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DRESDEN/ Semperoper:   SAISONAUFTAKT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT DEM 1. SYMPHONIEKONZERT UNTER MYUNG-WHUN CHUNG

03.09.2019 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper:  SAISONAUFTAKT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT DEM 1. SYMPHONIEKONZERT UNTER MYUNG-WHUN CHUNG – 2.9.2019

Im Vorfeld der Konzertreisen nach Dublin, zu den London Proms, dem Gstaad Menuhin Festival und dem Enescu Festival in Bukarest startete die Sächsische Staatskapelle Dresden in die neue Konzertsaison mit symphonischer Vielfalt, d. h. mit Solokonzert, Orchesterliedern, einer Ouvertüre und einer großen Symphonie, in zwei unterschiedlichen Programmen des dreimal stattfindenden 1. Symphoniekonzertes. In den ersten beiden Konzerten spielte die chinesische Pianistin Yuja Wang das „Klavierkonzert Nr. 3 d‑Moll“(op. 30) von Sergej Rachmaninow (31.8. u. 1.9.), im dritten sang Laura Aikin für die ursprünglich vorgesehene und aus familiären Gründen verhinderte lettische Sopranistin Kristine Opolais die “Sept Chansons de Clément Marot“ (op. 15) für Singstimme und Kammerensemble von Georges Enescu (2.9.), in diesem Fall ergänzt durch die Ouvertüre zur Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber, und in allen drei Konzerten mit der „Symphonie Nr. 2 D‑Dur (op. 73) von Johannes Brahms kombiniert.

Dirigent war der, der Kapelle sehr verbundene und vertraute, 1. Gastdirigent Myung-Whun Chung, der sich jetzt offensichtlich der gegenwärtig aktuellen Orientierung auf äußerst starke Kontraste verschrieben hat. Voller ungewohnter Effekte begann er das dritte und letzte Programm mit Webers „Freischütz-Ouvertüre“ in einer ungewöhnlichen Interpretation. Die in Dresden entstandene Oper wurde zwar in Berlin uraufgeführt, ist aber typisch „dresdnerisch“, nicht zuletzt wegen ihrer Nähe zur Sächsischen Schweiz (wenn auch in den böhmischen Wäldern angesiedelt) und wurde vor allem durch die schon damals klangschön und beseelt spielende Dresdner Hofkapelle und erst recht später durch die Dresdner Staatskapelle „völlig zum Dresdner Werk“.

Myung–Whun Chung betrachtete die Ouvertüre nun aus seiner Sicht und ließ die ersten Takte ungewöhnlich leise und gedehnt „zelebrieren“, bis die Staatskapelle wieder zu ihrem gewohnten, angemessenen Tempo und entsprechender Klangqualität mit gesundem Empfinden und schöner Konformität fand. Dann griff Myun-Whun Chung ein und bot die bekannte Ouvertüre einmal ganz anders mit den gegenwärtig üblichen starken Kontrasten (hier offenbar von krass“ abgeleitet), vital und voller Expressivität, bis zu hochdramatischen Momenten und flottem Tanzrhythmus, überschwänglich, übereilt, um dann auch wieder genussreich zu zelebrieren, wobei er einige Ritardandi einfügte, die Weber so nicht vorgesehen hatte. Er holte aus seiner Sicht die bekannte Ouvertüre aus der Romantik in die Gegenwart und begeisterte das Publikum durch tolle Effekte, bei denen jedoch der ursprüngliche, romantische Zauber und die volkstümliche Melodienerfindung, die seinerzeit sensationelles Aufsehen erregte, in den Hintergrund geriet.

Die „Sept Chancons“ sang Laura Aikin, die den Dresdnern seit ihrer Cleopatra in G. F. Händels Oper „Giulio Cesare in Egitto“ (Pr. 2009) und ihrem Auftritt in der Dresdner Frauenkirche unter Giuseppe Sinopoli (2000) noch in guter Erinnerung ist, mit großer Gewissenhaftigkeit. Man weiß nicht, wie kurzfristig sie die Aufgabe übernommen hatte, aber sie sang mit klangvoller Stimme und guter Diktion, wenn auch der berühmte Funke nicht so recht überspringen wollte. Lag es an der kurzfristigen Übernahme oder dem vorwiegend elegischen Charakter der ungewohnten, wenn auch tonalen, kompositorischen Umsetzung der immer noch hochaktuellen Texte über die Liebe aus verschiedenen Blickwinkeln des französischen Dichters Clément Marot aus dem 16. Jahrhundert?

Enescu spürte Klang und Farben der Texte nach. Seine Klavierfassung, bei der er nicht nur bei der Uraufführung selbst am Klavier saß, enthält harmonische Raffinessen und differenzierte Ausformungen von Textnuancen, die sein Landsmann Theodor Grigoriu ähnlich sorgfältig und detailgetreu in die Orchesterfassung, die hier gespielt wurde, umsetzte. Obwohl nur zwei der fünf Lieder in Moll stehen und die anderen drei in Dur, die allerdings innerhalb Mollstufen enthalten, überwiegt der melancholische Charakter, der durch zuweilen getragene Tempi noch verstärkt wird. Es war immerhin sehr interessant, Enescu, dessen Name viele Besucher kaum kannten, obwohl er zurzeit europaweit wieder öfter auf den Konzertprogrammen steht, und dessen einzige Oper „Œdipe“ jetzt bei den Salzburger Festspielen für Furore sorgte, dank Laura Aikin als Liedkomponist kennenzulernen.

Brahms‘ heitere Symphonie, seine zweite, mit „Sonne und auch ein wenig Schatten“, die er in angenehmer Stimmung am Wörthersee komponierte, wo er schrieb, dass hier „die Melodien fliegen, dass man sich hüten muss, keine zu treten“, gehört zu den Werken, die die Sächsische Staatskapelle auch „im Schlaf“ spielen und ihre eigenen Klang- und Interpretationsvorstellungen verwirklichen kann. Die Musiker, auch die immer wieder neu hinzukommenden verstehen sich „blind“, nicht nur durch Auf-einander-hören, sondern auch gefühlsmäßig, so als atmeten sie zusammen und spürten gemeinsam dem inneren Wesen der Musik nach, weshalb Myung-Whun Chung speziell bei den lyrischen Passagen mit sehr sparsamer Gestik agierte und vorrangig die dramatischeren Teile forcierte.

Schließlich verabschiedeten sich Musiker und Dirigent mit einer passenden Orchesterzugabe, einem zündenden, temperamentvollen ungarischen Tanz des „kühlen Norddeutschen“ Johannes Brahms.

Ingrid Gerk

 

 

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