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DRESDEN/ Semperoper: „SCHWANENSEE“ MIT HAUSDEBÜT VON MARCELO GOMES

25.05.2019 | Ballett/Tanz

Dresden / Semperoper: „SCHWANENSEE“ MIT HAUSDEBÜT VON MARCELO GOMES – 24.5.2019

Der mehrfach mit Preisen, u. a. Hope Prize der International Ballet Competition (Lausanne, 1996), Benois de la Danse (2008), Dance Magazine’s Dancer of the Year Award (2016)) ausgezeichnete, Erste Solist, Marcelo Gomes gab jetzt nach seiner Tätigkeit beim American Ballet (bis 2017), zahlreichen Gastauftritten bei den berühmten Ballettcompanien und internationalen Tanzfestivals weltweit sowie seiner Tätigkeit als Choreograf und Ständiger Gast beim Sarasota Ballet sein Hausdebüt an der Semperoper in der Rolle des Prinzen Siegfried in „Schwanensee“ (3 Vorstellungen), dem sein Debüt als Oberon in Frederick Ashtons „The Dream“ (2 Vorstellungen) im Juni folgen wird.

„Schwanensee“, das „klassischste“ aller abendfüllenden klassischen Ballette, erfreut sich in der Choreografie von Aaron S. Watkin (2009) nach den originalen Quellen von Marius Petipa und Lew Iwanow, der überaus gelungenen Bühnengestaltung von Arne Walther mit dem magischen Lichtdesign von Wieland Müller-Hasliner und den, an historischen Stilepochen orientierten, Kostümen in eleganter Farbigkeit von Erik Västhed größter Beliebtheit. Hier stimmt einfach alles.

In einem kongenialen Miteinander von P. I. Tschaikowskys Musik, live von der Sächsischen Staatskapelle Dresden gespielt, an diesem Abend unter der Leitung von Nathan Fifield, und der perfekten, mit scheinbarer Leichtigkeit, Grazilität und Anmut bis in die „letzte Reihe“ vom Semperoper Ballett sowie Teilnehmern des Elevenprogrammes und Studenten der Palucca Hochschule für Tanz Dresden ausgeführten, mit diversen Schwierigkeiten gespickten, Choreografie Watkins, bei der sich die Handlung von selbst erklärt, beeinflussen und ergänzen sich die verschiedenen Faktoren gegenseitig und vereinen sich zu einem kongenialen Ganzen. Die zusätzlich eingeführte, eher naive Mise en scène von Francine Watson Coleman, bei der zusätzlich Odettes Großmutter (Carola Schwab, die auch die verwitwete Fürstin darstellt) eingeführt wird, wirkt bei der perfekten Ausführung durch die Tanzenden sogar handlungsergänzend und -erläuternd.

Wenn die Musik auch zu Beginn mitunter laut und derb zu sehr im Kontrast zu den grazilen Bewegungen der Tanzenden und der distinguierten Zeremonie beim Hoffest stand, glätteten sich doch die Wogen sehr bald bis hin zum langen, anspruchsvollen Violinsolo (Matthias Wollong), teils mit Begleitung von Harfe und zupfenden Streichern in oft völliger Harmonie mit den ausdrucksvollen Bewegungen der Tanzenden. Oft verschmolzen sanfte, gefühlvolle Klänge fast völlig mit dem Geschehen auf der Bühne, das der dort optisch wirksam dargestellten, magisch beleuchteten, Natur zu entwachsen schien.

Während sich der Prinz beim Fest gelangweilt zurückzieht, fällt der Blick durch die geöffnete Loggientür durch geschickte Projektionen mittels eingeblendetem Video auf fliegende Schwäne am Himmel (Naturaufnahmen), die später auf dem See landen, der von Bäumen flankiert wird, zu denen sich – wie in einer Assoziation – unmerklich die durchbrochenen gotischen Wände des Schlosses gewandelt haben. Wenn sich Odette aus einem, der auf dem See landenden, Schwäne im Lichtkegel erhebt und zu tanzen beginnt, ist die Illusion perfekt.

Hier dienen die bewährten klassischen Prinzipien im besten Sinne einer Weiterentwicklung, wird die alte, vom Publikum geliebte, romantische Bühnengestaltung zur Grundlage einer neuen, progressiven im scheinbar gewohnten Stil. Da finden tatsächlich psychologisch durchdachte, dem Leben abgelauschte Assoziationen und Wandlungen statt, die unmerklich die Wirklichkeit zum Traum und den Traum zur Realität werden lassen, wo sich Natur und Märchen, Märchen und Realität vereinen, verschwimmen und ein plausibles Ganzes bilden, märchenhaft und doch gegenwärtig.

Aus diesem gegenwärtigen Traum scheint auch die Choreografie zu erwachsen, bei der die klassischen Formationen immer wieder durch plötzlich hereinbrechende, kreuzende Linien der Tanzenden aufgebrochen und aufgelöst werden, um sich zu neuen ästhetischen Formationen und Bildern zu formieren. Es ist immer alles in Bewegung. Es gibt keine Ermüdungserscheinungen, weder bei den Tänzern, noch beim Publikum. Die beliebten romantischen Bühnenbilder und Klischees werden in passender Weise aufgebrochen und weiterentwickelt, um in die Gegenwart geholt zu werden, ohne das Stück zu beschädigen oder zu entfremden, sondern den Besuchern sehr nahe zu bringen.

Die groß besetzte Ballettcompanie trägt das ihrige zu dieser fesselnden Darstellung bei. Da funktioniert alles minutiös und nahtlos. Es gibt keine „Lücken“ oder Brüche. Alles ist immer im Fluss, kontinuierlich, dynamisch und spannungsreich. Mit äußerster Präzision, auch bei den „Kleinen Schwänen“ berühren die ständig auf Spitze tanzenden Damen – wie entmaterialisiert – kaum den Boden mit den Füßen, immer voller Anmut, grazil und „elfenhaft schwebend“, auch bei den kleineren Rollen. Die zahlreichen Sprünge, Pirouetten und Hebefiguren scheinen von ungeheurer Leichtigkeit zu sein und sind doch so schwer. Die Herren erscheinen mit kraftvoller Eleganz und bilden das Pendant zur dieser federnden Leichtigkeit. Es gibt immer wieder neue, interessante Bilder mit Solotänzen, Paaren und kleinen Gruppen. Allein wie die schwarzen Schwäne unter Rotbarts Regie (Gareth Haw), der seinerseits mit beachtlichen Sprüngen und bedrohlichen Gesten aufwartet, immer wieder die Tänze auf dem Fest durchkreuzen, belebt die Szene und trägt viel zur internen Spannung bei.

Ebenfalls gute Sprünge, Drehungen und Pirouetten präsentiert in ausgiebigen Serien Alejandro Martinez als Freund des Prinzen. Zentrale Gestalt des Abends war aber nicht nur ihrer Rolle wegen als Odette/Odile, sondern auch und vor allem mit ihren tänzerischen Leistungen und agiler Darstellung Alice Mariani. Es gelang ihr sogar, nach dem Tanz mit ihrem Partner, aus dem Stand minutenlang auf einer Spitze zu stehen und das andere Bein abzuspreizen, was jetzt so viele versuchen, aber nur selten gelingt. Sie brillierte u. a. auch mit einer langen Pirouetten-Serie, der sich Marcelo Gomes mit einer ebensolchen anschloss. Obwohl er sich mit seiner sehr eleganten Gestalt und Haltung, ausdrucksstarken Mimik und Persönlichkeit sowie seinen Sprüngen und Pirouetten durchaus sehen lassen konnte, hielt er sich beim begeisterten Schlussapplaus allzu bescheiden zurück und überreichte seinen Blumenstrauß symbolhaft seiner Partnerin Alice Mariani.

 

Ingrid Gerk

 

 

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