Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Semperoper: SOL GABETTA UND MYUN-WHUN CHUNG IM 11. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

15.06.2022 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: SOL GABETTA UND MYUN-WHUN CHUNG IM 11. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 14.6.2022

„Willkommen und Abschied“ liegen oft dicht beieinander. Im 11. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden bildeten sie die Gegenpole der beiden aufgeführten Werke. Robert Schumann schrieb sein „Violoncellokonzert a‑Moll“ (op. 129), in einer glücklichen Aufbruchsphase seines Lebens, als er gerade mit seiner Familie nach Düsseldorf übergesiedelt war und als Musikdirektor begeistert empfangen wurde. Pjotr I. Tschaikowsky komponierte seine „Symphonie Nr. 6 h‑Moll“ (op. 74), die „Pathétique“ am (vorzeitigen) Ende seines Lebens.

 Schumanns heiteres Cellokonzert lag bei der Ausnahme-Cellistin Sol Gabetta in den besten Händen. Sie begann mit kräftiger, nicht vordergründiger Tongebung und musizierte mit optimistischer Freude und Engagement, ließ kein Detail unberücksichtigt und erweckte die Klangwelt, über die Clara Schumann in ihrem Tagebuch schrieb „Von welchem Wohlklang und tiefer Empfindung sind alle die Gesangsstellen darin“, zum Leben. Sie hatte den Charakter dieses Konzertes voll und ganz erfasst und widmete sich mit ihrer frappierenden und wie selbstverständlich wirkenden Technik und ihrem musikalischen Verständnis und Empfinden ganz der heiteren Ernsthaftigkeit und dem Wohlklang dieses Werkes.

Im Gegensatz zu ihrem harmonisch fließenden Spiel wirkte das nicht allzu große Orchester mit den besten Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle an den ersten Pulten mit ihren solistischen Fähigkeiten und kammermusikalischen Erfahrungen wider Erwarten wenig ausgeglichen. Es hätte das Pendant zu Gabettas feinsinnigem, beseeltem, ausdrucksvollem Spiel werden können, was den Streichern auch gelang, wenn nur die (guten) Holzbläser nicht von Chung derart zu „schmetternder“ Lautstärke aufgefordert worden wären, dass sie bei jedem ihrer Einsätze die Harmonie und den wechselseitigen Dialog zwischen Solistin und Orchester, der den Reiz dieses romantischen Solokonzertes ausmacht, beeinträchtigten. Sie konnten sich nicht in den Gesamtklang einfügen, aus dem sich das Solo-Cello erhebt, was sie ihrerseits durchaus vermocht hätten. Nur das wunderbar klangschöne Fagott-Solo (Joachim Hans) bildete eine ausgezeichnete Ergänzung zum Solo-Cello.

Das Publikum wusste Sol Gabettas Leistung zu schätzen, auch wenn so manche ihrer wunderbaren Solopassagen im zu laut kontrastierenden Orchester „verschüttet“ wurde. Für den vielen Beifall bedankte sie sich mit ihren besonderen Spezialitäten in zwei sehr interessanten Zugaben, einer romantischen, bei der sie im Verein mit vier Cellisten aus dem Orchester in schöner Harmonie ein sehr melodiöses, leicht wehmütiges Stück für fünf Celli (ohne Dirigent!) mit ihr als führender Stimme, getragen, fast meditierend zu Gehör brachte, und einer sehr virtuosen Solo-Zugabe mit ungewöhnlich erzeugten Tönen, Glissandi und Chromatik, gezupft und gestrichen, bei der sie ihr Können und sogar ihre schöne Stimme Vokalisen-artig einfließen ließ.

Im Gegensatz zu diesem heiteren ersten Teil, atmet Tschaikowskys „Pathétique“, seine „Tragische“, seine persönlichste, deren Uraufführung er neun Tage vor seinem Tod noch selbst leitete, und die den Gipfelpunkt und (vorzeitigen) Abschluss seines Œuvres darstellt, Todesnähe. Wie auch der Beiname andeutet, handelt es sich hier um ein sehr empfindsames Werk von erschütternder Melancholie, einen Abschied vom Leben, der in jedem Takt spürbar ist. Tschaikowsky betrachtete die Sinfonie als sein persönlichstes Werk. Allein die Tatsache, dass der Finalsatz, nicht wie gewöhnlich, ein „Allegro“, sondern – sehr ungewöhnlich – ein ausdrucksvolles „Adagio“ mit dem Charakter eines „Requiems“ ist, lässt eine ungewöhnliche Lebenssituation erkennen, auch erklärbar aus seiner Lebensgeschichte.

Myung-Whun Chung, der Erste Gastdirigent der Sächsischen Staatskapelle, schien es an diesem Abend besonders lautstark zu mögen. Er hatte das Werk in der gegenwärtig üblichen Gepflogenheit groß angelegt mit einer grandiosen Steigerung von den einleitend sehr sanften wehmütigen, düsteren „Adagio“-Klängen und dem klangschön und ausdrucksstark vom Solo-Fagott in tiefer Lage exponierten Motiv des späteren Hauptthemas, auf das die Kontrabässe und später die Bratschen folgten und schließlich das gesamte, feinfühlig musizierende Orchester, u. a. mit sehr schönen Flöten einstimmte, bis zu einem Höhepunkt mit Fanfaren der Blechbläser im ersten Satz über einen schwungvollen, mit walzerartigem Charakter an heitere Lebensfreude erinnernden zweiten Satz bis zu stetig anschwellender Lautstärke, die in einer riesigen Steigerung den dritten Satz mit seinem stürmischen Charakter, „rastlosen Streichern, windartig pfeifenden Holzbläsern und donnernden Blechbläsern“ fast zum Bersten brachte.

Die emotionsgeladenen Wellen schlugen hoch, den Satz stark überzeichnend. Ein Mehr an Lautstärke dürfte nicht mehr möglich sein, so dass das Fassungs- und Aufnahmevermögen überschritten und damit Aus- und Eindruckskraft eher gemindert als verstärkt wurde. Das Orchester hielt mit großer Disziplin und Können in bewundernswerter Geschlossenheit mit, wobei der Orchesterklang dem aller großen Orchester in gesteigertem Fortissimo glich. Die Emotionalität des dritten Satzes ging verloren.

Dann folgte eine Zäsur, durch eine längere (General‑)Pause deutlich gemacht, bevor das „Adagio“ als Final-Satz klagend begann, milder, versöhnlicher, und leise, leise, kaum noch hörbar ausklang.

Es war eine grandiose, sensationelles Aufführung mit einer Steigerung an Lautstärke, die kaum mehr zu übertreffen sein dürfte, aber vom berühmten „Dresdner Staatskapellen-Klang“, der sich vor allem in den leisen und mittleren Passagen voll entfaltet, blieb nicht viel. Was nützt ein großartiges Forschungsprojekt, mit dem zurzeit dieser Klang erforscht werden soll, wenn er auf diese Weise verlorengeht.

Es sollen aber auch die positiven Eindrücke erwähnt werden, das ausgezeichnete Solo-Fagott und seine Fagott-Kollegen, die Flöte(n) und die immer perfekten Streicher, denen kein Dirigent ihren wunderbaren Klang nehmen, sie höchsten zudecken kann, die allesamt guten Bläser, der dezent und perfekt und dadurch umso wirkungsvollere Gongschlag, der einen besonderen Akzent setzte, und die sich sehr gut ins Gesamtgeschehen einfügende Pauke.

Wenn man bedenkt, dass Tschaikowsky eher als sehr empfindsamer Mensch von seinen Zeitgenossen geschildert wird, wäre hier ein Weniger an Lautstärke ein Mehr an Ausdruck gewesen. Er war kein Kämpfer, der sich vehement gegen ein Schicksal aufbäumt, sondern eher ein Leidender, ein Dulder, der sein Los im Stillen trägt. Die Interpretation von Musik sollte nicht zur „sportlichen“ Disziplin werden. Hier geht es auch um Inhalte und um das mit Tönen auszudrücken, was das gesprochene Wort nicht mehr vermag.

Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken