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DRESDEN/ Semperoper: SOIREE – FRANZ SCHUBERTS "WINTERREISE" – Einmal Anders

17.11.2017 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: SOIREE: FRANZ SCHUBERTS „WINTERREISE“ – EINMAL ANDERS – 16.11.2017

Die „Winterreise“ von Franz Schubert, dessen 220. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert werden könnte, gilt als einer der anspruchsvollsten Liederzyklen. Er wurde und wird von den berühmtesten Sängern (und Sängerinnen) wie Kurt Böhme, Dietrich Fischer-Dieskau, Theo Adam, Peter Schreier, Christa Ludwig, Jonas Kaufmann, um nur einige zu nennen, aber auch jüngeren Sängern, die am Anfang ihrer Laufbahn stehen, gesungen, von Bass, Bariton, Tenor und sogar Alt oder Mezzosopran, mit Klavier- oder anderer Instrumentalbegleitung und auch halbszenisch.

Jetzt war an der Semperoper eine Soiree mit drei Sängerinnen und drei Sängern, alle Mitglieder des Ensembles, angekündigt, darunter die beiden versierten Sängerinnen Christa Mayer und Christina Bock, die dann aber bei der Soiree leider nicht dabei waren. Es blieben Carolina Ullrich, Bernhard Hansky, Matthias Henneberg und Gerald Hupach, die auf dem roten Sofa bzw. zweien davon Platz genommen hatten. Zusammen mit zwei kleinen weißen Tischchen, dem Flügel und einer großen Blumenvase, deren Inhalt am Schluss an die Künstler verteilt wurde, vermittelten sie eine Art Wohnzimmer- oder Salon-Atmosphäre, die an die Schubertiaden zu Franz Schuberts Zeiten erinnern konnte, bei denen sich der Freundeskreis aus Künstlern, vor allem Musikern und Malern, im Wohnzimmer eines der Freunde einfand und Schubert seine neuesten Kompositionen vortrug, worauf Moderatorin Anna Melcher zu Beginn der Veranstaltung u. a. aufmerksam machte.

Man war gespannt auf vielleicht eine besondere Deutung des Liederzyklus, vielleicht ein gelungenes Experiment mit unkonventioneller Gestaltung, aber es blieb bei abwechselndem Gesang, bei dem sich jeder der vier Sänger einige Teile der „Winterreise“ vorgenommen hatte. Eine besondere Beziehung zwischen Sängerpersönlichkeit oder Timbre und ausgewählten Abschnitten war dabei nicht zu erkennen. Einige Sänger hatten den Liederzyklus schon öfters interpretiert, andere sangen hingegen ihren Teil zum ersten Mal.

Jeder konzentrierte sich vor allem auf die gesangstechnische Seite und weniger auf den geistig-emotionalen Gehalt und Inhalt des adäquat in Musik umgesetzten Textes von Wilhelm  Müller mit seiner enttäuschten Liebe, Verzweiflung und Todessehnsucht.

Carolina Ullrich sang mit ihrer jugendlich zarten, vor allem in der Höhe sehr klaren, angenehm klingenden Stimme die Teile „Frühlingstraum“ („Ich träumte von bunten Blumen …“) und „Einsamkeit“ („Wie eine trübe Wolke …“) eher unbekümmert, wie in der Geborgenheit eines warmen Heimes, statt eines bei Winterkälte in unwirtlicher Natur, bei Nacht und Nebel, Frost und seelischem Frust umherirrender, vereinsamter Mensch, ein in trüber Umgebung verzweifelter Wandernder, der mehr sarkastisch ein wenig vorübergehende Hoffnung und Optimismus schöpft. Ob sie als Chilenin trotz guter deutscher Aussprache eine Beziehung zu den romantischen deutschen Texten hatte?

Wie auch die drei anderen Sänger verfügte sie über eine gute Textverständlichkeit, aber es mutet doch etwas merkwürdig an, wenn in diesem Zusammenhang eine Frau singt: „Wann halt ich mein Liebchen im Arm?“. Mit sanfter Stimme sang Carolina Ullrich auch “Der Wegweiser“ (Was vermeid ich denn die Wege …“) und „Das Wirtshaus“ („Auf einen Totenacker“ – keine Spur von Verzweiflung, eher lieblich gesungen. Ihre Stimme ist für Liedgesang sehr gut geeignet, doch bei diesen Liedern voller Verzweiflung eines von der Liebe enttäuschten, von Schubert im Todesjahr des Textdichters und ein Jahr vor seinem eigenen Tod komponierten Liederzyklus denkt man dann doch eher an die intensive Gestaltung eines Peter Schreier, die immer noch in guter Erinnerung ist. Schließlich gab er mit diesem Liederzyklus in Wien seinen Abschied von seiner aktiven Sängerlaufbahn.

Energisch, zuverlässig und mit härterer, weniger klangvoller Stimme wandte sich Gerald Hupach den Teilen „Erstarrung“ („Ich such im Schnee vergebens …“), mit starkem, theatralischem Ausdruck zu, jedoch kaum emotional, eher mit einem gewissen inneren Abstand, auch bei dem bekannten, etwas weicher gesungenen „Am Brunnen vor dem Tore“ und der „Post“ wollte sich nicht unbedingt die erwartete Emotionalität einstellen.

Am ehesten wurde Matthias Henneberg mit „Auf dem Flusse“ („Der du so lustig rauschtes“) und dem beklemmenden „Im Dorfe“ („Es bellen die Hunde …“) dem Duktus der „Winterreise“ gerecht. Er hat Erfahrung auf diesem Gebiet und sang ausgeglichen, nicht vordergründig, mit verhaltenen Gefühlen und mit Niveau.

Um ernsthaften Ausdruck bemüht, eher dramatisch, brachte Bernhard Hansky die ersten drei Abschnitte „Gute Nacht“ („Fremd bin ich eingezogen, fremd zog ich wieder aus …“, „Die Wetterfahne“ und „Gefror’ne Tränen“ zu Gehör und schloss den Kreis mit „Die Nebensonnen“ und dem „Leiermann“.

Wirklich „unter die Haut“ ging – so paradox es auch klingen mag – die Klavierbegleitung von Jobst Schneiderrat, ein versierter und erfahrener Begleiter, der weiß, worauf es ankommt. Die letzten Töne nach dem „Leiermann“ ließen noch einmal gefühlsmäßig die Stimmung Revue passieren und bildeten den entsprechenden Abschluss, der im Gedächtnis bleibt. Sie ließen diese „schauerlichen Lieder“, wie sie Schubert selbst nannte, mit dem gewohnten „Schauder“ ausklingen. Er spannte während des Abends die Ebene auf, auf der sich die Sänger hätten entfalten können. Unter seinen Händen entstand ein ideales Fundament für den Gesang. Er fing tonmalerisch die frostige Naturstimmung ein, skizzierte die seelische Verfassung des hoffnungslos Wandernden, ließ einen Hoffnungsschimmer aufkeimen und verband alles in schöner Kontinuität, die schon durch den Wechsel der Sänger immer wieder unterbrochen wurde. Mit seiner wunderbaren Gestaltung stand er allein auf weiter Flur. Keiner der Sänger nahm seine Intentionen wirklich auf. Es fehlte ein gemeinsames kongeniales Miteinander. Man ist diesbezüglich in Dresden sehr verwöhnt.

Für Besucher, die die „Winterreise“ vielleicht zum ersten Mal hörten, mag es ein Erlebnis gewesen sein. Andere Musikfreunde werden sich an die Liederabende mit nur einem Interpreten wie Theo Adam, Peter Schreier und anderen prominenten Sängern erinnert haben, bei denen eine durchgängige Gestaltung dieses Liederzyklus einen tieferen Eindruck hinterließ.

Diese Soiree war vielleicht eine Idee, jedoch nicht unbedingt nachahmenswert. Sie hinterließ kaum einen nachhaltigen Eindruck, bot zwar Abwechslung, unterbrach aber immer wieder den durchgängigen musikalischen Fluss. Schließlich waren die Sänger in Ihrer Persönlichkeit und ihrem Timbre sehr unterschiedlich.

Die Soireen der Semperoper sind mit ihren Programmen meist vielversprechend, aber sie halten nicht unbedingt immer, was sie versprechen.

Ingrid Gerk

 

 

 

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