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DRESDEN/ Semperoper: RUDOLF BUCHBINDER UND ANDRÉS OROZCO-ESTRADA IM 5. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE

09.02.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: RUDOLF BUCHBINDER UND ANDRÉS OROZCO-ESTRADA IM 5. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 8.2.2018

Jung, schlank und charmant erschien der aus Kolumbien stammende und in Wien ausgebildete und lebende Dirigent Andrés Orozco-Estrada, der auch in Wien international auf sich aufmerksam machte, als er 2004 im Musikverein beim Tonkünstler-Orchester eingesprungen war und von der Presse als „Wunder von „Wien“ gefeiert wurde, zum zweiten Mal am Dirigentenpult der Sächsischen Staatskapelle und leitete mit elastischen, sehr temperamentvollen Bewegungen das 5. Symphoniekonzert. Zum ersten Mal trat er 2016 beim weltweit ausgestrahlten ZDF-Adventskonzert mit dem Orchester in der Dresdner Frauenkirche auf.

Das 5. Symphoniekonzert wurde mit einer, dem Konzertpublikum kaum bekannten Instrumentalkomposition des jungen Ciacomo Puccini, dessen 2. Instrumentalwerk überhaupt, dem „Preludio sinfonico“ A-Dur“, eröffnet. Das einsätzige Werk, damals von der Presse zwischen Wagner und Ponchielli eingeordnet, brachte dem jungen Komponisten im Mailänder Konservatoriums einen Ehrenpreis („gran menzione“) ein. Auf der Suche nach seinem eigenen Stil sind, wie bei einem jungen Genie nicht anders zu erwarten, immer wieder bewusst epigonenhafte Anklänge zu hören, die hier vor allem an Richard Wagners „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ erinnern und in genialer Weise zu einem persönlich geprägten, harmonischen Ganzen mit neuen Wegen der Instrumentierung zusammengefügt wurden. Orozco-Estrada gestaltete das Werk ausdrucksstark mit lyrischen Passagen und einem dramatischen Höhepunkt. Unter seiner Leitung spielte die Staatskapelle mit großer Klarheit, schönen Holzbläsern und sauberem Blech.

Es folgte das Klavierkonzert C-Dur“ (KV 467) von W. A. Mozart, bei dem der als Solist angekündigte, aus Rumänien stammende Ausnahmepianist, Radu Lupu leider krankheitsbedingt absagen musste. Dafür war der, seit den Salzburger Festspielen 1987 der Sächsischen Staatskapelle sehr verbundene Rudolf Buchbinder, in der Saison 2010/11 der erste Capell-Virtuose und ständiger Gast der Sächsischen Staatskapelle kurzfristig eingesprungen. Er trat erst kürzlich als Solist und Dirigent in einem Sonderkonzert der Kapelle (22.1.2018) mit zwei Klavierkonzerten von L. v. Beethoven auf und musizierte mit dem Orchester auf Deutschland-Tournee. Eine Programmänderung war nicht erforderlich, denn Buchbinder beherrscht die Klavierkonzerte von Mozart und Beethoven mit traumwandlerischer Sicherheit, was er auch in diesem Konzert wieder unter Beweis stellte.

Allein sein klangvoller, differenzierender Anschlag fasziniert immer wieder. In unspektakulärer äußerer Erscheinung vertiefte er sich im Dialog zwischen Orchester und Klavier in die geistigen Intentionen des Komponisten und nahm die Zuhörer mit seinem brillanten, ausgewogenen, klangschönen und farbenreichen Spiel mit hinein in diese Gedankenwelt. Sein Klavierspiel hat etwas unmittelbar Faszinierendes, Bezwingendes, eine geistige Ausstrahlung, die sofort gefangen nimmt.

Orozco-Estrada gestaltete den Orchester-Part in seinem persönlichen Stil mit Temperament und Klarheit, womit er auch das zweite große Werk des Abends, die „Symphonie fantastique“ (op. 14) – „Episode de la vie d’un artiste“ („Episode aus dem Leben eines Künstlers“) von Hector Berlioz gestaltete.

Schöne lyrische „Begebenheiten“ gab es in den ersten beiden Teilen der „dramatischen Symphonie in 5 Akten“ „Réveries – Passions“ („Träumereien – Leidenschaften“) und „Un Bal“(„Ein Ball“), wehmütige, sehr persönliche Gefühle einer verzweifelten Seele in der Natur, schauerliches, explizit herausgearbeitetes Donnergrollen und auffallend gute Bläser in der „Scène aux Champs Szene“ („Auf dem Lande“) und extrem laute Pauken im „Marche au Supplice“(„Gang zur Hinrichtung“), ein „Kokettieren“, ein fast überlegen fröhlich gestalteter Gang in ausschweifender Ironie zum Hochgericht, und ausgelassenen Taumel beim Hexensabbat im „Songe d’une Nuit du Sabbat“ („Traum einer Sabbatnacht“).

Orozco-Estrada gestaltete diesen Rausch, Effekt und Prunk einer Liebesgeschichte in der irrwitzigen Passion eines jungen Musikers mit starken Kontrasten. Das Schwelgen in Empfindungen, seine fiebrigen Fantasien und ausschweifende Vorstellungskraft in großer Leidenschaft wurden in expliziten Szenen mit oft lautem, hartem, schrillem, bis an die Grenzen der Pauke und des Hörvermögens geratenden „Getümmel“ dargestellt. Der schöne Klang der Staatskapelle, den Christian Thielemann selbst bei Wagner zaubern kann und den man sich in den ersten Sätzen gut hätte vorstellen können, ging dabei etwas verloren. Aus dem linken Proszenium kamen jedoch sehr fein differenzierte und in idealem Zusammenwirken mit dem Orchester realisierte „Glockenschläge“, ein kleiner besonderer Hör-Genuss „nebenbei“.

Orozco-Estrada sorgte für eine sehr kontrastreiche Interpretation dieser „Traumsphäre mit exotischem Erschrecken“ bis zum überschwänglichen Hexensabbat, bei dem am Ende der Fußboden zu vibrieren schien – eine sehr persönliche Sicht und Interpretation, die dem begeisterten Publikum sehr gefallen hat.

Ingrid Gerk