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DRESDEN/ Semperoper: SONDERKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE ZUM AUFTAKT DER 13. INTERNATIONALEN SCHOSTAKOWITSCH TAGE

30.06.2022 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: SONDERKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE ZUM AUFTAKT DER 13. INTERNATIONALEN SCHOSTAKOWITSCH TAGE – 29.6.2022

Nach zweijähriger Improvisation können die 13. Internationalen Schostakowitsch Tage (30.6. – 3.7.) seit der Corona-Pandemie erstmals wieder im Kurort Gohrisch in der Sächsischen Schweiz, einer bizarren Felslandschaft in der weiteren Umgebung Dresdens, stattfinden, in dem Ort, wo sich Schostakowitsch zweimal aufhielt, das erste Mal, um die Musik zu einem Dokumentarfilm zu schreiben, wobei er „nebenbei“ sein 8. Streichquartett komponierte, und das zweite Mal im Urlaub.

2010 in Kooperation mit der Kammermusik der Sächsischen Staatskapelle gegründet, widmet sich das Festival – als erstes seiner Art weltweit – jährlich dem Schaffen Dmitri Schostakowitschs und seiner Zeitgenossen. Als Auftakt des Festivals veranstaltet die Sächsische Staatskapelle am Vorabend jeweils ein Sonderkonzert in Dresden.

Im Zentrum des diesjährigen Konzertes stand das „Violinkonzert Nr. 1“, „Offertorium“ der zweimaligen Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina, das im Jahr 2015 schon einmal bei der Staatskapelle erklang. Jetzt präsentierte Vadim Gluzman, der 1973 in der Ukraine geborene, in Lettland, Russland und den USA ausgebildete, von Isaac Stern geförderte, jetzt vorwiegend in Israel lebende, Geiger seine Sicht auf das Werk, umrahmt von der Ersten und Neunten Symphonie  Schostakowitschs.

Schostakowitschs frühreifes Meisterwerk, seine „Symphonie Nr. 1 f‑Moll (op. 10), die er als neunzehnjähriger Konservatoriums-Absolvent schrieb und die 1926 ihre aufsehenerregende Uraufführung erlebte, eröffnete den Konzertabend. Er nannte sie seine „Symphonie-Groteske“. Flüchtig betrachtet, wirkt diese Symphonie voller Wagemut, Frechheit, Aufbruchstimmung und Genialität, vor allem zu Beginn vorwiegend heiter. Unter aller „Leichtfüßigkeit“ und heiter-kuriosem Schein verbergen sich aber – wie später bei fast allen seinen Werken – dunkle Schatten, neben vermeintlich Heiterem auch Unheil.

Das groß besetzte Orchester mit den besten Musikern an den ersten Pulten musizierte mit nicht mehr zu toppender Transparenz und viel Hingabe. Die Musiker widmeten sich mit großem Engagement und Werkverständnis jeder Passage, leicht und locker, wirklich „spritzig“ gespielt, vom fein getupften bis zum kraftvollen, traurigen und beklemmenden Detail, mit wunderbaren solistischen Violinpassagen, wobei immer wieder die klangvollen und sensiblen Partien bei dieser fulminanten Wiedergabe seitens der Kapellmitglieder „den Ton angaben“. Omer Meir Wellber begleitete das musikalische Geschehen am Dirigentenpult hin und wieder mit kräftigen, zum Teil ausladenden, dekorativen Gesten, vor allem bei einzelnen, markanten Passagen.

 Den Mittelpunkt des Konzertes bildete das, von Gidon Kremer angeregte und auch uraufgeführte, von J. S. Bachs „Musikalischem Opfer“ inspirierte, religiös und spirituell geprägte, 1981 in Wien uraufgeführte Violinkonzert von Sofia Gubaidulina, die damit als Fünfzigjährige ihren internationalen Durchbruch als Komponistin erlebte. Es trägt hörbare Spuren von Bachs Musik, „den größten Einfluss“ aber hatten nach ihrer Aussage „Dmitri Schostakowitsch und Anton Webern“, der jedoch in der Musik „scheinbar keine Spuren hinterlassen hat“, wie sie meinte.

Diese Verbindung von zeitgenössischer Musik und sensiblem Schönklang, meditativer Versenkung und Konstruktion, zwischen Religion und Expression in einer großen Bandbreite an Ausdrucksformen von barocken Satzstrukturen und Affektformen bis zu lyrischen, schwelgerischen und meditativen Klängen, ungewohnten Glissando-artigen Passagen, Klangballungen und ‑schichtungen bis zum meditativ anschwellenden Streicherchoral war bei der Kapelle in den allerbesten Händen. Der besondere, individuelle Klangsinn der Komponistin, der das Werk zwischen Musikalität und spirituellem Gehalt durchwebt, prägte die Wiedergabe.

Gluzman, ein Musiker mit großer Tiefe, Virtuosität und technischer Brillanz, ließ die Solovioline mit geschmeidigem Strich auf der, aus dem Jahr 1690 stammenden, „ex-Leopold Auer“ Stradivari, lockeren Trillern, chromatischen Clustern und großer und monumentaler Kadenz gleichsam aus dieser Klangwelt „herauswachsen“. Solist und Orchester musizierten auf gleicher Wellenlänge, ergänzten und inspirierten sich gegenseitig. Wellber hielt sich mitunter in „statischer“ Haltung zurück. Von ihm ging hier kaum eine Inspiration aus.

Als Dank für den bewundernden Applaus bedankte sich Gluzman mit einer Zugabe, der sehr zart, sehr lyrisch, sehr fein gespielten „Serenade für Violine solo“ des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov.

Bei der, das Programm beschließenden, „Symphonie Nr. 9 Es‑Dur (op. 70) von Schostakowitsch, die die damaligen großen regierungsseitigen Erwartungen mit Humor und Sarkasmus und versteckter Provokation ad absurdum führte, wurde vom Orchester mit wunderbarer Klanglichkeit und Einfühlungsvermögen wiedergegeben. Es gab wunderbare solistische Leistungen bei Violine und Fagott sowie den Blechbläsern. Dennoch vermisste man letztendlich doch die alles „bündelnde“ Inspiration durch den Dirigenten. Im Gegensatz zu der temperamentvollen Interpretation durch Andris Nelsons und die Wiener Philharmoniker bei den Dresdner Musikfestspielen blieb es hier bei sehr gut gestalteten, sehr klangvollen, mit Perfektion ausgeführten, aufeinanderfolgenden Passagen.

Nebenbei: wenn alle Musiker im Frack und die Musikerinnen im Abendkleid erscheinen (was beim aktiven Musizieren auch nicht immer leicht ist), wirkt es unangebracht, wenn der Dirigent in legerem „Zivil“ erscheint.

Ingrid Gerk

 

 

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