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DRESDEN/ Semperoper: „PLATÉE“ in der Inszenierung von Rolando Villazon

17.04.2019 | Oper

Dresden / Semperoper: „PLATÉE“ IN DER INSZENIERUNG VON ROLANDO VILLAZÓN – 16.4.2019

 In Dresden ist jetzt „Platée“, ein Ballet bouffon von Jean-Philippe Rameau (auch als „comédie-lyrique“ oder Oper bezeichnet), Text: Adrien-Joseph Le Valois d’OrvilleIn, zum ersten Mal auf der Bühne zu erleben (Premiere: April 2019) und sorgt für mancherlei Verwirrung. Das 1745 in Paris anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten des französischen Thronfolgers mit einer spanischen Prinzessin (die für ihre Hässlichkeit berüchtigt war), uraufgeführte Ballett ist eines der ungewöhnlichsten Musiktheaterwerke des 18. Jahrhunderts voller Anspielungen und Kritik, vielleicht sogar das bedeutendste Werk Rameaus, eine Oper? – ein Ballett? – eine Persiflage?

Ungewohnt ist heutzutage die Handlung im Reich der antiken Götter, mit denen sich ohnehin kaum noch jemand beschäftigt, und die sich gern als deren „Ebenbild“ fühlende höfische Gesellschaft. In der Barockzeit waren solche Stoffe in adligen und Kunstkennerkreisen und später dem Bildungsbürgertum bekannt. Da verstand man auch eine Persiflage, wie das Sujet der hässlichen Sumpf-Nymphe „Platée, die meint, alle Männer sofort für sich zu gewinnen und letztendlich von Jupiter nur als Alibi für seine eifersüchtige Gattin Junon missbraucht wird. Wer hat aber jetzt noch Sinn für eine solche Parodie? Wer macht sich heute noch darüber lustig? Wer kennt diese Welt überhaupt noch? Wer das Sujet nicht (mehr) ernst nimmt, kann auch nicht über dessen Verulkung lachen.

Das Genre der Ballettkomödie ist jetzt vielen Besuchern weitgehend unbekannt. Was von diesem Werk eigentlich nur noch interessiert, ist die Musik Rameaus, die von den Mitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden vollendet und klangschön wiedergegeben wird, mitunter aber leider auch vom Trubel auf der Bühne leicht überdeckt wird. Die Musikalische Leitung hat der schottische Tenor und Dirigent Paul Agnew, ein Kenner der Alten Musik, insbesondere der französischen Barockmusik, der als Sänger selbst unzählige Male die Partie der Platée, die, um ihre Hässlichkeit zu unterstreichen, von einem Tenor gesungen wird, interpretiert hat und mit dieser Produktion erstmalig am Pult der Kapelle steht.

Die Inszenierung hatte Rolando Villazón übernommen, der sich jetzt als Allround-Genie auf allen Gebieten, auch auf dem der Regie, zu Hause fühlt. Seine stimmige Inszenierung von Giacomo Puccinis „La Rondine“ an der Deutschen Oper Berlin, wo er mit Geschick und Geschmack, die Handlung unverfälscht auf die Bühne bringt, ließ auch für Dresden einiges hoffen, aber er griff bei „Platee“ einfach nur in die „Mottenkiste“ anderer Regisseure.

Mit Puppen-Theater (hier sogar sinnvoll), Rollstuhl, Partyzelt, Jahrmarktsbuden, Zirkus, eingeblendeten Feuerwerk-Bildern, einem Kameramann, der den Jupiter (Andreas Wolf) filmt, um ihn nebenan auf einer großen Säule groß einzublenden und die arme Platée damit zu verwirren, die zu ihrem tristen alltäglichen Outfit in goldene Stöckelschuhe schlüpft und als Mann erstaunlich sicher darin läuft und sogar große Sprünge macht, und eine überdimensionale „Pop“-Figur, wie sie jetzt vielerorts auf den Straßen als Touristen-„Attraktion“ anzutreffen ist, als ihr begleitendes Monster (um ihre Hässlichkeit zu transponieren) immer mit sich führt, bringt er einen bunten Mix aus allem, was an Inszenierungs-Elementen nun langsam schon erschöpft ist, wenn auch mit kleinen witzigen Details, wie die Eule, die mit ihren großen Kulleraugen Heiterkeit auslöst (Bühne: Harald Thor).

Nicht genug dieser „Gags“, es gibt (jetzt als „neuesten Schrei“) auch transportable Toiletten als „Reisekiste“ (haha – welch ein Spaß!!!), z. B. für den wie Gottvater auf alten Gemälden mit einer Art Tiara und Flügeln ausstaffierten Amour (Tania Lorenzo) im reiferen Alter, Jupiters Diener auf den unmöglichsten Fortbewegungsmitteln, wie Steckenpferdchen, Kinderroller, Skier, Schwimmflossen und Schwimmring und Jupiter selbst mit Sonnenbrille, als würde ihn sein eigener Glanz blenden usw., und ohne Bedrohung mit der Pistole geht es scheinbar auch nicht mehr. Wer soll sich das aber immer wieder ansehen? Wer soll sich noch darüber amüsieren oder wenigstens schmunzeln? Müssen es denn immer wieder die gleichen Klischees sein? Man hatte wenigstens von Villazon als Persönlichkeit und Seiteneinsteiger erwartet, dass er den Mut hat, endlich einmal etwas wirklich Neues zu bringen.

Er transportiert das barocke Opernspektakel in eine postmoderne High School-Atmosphäre. Die im Original im „Prolog“ betrunkenen olympischen Götter, die ein zynisches Liebesspiel mit der sich maßlos selbst überschätzenden Platée beschließen, werden in Drogen konsumierende, rauchende und Karten spielende Schüler in kurzen Hosen (die kein Schüler mehr trägt) verwandelt (man denke dabei nicht an eine frühere „Lohengrin“-Inszenierung! ), wo Mobbing und Selbstsucht herrschen und Travestie und Transvestie (noch) als verachtenswert gelten.

Getanzt wird wenig, im Wesentlichen nur von den Schülern (Komparserie), die sich zu Rameaus Musik wie in einer Disco bewegen und von drei Grazien/Musen, die mit ihren Partnern – alle sechs mit roten (Knollen-)Pappnasen wie die Clowns, um etwaige Ernsthaftigkeit gleich wieder aufzuheben – einige Takte Gesellschaftstanz aufs „Parkett“ legen (Choreografie: Philippe Giraudeau).

Die Kostüme (Susanne Hubrich) sind nicht gerade neu und einfallsreich, wie immer sehr gemischt, von Alltagskleidung, die man nun wirklich nicht mehr sehen möchte, bis zum pomphaften Kostüm der La Folie, verkörpert von Inga Kalna, die mit zahlreichen Koloraturen und temperamentvoller Darstellung Leben in das Treiben bringt, und höchster Eleganz für die strahlend schöne Jupiter-Gattin Junon, als die Ute Selbig sowohl mit ihrem Gesang als auch ihrer äußeren Erscheinung als erfreulicher Gipfelpunkt des Ganzen Spektakels erscheint. In der Titelpartie gibt der französische Tenor Philippe Talbot sein Hausdebüt an der Semperoper und überzeugt mit guter Stimme und perfektem Gesang und humorvoller Darstellung.  

Am Ende lässt Villazón die Platée nicht wie im Original Rache schwören, sondern klagend schluchzen (gar nicht lustig!). Er wollte das arme Wesen nicht „niedermachen“ (Alice Schwarzer wäre entzückt, denn für sie ist jede Frau schön!).

Was bleibt, ist ein zwiespältiges Gefühl. Hinsichtlich Handlung war es viel Aufwand um nicht allzu viel Wirkung, ein Gag jagte den anderen. Musikalisch aber war es ein Genuss, zu dem neben der Staatskapelle auch der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Cornelius Volke) beitrug. Mag sein, dass das Stück ursprünglich unterschwellig viel Gesellschafts- und andere Kritik enthielt, bei dieser Inszenierung war man zu sehr abgelenkt, um davon etwas zu spüren.

 

Ingrid Gerk

 

 

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