Dresden/Semperoper: Premiere: „PIQUE DAME“ VON PJOTR ILJITSCH TSCHAIKOWSKI – 1.7.2023

Evelyn Herlitzius, Vida Miknevičiūtė. Foto: Ludwig Olah
Als letzte Premiere der Spielzeit an der Semperoper wurde „Pique Dame“ („Pikowaja Dama“), Peter I. Tschaikowskis vorletzte und neben „Eugen Onegin“ seine erfolgreichste Oper, mit Spannung erwartet. Es ist die dritte Neuinszenierung dieser Oper in Dresden nach fast siebzig Jahren und hier die erste in (russischer) Originalsprache (mit deutschen und englischen Übertiteln). Zuvor war sie in Dresden nur 1929 und 1947 inszeniert worden.
Tschaikowski schrieb sie drei Jahre vor seinem Tod in einer depressiven Phase in Florenz, wohin er vor den Auseinandersetzungen mit seiner Frau geflüchtet war, um ungestört arbeiten zu können. Das Libretto für die Oper in drei Akten und sieben Bildern verfasste sein jüngerer Bruder Modest I. Tschaikowski ursprünglich für einen anderen Komponisten nach der gleichnamigen Erzählung von Alexander Puschkin, die er für das Theater effektvoll veränderte und ergänzte, indem er u. a. die gesellschaftlichen Zustände stärker herausarbeitete, die Gestalt der Gräfin dämonisierte und die Figur des Fürsten Jelezkij hinzufügte.
Pjotr Iljitzsch nahm den Kompositionsauftrag nach anfänglichem Zögern an, da er zwar nicht bei Puschkin, aber im Libretto seines Bruders Parallelen zu seinem Privatleben sah, die seiner eigenen sensiblen Stimmungslage und seinem gefühlsbetonten Gestaltungswillen entgegenkamen, nicht zuletzt das fatalistische Schicksalsverständnis beider Hauptfiguren und ihr Scheitern im Streben nach Glück, wobei er auch selbst weitere Ergänzungen vornahm.
Mit der leidenschaftlichen Melodik, dem musikalischen Ausdruck von Gefühlen und psychologischen Zuständen, der emotionalen Intensität und Theatralik von düster-mysteriös bis lebhaft-mitreißend wurde die Oper zu einer der bekanntesten und weltweit meistgespielten (wenn auch jetzt weniger). Die spektakuläre Uraufführung 1890 in St. Petersburger, dem Ort der Handlung, mit einer prachtvollen Inszenierung des Mariinski-Theaters und renommierten Gesangssolisten begründete eine lange Tradition prächtiger, vor allem russischer, Aufführungen.
Modest I. Tschaikowski verlegte die Handlung aus Puschkins Kurzgeschichte von der damaligen Gegenwart ins späte 18. Jahrhundert. Bei seiner aktuellen Dresdner Neuinszenierung verlegte Film- und Theaterregisseur Andreas Dresen, der nicht zum ersten Mal Oper inszeniert, aber zum ersten Mal an der Semperoper, die Handlung in die derzeitige Theater-Gegenwart, nicht in die reale, die sich verändert hat und durchaus interessant wäre. Sein abstraktes „Welttheater“ führt direkt in den Abgrund der menschlichen Psyche. Es ist eine düstere Welt, wo manches – nur wenig ausgeleuchtet (Licht: Fabio Antoci) – im Dunkel zu versinken droht.
Emotionale Leidenschaft bleibt bei ihm außen vor und damit ein wesentlicher Sinn der Handlung. „Pique Dame“ ist ursprünglich eine romantische Oper, deren einer Pfeiler, wenn nicht der Hauptpfeiler, die Liebesbeziehung zwischen Hermann und Lisa ist, was hier ziemlich nüchtern vor trister Kulisse abgehandelt wird. Hier stehen Distanz und inneres Verlorensein im Mittelpunkt. Wenn aber dieser Oper die Sinnlichkeit genommen wird, verliert sie einen großen Teil ihrer Brisanz.
Dresens Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau (ältester Sohn von Dietrich Fischer-Dieskau) schuf mit fünf unterschiedlich großen halbrunden Wandelementen in Grautönen sowie einigen Säulen, unter Einsatz der Drehbühne in Bewegung gesetzt, die Assoziation immer wieder neuer abstrakter Räume und Situationen mit speziellem Umfeld, Innen- oder Außenansichten, bis hin zu einer Art Krematorium, das sich öffnet, damit die alte Gräfin doch noch ihr Kartengeheimnis verraten kann.
Die Kostüme von Judith Adam entsprechen, vorwiegend militant und konform, den gleichgeschalteten Bewegungen von Chor, Kinderchor und Abendgesellschaft und damit einem oberflächlichen Klischee einer russischen Mentalität, das nur zu einem geringen Teil das Wesen einer Ethnie trifft, aber geprägt wird durch die Staatsführung. Da ist fast alles uniformiert und reglementiert, die jungen adligen Damen tragen alle eine Art gleicher „Schuluniform“, das Personal der alten Gräfin sind 15 Rotkreuzschwestern, und selbst die schlichten dunklen Abendkleider der Damen der Gesellschaft wirken „gleichgeschaltet“.
Nur Lisa in ihrem mehr als figurbetonten orange-rosa Verlobungskleid und die alte Gräfin, die wegen ihrer Spielleidenschaft die „Pique Dame“ genannt und im Text als „Schreckgespenst“ geschildert wird, aber gut frisiert, im rosaroten Pelzmantel und darunter im Designer-Outfit in üppigen Farben prangt, bilden die Farbtupfer. Ansonsten herrschen die üblichen grau-dunklen Militär-Fantasie-Uniformen vor, die es schon in vielen anderen Inszenierungen gab.
Die zentrale Gestalt des Hermann, Sohn eines deutschen Einwanderers, der als Ingenieur und schlecht bezahlter Offizier (einige fähige Leute muss es doch in einer Armee auch geben!) eigentlich auch Uniform tragen müsste, erscheint hier in sehr legerer Kleidung, die ihn vermutlich im (Standes-)Unterschied zu den uniformierten Adligen mit begütertem Hintergrund als Außenseiter kennzeichnen soll. Er lebt als disziplinierter Deutscher sehr sparsam, sieht beim Glücksspiel nur zu und fühlt sich aufgrund seiner Mittellosigkeit in den Salons der Petersburger Gesellschaft, die hier kaum erkennbar sind, zurückgesetzt. Mit seiner zusätzlich legeren, gedemütigten Haltung macht er einen eher abweisenden Eindruck, und man fragt sich heimlich, warum sich Lisa für ihn entscheidet. Spannung könnte sich aus dem Kontrast zwischen Luxus und Schlichtheit, privilegierter Klasse und Mittellosigkeit ergeben, aber das kommt in dieser Inszenierung nicht vor.
Das bei der St. Petersburger Uraufführung von Marius Petipa glanzvoll ausgestattete Intermezzo wird hier zum „Pastorale“, bei dem die Dreiecks-Geschichte zwischen Lisa, Hermann und Graf Jelezkij, die man gerade erst erlebt hat, von den drei Protagonisten, die ihre Rollen wie bei einer ersten Probe vom Rollen-Büchlein unsicher ablesen, noch einmal nachgespielt wird, „inszeniert“ und mit primitiver Strenge durchgeführt von zwei Bediensteten.
Schließlich wird Hermann, der seine leidenschaftliche, zunächst platonische Liebe entdeckt und sich vom Glücksspiel finanziellen Reichtum und die Erfüllung seiner Liebe zu Lisa erhofft, zum manischen Spieler, und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Er bedroht die alte Gräfin (Lisas Großmutter), die ein Karten-Geheimnis hütet. Sie stirbt vor Schreck, verrät ihm aber transzendent bei (oder nach) der Beerdigung die drei Karten. Über seiner Spiel-Besessenheit strebt er in einen „Club“, wo es sich die Spieler auf dem Fußboden auch hinsichtlich ihrer Kleidung sehr bequem gemacht haben, setzt die drei Karten, die ihn zunächst gewinnen lassen, zum Schluss aber narren, und vergisst sogar seine Liebe zu Lisa, die mit ihm fliehen will und vorsorglich einen großen Koffer mitbringt (die einst viel strapazierten Koffer hatten wir schon lange nicht mehr auf der Bühne!).
Am Ende erschießt sich Hermann nicht sehr geschickt (auch Theatertricks wollen gelernt sein). Laut Libretto ersticht er sich, und bei Puschkin landet er im Irrenhaus. Lisa stürzt sich nicht – wie im Libretto – enttäuscht in die Newa, sondern bestürzt auf ihn, dann wagt sie noch einen zaghaft fragenden Blick auf Jelezkij, mit dem sie bei Puschkin eine vorteilhafte Vernunftehe eingeht, bei Dresen aber in Distanz zu ihm und allen anderen allein mit ihrem Koffer zurückbleibt.
Der russische Tenor Sergey Polyakov, der mit dieser Rolle sein Hausdebüt gab, bewältigte die sehr schwere und gefürchtete Partie des Hermann mit Kraft, aber unterschiedlichem Ausdruck. Er wurde zwar sängerisch und darstellerisch der Partie gerecht, aber nicht – wie es der Rolle entspricht – zur zentralen Gestalt, an der sich die Handlung aufbaut.
Hier wurde die Rolle seines „Konkurrenten“ in Liebesdingen, die des Grafen Jelezkij, durch Christoph Pohl, 2005 bis 2018 Ensemblemitglied und immer wieder Gast an der Semperoper, mit seiner klangschönen, ausgeglichenen Stimme, niveauvollem Gesang und glaubhafter Darstellung zur Persönlichkeit und seine berührend gesungene Arie mit der Liebeserklärung an Lisa zum sängerischen Höhepunkt des Abends.
Als wirklich junge, sympathische und attraktive Lisa erschien die litauische Sopranstin Vida Miknevičiūtė bei ihrem Rollendebüt, konnte aber nur mit scharfen Spitzentönen den dramatischen Anforderungen dieser Partie gerecht werden und mit ihrer Arie nur bedingt berühren.
Auf ihre Art zog Evelyn Herlitzius, 1997-2000 Ensemblemitglied des Hauses, als alte Gräfin, die nur noch in Erinnerungen an ihre glänzende Zeit in Paris als „Moskauer Venus“ schwelgt, aber altersbedingt im Rollstuhl sitzt, die Aufmerksamkeit auf sich, nicht mit ihrer gewohnten Power-Stimme, sondern eher ruhig, verhalten, wie es einer alten Dame entspricht. Mit treffender Darstellung gestaltete sie die nicht allzu große, aber den Gesamteindruck der Oper prägende Rolle als ein „Kabinettstück“ , auch als sie als Ehrengast und Zarin Katharina mit großem Willen und letzter Kraft aus dem Rollstuhl stolperte.
Darstellerisch machte John Lundgren als wohlwollender, altersweiser Offizier Tomskij und Freund Hermanns eine gute Figur. Er wirkte glaubhaft, ließ sich aber in der Pause – auch rückwirkend für seine Arie – wegen einer Erkältung entschuldigen.
Die Nebenrollen waren zum Teil gut besetzt, insbesondere mit Rupert Grössinger als Narumof, Nicole Chirka als Gouvernante und Ofeliya Pogosyan als Mascha. Als Čekalinskij und Zeremonienmeister fungierte Aaron Pegram, als Surin Martin-Jan Nijhof und als Čaplitzkij Simeon Esper sowie als Pauline Michal Doron, die mehr darstellerisch als gesanglich auf sich aufmerksam machte.
Der Sächsische Staatsopernchor sang gut, aber verhalten (Einstudierung: André Kellinghaus), ebenso der Kinderchor der Semperoper Dresden (Leitung: Claudia Sebastian-Bertsch). Sie hatten es – ebenso wie die Sächsische Staatskapelle Dresden – unter dem russischen Dirigenten Mikhail Tatarnikov, der zum ersten Mal an der Semperoper dirigierte, nicht leicht, da er Mühe hatte zu koordinieren und musikalisch alles zusammenzuhalten. Er begann zwar piano mit den ersten geheimnisvollen Tönen, setzte aber dann zu großer Lautstärke und „Dauer-Forte“ an, deckte nicht selten die Sänger zu und mutete ihnen mitunter nicht leicht zu singende Tempi zu, wie bei Lisas großer Arie. Selbst bei der Staatskapelle vermisste man den gewohnt guten Klang. Stattdessen wirkte manches sogar leicht diffus und mitunter wie ein „Klang-Wulst“, was bei diesem Orchester sonst nicht vorkommt.
Im Verlauf der weiteren Vorstellungen (5., 8., 12. und 15.7 sowie September, Oktober, November 2023) wird sich noch manches musikalisch und darstellerisch „einpegeln“ und glätten, aber die abstrakt-nüchterne Sicht, wie sie schon (zu) oft auf den Opernbühnen zu sehen war und nun nichts wirklich Neues mehr bringt, wird bleiben. Da möchte man mit Richard Wagner sagen: „Kinder, schafft Neues!“ – schafft endlich Neues und haltet euch nicht ewig bei den immer wieder gleichen Inszenierungskonzepten und Sichtweisen auf!
Sollte man denn gegenwärtig überhaupt noch eine russische Oper spielen? Tschaikowski konnte zu seiner Zeit nicht ahnen, was einmal kommen würde. Man kann ihn wie auch andere Künstler „nicht für die furchtbare Politik und den Krieg von Putin verantwortlich machen“, wie auch Dresen bekennt.
Ingrid Gerk

