Dresden/Staatsoperette: MÄRCHENHAFTES „NEUJAHRSKONZERT“ – 1.1.2024
„Es war einmal“ hieß es beim diesjährigen Neujahrskonzert der Staatsoperette, das auch in vier weiteren, sehr begehrten Vorstellungen (3.1., 2x 4.1., 5.1) das Publikum erfreuen wird. Märchen bedeuten nicht nur eine Flucht aus dem Alltag in irreale Welten, sie können auch wieder Kraft für die Bewältigung des Alltags geben.
Mit „zündenden“ Melodien aus bekannten Operetten und Opern und auch sehr selten zu hörenden Stücken läuteten zwei Solisten des Hauses und das Orchester der Staatsoperette Dresden, dessen Damen zur Feier des Tages in farbenfreudigen Abendkleidern musizierten, unter der umsichtigen und sehr inspirierenden Leitung von Chefdirigent Johannes Pell das neue Jahr ein, auf dass es ein möglichst glückliches werde, die Menschen in krisenhaften Zeiten optimistisch bleiben und, wie Intendantin Kathrin Kondaurow bei ihrer Begrüßung meinte, die Gegenwart ein wenig versüßen. Zum Schluss war sie es auch, die als „Blumenmädchen“ die Blumensträuße als Wertschätzung den Protagonisten persönlich überreichte.
Persönlich führte auch der Dirigent Johannes Pell mit Anekdoten aus dem Leben der Komponisten, Witz und Hintergrundwissen sehr charmant und kenntnisreich, mit angenehmer Stimme (zuweilen auch mal kurz singend) und mit ausgezeichneter Textverständlichkeit durchs Programm und wünschte als Österreicher mit dem gesamten Orchester „Prosit Neujahr“ wie die Wiener Philharmoniker bei ihrem Neujahrskonzert. Er hielt das, von ihm als „Star des Abends“ angekündigte, Orchester zusammen und führte es stets zu einer exakten, dynamischen Wiedergabe, zunächst der schnittigen „Ouvertüre“ zur Oper „Donna Diana“ von Emil Nikolaus von Recnizek, die dem Komponisten zwar 1894 den Durchbruch brachte, jetzt aber nahezu vergessen ist, während sich die Ouvertüre in den Konzertprogrammen hält.
Tenor Timo Schnabel überbrachte dem Publikum die „Heimliche Aufforderung“ aus „Vier Lieder“ (op. 27), die Richard Strauss ebenfalls im Jahr 1894 schrieb, hier mit Orchesterfassung, um „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“, sehr bildhaft und transparent, fast lautmalerisch vom Orchester geschildert, mit sauberem Blech, schöner Flöte, Harfe und reichlich Pauke und Schlagzeug mitzuerleben, einen Hexen-Sabbat, nicht etwa aus Goethes „Faust“ und nicht auf dem Blocksberg (Brocken), sondern als Sinfonische Dichtung von Modest Mussorgsky (Bearbeitung von Rimski-Korsakow), bei dem der Spuk mit dem morgendlichen Glockenläuten der nahen Dorfkirche endet und das „Frühlingserwachen“ von Johann Strauss beginnen sollte.
Da jedoch die Sängerin, Maria Perlt-Gärtner, krank war, sprang Christina Maria Fercher als quicklebendige Adele aus der „Fledermaus“ ein und bestätigte einmal mehr, dass es ein großer Fehler sei „wenn sie „nicht zum Theater geh’ “, denn ihre Darbietung war hinreißend, gesanglich perfekt, mit kleinen, passenden Gesten die Rolle unterstreichend und groß in der Ausstrahlung.
Märchenhaft ging es dann mit fünf Stücken aus der Märchensammlung „Ma mere l’oye“ („Meine Mutter, die Gans“ – nicht als Schimpfwort gemeint) von Maurice Ravel weiter im kurzweiligen Programm. Mit 2 Flöten, Englischhorn, Piccolo-Flöte, Klarinette, Violine und Viola und dem dunkel tönenden Kontrafagott aus dem Orchester heraus wurden „Pavane des Dornröschens“, „Gespräche zwischen der Schönen und dem Biest“, „Der kleine Däumling“, „Laideronnette“, „Die „Kaiserin von den Pagoden“ und „Der märchenhafte Garten“ charakterisiert.
Nach der Pause fuhr der „Vergnügungszug“ von Eisenbahn-Fan Johann Strauss nach Osten zu Pjotr I. Tschaikowsky und seinem Ballett „Dornröschen“ (op. 66a) mit sieben verschiedenen Nummern daraus, je nach Charakter flott und mit Humor, ausgelassen, akzentuiert oder auch ein wenig ernster geboten.
Zum märchenhaften Höhepunkt wurde das sehnsuchtsvolle „Lied an den Mond“ der Wassernymphe Rusalka aus der gleichnamiger Oper von Antonín Dvořák, das Christina Maria Frecher mit so viel Hingabe, Ausdruckskraft, Schmelz und Können „wie im Märchen“ sang, gefühls- und klangvoll begleitet vom Orchester unter Johannes Pells großartiger Leitung.
Offiziell beendet wurde das kurzweilige Programm vom Orchester, das von Pell als „Star des Abends“ angekündigt wurde, mit dem, in Wien und Dresden gleichermaßen beliebten, „meistgespielten Strauß-Walzer aller Zeiten“ „An der schönen blauen Donau“ (die eher grün oder grau erscheint), aber es gab noch Zugaben: Trink- und Feierlaune aus „La Traviata“ von Giuseppe Verdi, bei der Timo Schnabel auflebte und Christina Maria Fercher mit ihrer Bühnenpräsenz brillierte, und – echt wienerisch – den „Radetzky“-Marsch“ von Johann Strauß, einschließlich Mitklatschen, mit dem ein heiterer Abend, der sich sehen und noch besser hören lassen konnte, zu Ende ging. Vielleicht hat er manchem Besucher ein wenig Mut und Kraft für das neue Jahr gegeben.
Ingrid Gerk

