Dresden/Semperoper: MAX BRUCH UND FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY IM „2. KAMMERABEND“ DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 3.11.2022
Die von Kapellmitgliedern der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Rahmen der orchestereigenen Kammermusik veranstalteten, 1854 ins Leben gerufenen, Kammerabende, in denen sie freiwillig (und lediglich durch ein symbolisches „Frackgeld“ entlohnt) auftreten, sind nicht nur eine schöne Ergänzung zu Oper und Symphoniekonzerten, sondern bringen stets auch etwas Besonderes, selten oder noch nie Gehörtes, eine Kuriosität oder eine ausgezeichnete Interpretation.
Im zweiten, sehr gut besuchten, Kammerabend der Saison mit Kammermusik von Max Bruch und Felix Mendelssohn-Bartholdy gab es eine Neuentdeckung und ausgezeichnete Interpretation. Das Programm hatte vor allem auch zahlreiche junge Leute angelockt und neugierig auf Max Bruch gemacht, der noch mehr als nur sein bekanntes „1. Violinkonzert“ und “Kol Nidrei“ für Orchester und Violoncello geschrieben hat oder auch sein gelegentlich zu hörendes, „2. Violinkonzert“, dessen Popularität jedoch bei weitem nicht an die des ersten heranreicht. Hier war Max Bruch von einer ganz anderen, der kammermusikalischen Seite zu erleben, mit „Acht Stücken“ (op. 83) für Violine, Viola und Klavier, sehr gefällige, einschmeichelnde Stücke in üppiger romantischer Harmonik, lyrischem Tonfall und gesanglichen Melodien, aber auch dramatischen Elementen und reizvollen Kontrasten, voller Ideenreichtum und musikalischer Einfälle.
Ursprünglich von Bruch für seinen Sohn, einen hervorragenden Klarinettisten für Klarinette, Viola und Klavier geschrieben, verfehlten sie auch in der Version für Violine, Viola und Klavier ihre Wirkung nicht, zumal sich Kapellmitglied Robert Lis als ausgezeichneter Geiger erwies und Matthias Wilde als ebensolcher Cellist, beide mit sehr eindrucksvoll solistisch vorgetragenen Passagen, den Themen, und kongenial verschmelzendem Zusammenspiel, am Flügel ergänzt von Sonia Achkar als Gast, die adäquat ein Orchester „imitierte“ und auch die, ursprünglich für Harfe vorgesehene, mit gebrochenen Akkordläufen und ineinandergreifenden Intervallen oder Arpeggien in die Klavierstimme übertragene Begleitung bestimmter Stücke entsprechend umsetzte. Es war eine sehr klare, vielschichtige Wiedergabe, bei der der individuelle Charakter jedes einzelnen dieser Stücke aufs Schönste zur Geltung kam.
Was hätte nach diesen, von Bruch, relativ spät komponierten, musikalischen Miniaturen besser passen können als ein Werk von Mendelssohn, dem sich Bruch schon als junger Komponist sehr verbunden fühlte. Es folgte das „Oktett Es‑Dur (op. 20 MWV R 20), das der junge, 16jährige Mendelssohn zum 23. Geburtstag seines Freundes und Geigenlehrers Eduard Rietz komponierte und damit dem sehr jung, mit 29 Jahren, Verstorbenen ein Denkmal setzte. Mendelssohn bezeichnete es später als „meine liebste aller meiner Kompositionen“.
Nach seinem Wunsch sollte es „von allen Instrumenten im Style eines symphonischen Orchesterwerks gespielt werden“, was Robert Lis, Wieland Heinze, Kay Mitscherling und Markus Gundermann, Violinen, Florian Richter und Holger Grohs, Viola sowie Jakob Andert und Matthias Wilde, Violoncello, alle Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle, mit homogenem Streicherklang, musikalischem Farbenreichtum und innerer Harmonie umsetzten und damit ihre solistischen Fähigkeiten unter Beweis stellten. Mit anmutig beginnendem Kopfsatz (Allegro), jubelndem Aufschwung der ersten Violine und sanft zum nachdenklichen 2. Satz (Andante) überleitend, boten sie eine sehr eindrucksvolle Wiedergabe. Im 3. Satz, bei dem Mendelssohn die „Walpurgisnacht“ aus Goethes „Faust“ als Vorlage diente, huschten die Geister „bei „Wolkenflug und Nebelflor“ staccato und pianissimo „luftig“ und schwebend vorüber und tauchten noch einmal im Finale (Allegro vivace), bei dem Mendelssohn die bei seinen Bach-Studien erlernten kontrapunktischen Möglichkeiten ausschöpfte, bruchstückhaft wieder auf. In überschwänglicher Stimmung endete der letzte Satz, das Oktett und der Kammerabend, der begeisterte Zustimmung bei älteren wie jugendlichen Konzertbesuchern gleichermaßen fand.
Ingrid Gerk

