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DRESDEN/ Semperoper: „NUSSKNACKER“–BALLETT VON P. I. TSCHAIKOWSKY

17.12.2022 | Ballett/Tanz
Dresden/Semperoper: „NUSSKNACKER“–BALLETT VON P. I. TSCHAIKOWSKY– 16.12.2022

Eine Oper oder ein Ballett gegenwärtig originalgetreu auf die Bühne zu bringen, ist derzeit leider „verpönt“, und so treiben die Inszenierungen zuweilen „Blüten“, die ein Stück völlig entstellen können. Aaron S. Watkin und Jason Beechey, die für Handlung und Choreografie des, 1892 in St. Petersburg uraufgeführten „Nussknacker“-Ballettes von Pjotr I. Tschaikowsky an der Semperoper verantwortlich zeichnen, waren davon weit entfernt. Sie „modernisierten“ Handlung und Choreografie nach Marius Petipa sehr behutsam und verlegten sie, um es ein wenig interessanter zu machen, nach Dresden, etwa in die Zeit um 1900, sehr zur Freude der Touristen, die gerade in der Weihnachtszeit sehr zahlreich nach Dresden kommen, und auch der „Einheimischen“. Sie legten das Ballett als ein, dem klassischen Ballett verpflichtetes, Märchen mit realistischer (leicht historisierender) Rahmenhandlung an. Die passenden Bühnenbilder und Kostüme, die nicht übertrieben, aber stimmig an diese Zeit erinnern, schuf Roberta Guidi di Bagno, Licht: Marco Filibeck, Dramaturgie: Stefan Ulrich.

In dieser Fassung ist das Ballett für die ganze Familie geeignet, weshalb alle Generationen im Publikum saßen, auch zahlreiche Kinder und Jugendliche. Seit 2011 gehört es zum vorweihnachtlichen Repertoire der Semperoper, wie zu Weihnachten in Dresden der Christstollen und der Striezelmarkt, der denn auch, wenn sich der Vorhang zum „Prolog“ hebt, auf der Bühne vor dem Zwinger mit einigen kleinen Buden angedeutet ist. Dort wird auch der später so bedeutungsvolle Nussknacker gekauft, den Drosselmeier (Casey Ouzounis), der ein bisschen im Hintergrund die Handlung lenkt, beim Weihnachtsfest nach der Vorführung seiner mechanischen Puppen der kleinen Marie (Aleksandra Iasynska) schenkt. Sie schließt ihn sofort in ihr Herz und in die Arme, schläft später damit ein und träumt sich mit ihm in die Welt der Erwachsenen.

Sie „erwacht“ als halb erwachsenene, jugendliche Marie (Jenny Laudadio) im filigranen Winter-Zauberwald mit vier tanzenden Eiszapfen und elf, leicht und anmutig über die Bühne wirbelnden „Schneeflocken“, deren eine eine wahre Spitzenleistung vollbringt.

Der Nussknacker mutiert von der hölzernen Figur (Ben Schubert) zum Prinzen (Houston Thomas), der mutig gegen ein Mäuseheer mit dem Mausekönig (Peter Berthel), das auf eine Geschichte von E. T. A. Hoffmann zurückgeht, gekämpft hat, sie beschützt und bei ihren typisch kindlichen Träumen auf einer Reise durch ein im wahrsten Sinne zuckersüßes Land begleitet.

Da ist der Dresdner Zwinger zum Anbeißen aus Süßigkeiten aufgebaut. Unter dem riesigen Reifrock der Zuckerfee (Kanako Fujimoto), die von ihrem Mann (Denis Veginy) begleitet wird, krabbeln niedliche kleine Kinder (Puck-Kindertanzklassen an der Palucca Hochschule für Tanz Dresden) hervor, tanzen ein bisschen und verschwinden wieder darunter. Nur eines hat den „Anschluss verpasst“ (was auf eine kleine lustige „Panne“ einer früheren Aufführung zurückgeht), schlägt noch ein Rad und findet sich schließlich doch wieder ordnungsgemäß ein.

Die Inszenierung ist am Rande der ausdrucksvollen tänzerischen Leistungen voll von neckischen, dem Leben abgelauschten, Episoden. So will zum Beispiel im 1. Akt, wenn „Weihnachten in Familie“ gefeiert wird, der schon ziemlich gebrechliche, aber immer noch lebenslustige Opa (Christian Bauch), der sich immer noch sehr ernst nimmt und in alles einmischen will, auch noch tanzen, und die Frau des Hauses, Frau Stahlbaum (Aidan Gibson) muss immer, auch bei ihrem vorwitzigen Buben namens Fritz (Konstantyn Kuske (Kinderklasse), mit freundlicher Miene beschwichtigend eingreifen, wie es eben eine wohlsituierte Dame in damaliger Zeit tat.

Die Hauptsache aber sind die guten Leistungen der Tänzerinnen und Tänzer, die vor allem im 2. Akt Spitzenleistungen vollbringen. In den Divertissements begeisterten als „spanisches“ Paar Antony Bachelier und Zarina Stahnke, begleitet von zwei weiteren Paaren (Rebecca Haw und Anicet Marandel sowie Gustavo Chalub und Anna Nevzorova), die als orientalische, sich geschmeidig wie ein Schlangenmensch zur Musik bewegende, ausdrucksstark „zelebrierende“ Tänzerin Duosi Zhu, bei der Thomas Bieszka und Nathanael Plantier vor allem im wahrsten Sinne des Wortes die tragenden Rollen haben, die temperamentvollen „russischen Tänzer“ Alejandro Martínez, Joel Dichter und Rodrigo Pinto mit typisch kraftvollen, russischen Tanzeinlagen, fünf zarte, mit sehr viel Anmut auf Spitze tanzende „Myrlitons (Mirlitons) und beim „Blumenwalzer“ zehn Tänzerinnen, die voller Anmut und Leichtigkeit wie Federn über die Bühne schwebten.

Im chinesischen Divertissement ließen zwei Teilnehmerinnen des Eleven-Programmes (Anna Stewart, Magdalena Wood) dekorativ Bänder flattern. Neben den Tänzerinnen und Tänzern des Semperoper Ballett wirkten in Zusammenarbeit mit der Palucca Hochschule auch Schüler*innen und Studierende mit.

Die Protagonisten Jenny Laudadio und Houston Thomas bestachen vor allem durch ihre ästhetischen, geschmeidig ineinanderfließenden Tanzbewegungen und schönen Hebefiguren, sie leicht und locker „schwebend“, er mit sehr exakten, auffallend hohen Sprüngen.

Ein großes Finale ließ noch einmal die Glanzleistungen der Solisten und Paare Revue passieren. Musikalisch untermalt wurde das Ganze von der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der etwas eigenwilligen Leitung von Thomas Herzog.

Ingrid Gerk

 

 

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