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DRESDEN/ Semperoper: „NIJINSKIJ“ – TRAGÖDIE EINER TANZLEGENDE IM BALLETT VON JOHN NEUMEIER

21.02.2025 | Ballett/Performance

Dresden / Semperoper: „NIJINSKIJ“ – TRAGÖDIE EINER TANZLEGENDE IM BALLETT VON JOHN NEUMEIER – 20.1.2025 

Das Semperoper Ballett feiert in diesem Jahr sein 200. Gründungsjubiläum. Auf Forderung des damaligen Hofkapellmeisters Carl Maria von Weber wurden am 1. April 1825 zunächst drei fachlich ausgebildete Damen für tänzerische Tätigkeiten engagiert, wonach eine wechselvolle Geschichte begann, die zu der jetzt renommierten Ballettcompanie führte. Wie könnte dieses Jubiläum schöner begangen werden als mit einer Hommage an die Tanzlegende Vaslaw Nijinsky (1889-1950), den bedeutendsten Tänzer des frühen 20. Jahrhunderts, dessen Name in enger Verbindung mit der Geschichte des Tanzes in Dresden steht. Nijinsky und sein Mentor, Impresario und Liebhaber, Serge Diaghilew, Initiator der Ballets Russes, erhielten entscheidende künstlerische Inspirationen in Dresden-Hellerau, dem Ort des modernen Ausdruckstanzes und der Rhythmik, und gastierten in den Jahren 1912/13 mit den Ballets Russes im Königlichen Opernhaus.

Bis heute ist Nijinsky ein Inbegriff perfekter Tanzkunst, aber auch ein skandalumwitterter Choreograf wegen seiner Choreografie zu Igor Strawinskis „Le sacre du printemps“. Seine tänzerische Virtuosität und Grazie, seine Verwandlungsfähigkeit und die Tiefe und Intensität der Darstellung sowie seine scheinbar schwerelosen, in der Luft zeitlich verzögerten Sprünge (Ballon), deren ungeheure Kraftanstrengung man nicht sah, wurden von Kennern und Liebhabern des Balletts bewundert und gefeiert. Er konnte auf Spitze tanzen, was damals für einen Tänzer äußerst selten war, und lautlos und sanft nach seinen Sprüngen aufsetzen. 

Sein Leben aber sah ganz anders aus: „zehn Jahre Wachsen, zehn Jahre Lernen, zehn Jahre Tanzen, dreißig Jahre Finsternis“ (R. Buckle). Genialität und Wahnsinn lagen hier dicht beieinander. Nicht nur die geniale Fähigkeit des scheinbar schwerelosen Tanzes und des künstlerischen Ausdrucks waren ihm in die Wiege gelegt (Vater, Mutter, Bruder, Schwester – sie alle waren Balletttänzer), sondern auch die Anlage zur Schizophrenie, die er und sein Bruder von der Mutter geerbt hatten.

Mit John Neumeiers, 2000 in Hamburg uraufgeführtem, abendfüllendem Ballett „Nijinskij“ kehrte nun diese Legende nach Dresden zurück und auch Neumeier, der hier mit mehreren seiner Ballett-Choreografien in bester Erinnerung ist. Sein Ballett ist nicht nur eine Würdigung der künstlerischen Leistungen Nijinskijs, sondern vor allem eine „Biografie der Seele“, wie er es selbst nannte, eine abendfüllende, psychologische Persönlichkeitsstudie. Neumeier schuf nicht nur die Choreografie, sondern zeichnet auch für Licht, Bühne und Kostüme unter teilweiser Verwendung der Originalentwürfe von Léon Bakst und Alexandre Benois verantwortlich.

Den Besucher empfängt ein neoklassizistischer Festsaal in einem Luxushotel in St. Moritz, am Flügel spielt jemand (Alfredo Miglionico) dezent Fréderik Chopin („Prelude Nr. 20“) und Robert Schumann (“Faschingsschwank aus Wien“ op. 26) zur Einstimmung, der illustren Privat-Gesellschaft. Dann ertönt ein Schrei. Es dauert lange, bis Nijinskij kommt, und er tanzt – zum letzten Mal, denn es endet mit einem Nervenzusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholen konnte und sein Leben in Sanatorien und Heilanstalten verbrachte. Von da ab lässt Neumeier das Leben dieses Künstlers in verwirrender Vielfalt Revue passieren.

In Nijinskijs Vorstellungswelt dreht sich alles in seinem Kopf und vor den Augen des Publikums zwischen seinen großen tänzerischen Erfolgen und bedrückenden privaten Erlebnissen aus Kindheit, Jugend und aktiver Laufbahn, Liebe und Enttäuschung. Djagilev als Liebhaber, fordernder Tyrann und schließlich Feindbild bricht in sein Leben ein. Der 1. Weltkrieg bedrückt ihn. Als Gegenpol ist ihm seine Ehefrau Romola, die ungarische Tänzerin, vor allem eine moralische Stütze und zieht ihn immer wieder aus seinem Tief, seinen eigenen tief verwurzelten Selbstzweifeln und seiner emotional gefühlten Minderwertigkeit heraus, gibt ihm aber auch immer wieder Anlass zur Eifersucht. 

Die Gestalten verdoppeln sich, verschwimmen, werden schemenhaft. Auf der Bühne, deren einzige, sehr wirkungsvolle Requisiten nur ein großer Reif, mitunter auch zwei, und stürzende Wände sind, bis zum Schluss der Hotel-Festsaal wieder zusammengesetzt wird und der Kreis sich schließt, erscheint eine Vielzahl von Tänzerinnen und Tänzern in choreografischer Annäherung an Nijinskys Lebensgeschichte, nahezu alle Personen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben. 

Im Mittelpunkt steht bzw. bewegt sich James Kirby Rogers als Protagonist, um den sich im wahrsten Sinne des Wortes alles dreht. Die Umgebung ist für ihn in Auflösung begriffen. Er selbst sieht sich in seinen Glanzrollen, tanzt sehr ausdrucksstark ein Stück aus jeder Rolle, dann wird sie von einem Double weitergetanzt und verschwimmt oft schemenhaft durch ein weiteres Double. Er sieht sich sozusagen „hinter sich her tanzen“. Francisco Sebastião und danach Moisés Carrada Palmeros schaffen die Illusion des Harlequin in „Carnaval“. Francisco Sebastiao ist auch der Geist der Rose in „Spectre de la Rose“. Joseph Gray verkörpert einen selbstbewussten Goldenen Sklaven in „Scheherazade“ und einen ausdrucksstarken Faun in Laprès-midi d’un faune“. Matti Gutiérrez Rubí wirkt als junger Mann in „Jeux“ mit, später Anthony Bachelier. Christian Bauch präsentiert einen ausgelassenen Petruschka. Weitere Innenbilder und Schatten stellen Filippo Mambelli und Stanisław Węgrzyn.

Als Personen, die Nijinskijss Lebensweg kreuzten, tanzen Richard House als Serge Diaghilew, Bianca Teixeira als Ballerina Tamara Karsavina und Matti Gutiérrez als neuer Tänzer sowie als seine Familienangehörigen Susanna Santoro als seine Schwester Bronislawa, Filippo Mambelli als sein Bruder Stanislaw, Elena Karpuhina, als seine Mutter und Anthony Bachelier als sein Vater. Als verständnisvoller Gegenpol gab Svetlana Gileva Nijinskijs Ehefrau Romola Anmut und Würde.

Es gab sehr gute Einzelleistungen, schwierige neuartige Hebefiguren in ungewohnter Gestaltung. Es wird auf Spitze und mit Neumeiers typischen „Haken“ getanzt, grazil und ausdrucksstark, sportlich und tänzerisch neoklassizistisch und auch „explosiv“. Neumeiers Choreografie ist großflächig angelegt. Die einzelnen Situationen, Beziehungen und Episoden greifen ständig ineinander, gehen ineinander über, um Nijinskijs geistiger Wirrnis Ausdruck zu verleihen, so dass die Einzelleistungen oft im Gesamtgefüge aufgehen. 

Das unter dem neuen Ballettdirektor Kinsun Chan neu formierte Corps de Ballet ergänzte die Bilder in verschiedenen Formationen nicht gerade konform, was jedoch bei der lockeren Art des Ballettes nicht sonderlich ins Gewicht fiel, da die Gruppen oft aus unterschiedlichen Personen in unterschiedlichen Rollen zusammengesetzt sind. 

Viele Solisten tanzten kongenial mit der Musik, die von der Sächsischen Staatskapelle in großer Besetzung unter der Leitung von Simon Hewett souverän die Handlung mit Musik von Nikolai Rimski-Korsakow („Scheherazade“ op. 35, 1., 3. und 4. Satz) und Dmitri Schostakowitsch („Sonate für Viola und Klavier“ op. 147, 3. Satz und „Sinfonie Nr. 11 g-moll „Das Jahr 1904“ op. 103) untermalte. Die umfangreichen Violinsoli zwischen gebrochenen Klängen und lange auszuhaltenden hohen Tönen lagen bei Matthias Wolliong in den allerbesten Händen, verstärkten den emotionalen Eindruck und unterstrichen den Handlungsverlauf sehr aus- und eindrucksvoll. Ebenfalls sehr eindrucksvoll spielte Florian Richter den Viola-Part in Schostakowitschs Sonate, am Klavier Alfredo Miglionico.

In seiner Faszination und Tiefe der Aussage erschließt sich Neumeiers abendfüllendes, psychologisch durchdrungenes Ballett erst, wenn man die Lebensgeschichte Nijinskijs möglichst detailliert kennt, dann aber geht eine ungeheure Faszination davon aus.

Ingrid Gerk

 

 

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