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DRESDEN/ Semperoper:SÄCHSISCHE STAATSKAPELLE/ LEIF OVE ANDSNES UND HERBERT BLOMSTEDT (Brahms)

12.11.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper:  DIE BEIDEN „GATTUNGS-ERSTLINGE“ VON JOHANNES BRAHMS IM 3. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT LEIF OVE ANDSNES UND HERBERT BLOMSTEDT – 11.11.2018

Nach ihrer erfolgreichen Asien-Tournee (22.10. – 1.11.) mit dem Robert-Schumann-Zyklus, bei dem unter Christian Thielemann alle vier Symphonien Schumanns aufgeführt wurden, begann die Sächsische Staatskapelle Dresden nun in ihrem 3. Symphoniekonzert mit dem Johannes Brahms-Zyklus unter ihrem Ehrendirigenten Herbert Blomstedt als Auftakt einer Deutschlandtournee (14.-21.11.) nach Berlin, Dortmund, München, Köln, Stuttgart und Freiburg.

Auf dem Programm stehen Brahms‘ Gattungs-Erstlinge, die „Symphonie Nr. 1 c‑Moll“ (op. 68) und das „Klavierkonzert Nr. 1 d‑Moll“ (op. 15) mit dem norwegischen Pianisten Leif Ove Andsnes, der 2007 zum ersten Mal mit der Staatskapelle auftrat und 2010 mit ihr gemeinsam, ebenfalls unter der Leitung von Herbert Blomstedt, Wolfgang Amadeus Mozarts „Klavierkonzert Nr. 24 c‑Moll“ spielte. Bei Blomstedts erstem Konzert mit der Dresdner Staatskapelle vor 50 Jahren erklang ebenfalls ein Werk von Brahms, sein „Violinkonzert D‑Dur“, so dass sich nun ein musikalischer Kreis schließt und in besonders festlicher Weise „Goldene Hochzeit“ gefeiert wurde.

Beide Werke von Brahms hatten es zu ihrer Entstehungszeit nicht leicht und standen sehr im Widerstreit der Kritik und des Publikums wegen der Neuerungen in diesen Gattungen, aber auch andere Komponisten wie Max Reger, Hugo Wolf, Tschaikowsky, Bruckner u. a. waren sehr unterschiedlicher Meinung. Brahms tat sich schwer mit der Komposition, zu sehr fühlte er „den musikalischen Riesen“ Beethoven „hinter sich hertappen“, aber er schuf zwei Meisterwerke, die die Nachwelt nun zu schätzen weiß und die Beethoven ebenbürtig sind.

Bei der Uraufführung des Klavierkonzertes erhielt Brahms mehr Beifall als Pianist, denn als Komponist. Erst mit seiner zunehmenden Berühmtheit gewann auch das 1. Klavierkonzert an Wertschätzung. Damals meinte man “keine Schönheit“ darin zu finden, was aus damaliger Sicht, wo man empfindsame, einschmeichelnde Melodien, klassisch verarbeitet, gewohnt war, sogar verständlich ist. Jetzt ist man da ganz anderer Meinung, zumal wenn die Musik durch eine, man möchte sagen adäquate, Interpretation so plastisch wiedergegeben wird wie bei diesem Konzert. Da kann diese etwas herbe, ungewohnte, oft verborgene Schönheit begeistern, und doch erreicht dieses Klavierkonzert mit sinfonischem Charakter auch in unserer Zeit nicht die Popularität wie das sehr beliebte 2. Klavierkonzert und wird noch immer von manchem Musikliebhaber sehr mit Zurückhaltung betrachtet.

Ungeachtet dessen, entfalteten Leif Ove Andsnes und die Sächsische Staatskapelle unter Blomstedt nach anfänglichen sehr temperamentvollen Orchesterklängen mit mächtig anschwellenden, wie infernalisch Unheil dräuenden Paukentönen durch die anschließend versöhnenden“ Streicher und Holzbläser, die mit allen, der Staatskapelle eigenen Feinheiten aufwarteten, die volle, ein wenig exotisch anmutende Klangschönheit, und auch Andsnes stellte die Feinheiten dieses Konzertes, die unterschwellige „Schönheit“ in schillernder Farbigkeit in den Vordergrund und ließ sie sich voll entfalten, konnte aber auch mit virtuosem Nachdruck aufwarten. Er gestaltete den Solopart, der oft mit dem Orchester verschmilzt, sehr einfühlsam mit wunderbar klingendem Anschlag, feinsinnigen Piani und pianistischer Virtuosität, und das alles äußerlich völlig unauffällig, ohne große Gesten, nur die Finger, in denen auch viel Kraft steckt, bewegten sich mit Geschmeidigkeit und zauberten eine Klangwelt geistiger Durchdringung.

Es mutet zwar etwas merkwürdig an, wenn Dirigent und Orchestermusiker im Frack und die Musikerinnen im langen schwarzen Abendkleid erscheinen und der Solist am Flügel im schlichten dunklen Anzug, aber welche Offenbarung bei den ersten Tönen! Bei seinem Spiel, seinem großen Können, aber schlichten Wesen vergisst man alle Äußerlichkeiten. Er hatte das Wesen dieser Musik, die unter Herbheit versteckte Sensibilität erfasst und vermittelte sie nicht vordergründig, nicht aufdringlich, sondern tiefgründig und nachhaltig. Jeder Ton, jeder Takt hatte seinen Platz im Gesamtgefüge, keine Note ging bei dieser wunderbaren Klarheit etwa „in Getöse unter“.

Da „verschwamm“ nichts, es stimmte einfach alles. Unmerklich übernahm Andsnes mit dem Solopart die Führung, die sich genial aus dem Anfangs-„Wirbel“ (der an die Entstehung der Welt in Haydns „Schöpfung“ erinnerte) entwickelt, bzw. überließ dies dem Komponisten und stellte das eigene Ego ganz in den Dienst der Musik und der Intentionen von Brahms. Es löste sich quasi im Charakter der Musik auf. Er selbst meint: „… wie ein Chamäleon zu sein. Man muss sich für jedes Stück ein wenig ändern“. Das ist sein Geheimnis, das so großartige Wirkung hervorruft.

Blomstedt mit 91 noch kein bisschen leise, leitete die Kapelle in ungebrochener Frische und „ungebremstem Temperament“ mit dezenten, zurückhaltenden Gesten, weil ein Mehr nicht nötig war. Solist, Kapelle und er verstanden sich „im Geist“, in ihrer Auffassung zu Brahms‘ Musik. Reine Orchester-Passagen, auch mit gut eingefügter Pauke, waren von Blomstedts Temperament geprägt. In einem Wechsel zwischen kraftvollem Orchester und dem herrlichen Solopart mit sehr feinsinnigen, lyrischen Passagen in organischem Auf- und Abschwellen entstand ein Konzert voller faszinierender Klangschönheit, zu dem auch die sauberen, klangschönen Bläser wesentlich beitrugen. Es war eine Wiedergabe von besonderem Reiz.

Kein Wunder, dass vor dem Applaus erst einmal Stille eintrat. Als Zugabe spielte dann Andsnes das „Nocturne“ op. 15 Nr. 1 F‑Dur” von Frédéric Chopin mit der gleichen Selbstverständlichkeit, die alles einschließt, mit der er, äußerlich kaum erkennbar, sensiblen Klang oder kraftvolle Virtuosität zaubert.

Ähnlich wie das Klavierkonzert beginnt auch die 1. Symphonie stürmisch hereinbrechend. Clara Schumann schrieb damals: „…der 1. Symphoniesatz mit … kühnen Anfang. Das ist nun wohl etwas stark, aber ich habe mich sehr schnell daran gewöhnt. Der Satz ist voll wunderbarer Schönheiten“. Diese eigenwilligen Schönheiten brachten Blomstedt und die Musiker der Staatskapelle mit ihrem gemeinsamen Leistungswillen in seltener Harmonie wie eine „organische Einheit“ mit sehr viel Leidenschaft und Einfühlungsvermögen, ausdrucksstark und klangschön bis zu „himmlisch“ schönen Klängen und großer Klarheit der Symphonie, bei der, wie sich Clara Schumann äußerte, „alles so interessant ineinander verwoben“ ist, zur Geltung. Es wurde mit Herz und Seele, leidenschaftlichem Temperament, aber auch verhaltener Sensibilität musiziert. Auch hier setzten die Bläser entscheidende Akzente, insbesondere Solo-Horn, -oboe und -flöte. Es war Brahms vom Feinsten.

In den beiden ersten Symphoniekonzerten (10./11.11.) spielte die Sächsische Staatskapelle, im dritten (12.11.) Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle gemeinsam mit Musikern des Gewandhausorchesters Leipzig, um ein Zeichen für ein friedliches Miteinander zu setzen und die Tradition des Miteinander der beiden größten sächsischen Orchester fortzuführen. Eine Rivalität, wie sie gern in den Medien erfunden wird, gibt es nicht, und wer könnte besser diese Verbindung leiten als Blomstedt, der die Sächsische Staatskapelle 10 Jahre lang (1975 – 1985) als Chefdirigent prägte und als 18. Gewandhauskapellmeister (1998 – 2005) in Leipzig wirkte. Jetzt ist er Ehrendirigent beider Orchester.

Das Gemeinschaftskonzert wurde live (12.11.) im Rundfunk (mdr Kultur) übertragen. Im Vergleich beider Konzerte gab es Unterschiede in der Klangwirkung und auch in den Feinheiten der Interpretation (wobei eine Live-Übertragung nicht mit einem Live-Konzert verglichen werden sollte). Am Ende beider Konzerte gab es Standing Ovations nach einer sinnvollen „Besinnungspause“, was nicht zuletzt die Begeisterung und auch Ehrung für Blomstedt zum Ausdruck brachte.

Ingrid Gerk

 

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