließ.
Als Barbarina konnte die über allem in einem Schwebe-Rahmen schwebende Jeannette Oswald überzeugen, die echt revuemäßig sang und tanzte, und als kesse Berliner Göre namens Trude Florentine Schumacher mit ihrem beachtlichen komödiantischen Darstellungstalent. Timo Schnabel vertrat die Komik als kleiner, wenig „schnittiger“ Leutnant von Hohenfels, der immer seinem Glück hinterherlief und Dominica Herrero Gimeno konnte sich als feurig-spanische Dolores selbst spielen. In weiteren Rollen fungierten Andreas Sauerzapf.als umtriebiger Costa, Dietrich Seydlitz als Graf Waldstein, Gerd Wiemer als Graf Dohna Menuzzi und Steffi Lehmann als Helene.
In der dominanten, anspruchsvollen Gestalt des Casanova, von der Erfolg und Ausstrahlung abhängen, lieferte Mathias Störmer eine ziemlich schwache gesangliche Leistung mit zahlreichen Intonationstrübungen und dürftiger Höhe. Seine Anziehungskraft auf die Damenwelt blieb ziemlich schwach, wenn er seine Unternehmungen von seiner, von der Regie am rechten Bühnenrand eingerichteten, heimischen „Rückzugsecke“ mit einer schier endlos scheinenden Garderobe „von der Stange“, in immer neuen eleganten schwarzweiß-Variationen gleichen oder ähnlichen Stils, stets gespiegelt von ihm zu seinem Alter Ego, mit dem er in einer Art „Schwulen-WG wohnt. aus startet, nachdem er in längeren Dialogen mit seinem Ego vorbereitend philosophiert hat (Texte: Judith Wiemers).
Er bot eine ziemlich platte Charakterisierung der Titelgestalt, wohingegen Peter Lewis Preston als (ursprünglich) sein Diener und hier „Alter Ego“ (um den die Rolle ausgedehnt wurde, um der jetzt üblichen psychologischen Ausdeutung Reverenz zu erweisen, in Personalunion seiner Partie wesentlich mehr Vitalität verlieh.
Alle Ausführenden gaben sich große Mühe, wenn man allerdings die internationale Messlatte anlegt, wäre hier und da noch Handlungsbedarf hinsichtlich Esprit und „Pfiff“. Das Libretto von Rudolph Schanzer und Ernst Welisch liefert, wie in den Übertiteln zu lesen, oft naive, holprige „Knittelverse“, aus denen bei Lust und Laune erfahrene Operetten-Sänger-Darsteller viel machen könnten. Wenn die Texte nur wörtlich in dem üblichen Bühnen-Deutsch wiedergegeben werden, springt der berühmte Funke nicht unbedingt über. Ob das künftig doch der Fall sein wird, werden die weiteren Vorstellungen zeigen. Die Premiere war jedenfalls sehr gut besucht und ein achtsamer Publikumserfolg.
Ingrid Gerk

