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DRESDEN/ Semperoper: MADAMA BUTTERFLY“ AUS JAPANISCHER SICHT. Inszenierung von Amon Miyamoto

15.04.2022 | Oper international

 Dresden / Semperoper: “MADAMA BUTTERFLY“ AUS JAPANISCHER SICHT – INSZENIERUNG VON AMON MIYAMOTO – 14.4.2022

Szene aus der Oper »Madama Butterfly«
Copyright: Semperoper Dresden

Gegenwärtig wird in so manche Oper vieles auf Gedeih und oftmals auch Verderb hineininterpretiert, woran Librettist und Komponist zur Entstehungszeit nicht im Entferntesten denken konnten. Sie haben aber mitunter auch schon damals Strömungen ihrer Zeit aufgegriffen und versteckte Kritik geübt.

Man denke nur an Verdis Opern und nicht zuletzt an Giacomo Puccini und seine „Madama Butterfly“, bei der zweifellos das exotische Kolorit im Vordergrund steht, aber auch die unterschwellige Kritik an der bedenkenlosen Ausnutzung einer fremden Kultur, bei der als „kleines Abenteuer“ und bestenfalls „Kavaliersdelikt“ galt, japanische Frauen „auf Zeit zu heiraten“ und gewissenlos wieder zu verlassen – damals keine Einzelerscheinung. Menschen in Fernost galten als untergeordnet“ und das Ganze geografisch „sooo“ weit entfernt. Die Oper bietet also „von Haus aus“ reichlich Zündstoff mit immer noch erstaunlicher Aktualität (man denke nur an den Sextourismus nach Fernost).

Auf der Suche nach immer neuen Ausdrucksmöglichkeiten verfällt so mancher Regisseur in Extreme, die eine Oper – nicht selten bis zur Unkenntlichkeit – entstellen. Das Publikum ist durchaus in der Lage, selbst die Parallelen zu ziehen, wenn die Oper in ihrer Ursprünglichkeit mit geschickten Andeutungen (nicht Entstellungen) auf die Bühne gebracht wird.

Um der Gefahr zu entgehen, dass ein Regisseur anhand der Tatsache das die Titelheldin erst 15 Jahre „alt“ ist, was nach japanischer Sitte schon als fast „zu alt“ galt, um zu heiraten, wurde die Neuinszenierung in die Hände eines Japaners gelegt, der jedoch die kritische Seite außer Acht ließ und die Handlung auf eine reine Liebestragödie mit angedeutetem „Happy end“ auf die Bühne brachte. Es ist verständlich, dass ein japanischer Regisseur, der sein Land und dessen Kultur liebt, die (äußerlichen) Schönheiten seines Landes und der ästhetischen Traditionen in den Vordergrund stellt.

Amon Miyamoto, in Japan einer der wichtigsten Regisseure, beschränkt sich mit seiner Inszenierung ohne Umdeutungen auf die Darstellung einer in den Zwängen historischer japanischer Traditionen scheiternden Liebe und stellt Leben und Leiden der Geisha Cio Cio San in den Mittelpunkt. Als Tochter eines Samurai, den der Kaiser für den verlorenen Krieg verantwortlich machte und zum Selbstmord aufforderte, war sie aus den Höhen eines privilegierten Standes in die Tiefen eines Lebens als Geisha gestürzt. In der (Schein-)Ehe mit dem amerikanischen Marineoffizier B. F. Pinkerton, den sie aufrichtig und unterwürfig liebt, erhofft sie nicht zuletzt auch eine Befreiung aus ihren gesellschaftlichen Zwängen und klammert sich bis zuletzt an den Strohhalm, dass er zurückkommt.

Er kommt auch tatsächlich, aber mit seiner „standesgemäßen“ amerikanischen Ehefrau, um den dreijährigen Sohn zu holen, da seine legitime Ehe offenbar kinderlos blieb – arme Cio Cio San. Als ihr Traum zerbricht, will sie mit ihrem Suizid wenigstens ihrem kleinen Sohn den Weg in die Freiheit, in das Land ihrer großen Hoffnung, das sie nicht kennt, ermöglichen und selbst einem erneuten Leben als Geisha in Armut entrinnen. – „Wer nicht in Ehren leben kann, …“.

Pinkerton, der sich zunächst nur von der Exotik angezogen fühlt und staunt, dass in Japan alles so beweglich ist, die Häuser und die Eheverträge …, kann sich immer weniger echten Gefühlen für seine „Butterfly“ erwehren und erkennt zu spät, dass er sie wirklich geliebt hat. Das nutzt Miyamoto aus, um mit einer Rahmenhandlung das ursprüngliche Sujet auf die Bühne zu bringen. Wenn sich der Vorhang öffnet, wird ein Krankenzimmer sichtbar, in dem der nunmehr erwachsene Sohn (Alexander Ritter) von seinem, (hier) im Krieg verwundeten und 30 Jahre nach dem fernöstlichen Liebesabteuer sterbenden, Vater einen Brief über seine wahre Herkunft und seine japanische Mutter erhält.

Während er diesen Brief liest, ist er ständig auf der Bühne präsent, agiert mit den handelnden Personen und durchlebt die, ihm bis dahin unbekannte, Vergangenheit – ein Kunstgriff, der die „konservative“ Bühnengestaltung rechtfertigt. Das hatten wir doch schon vor nicht allzu langer Zeit in ähnlicher Form bei der Neuinszenierung der „Zauberflöte“, aber das Publikum ist froh, einmal nicht nur musikalisch, sondern auch optisch die ursprüngliche Handlung erleben zu können. Man ist des allzu eigenwilligen Regietheaters nun langsam müde. Dass dieses Krankenzimmer dann vor jedem Akt und am Schluss wieder sichtbar wird und zur Handlung überleitet, rundet das Bild ab.

Die Spannung dieser Oper entsteht nun einmal aus dem Konflikt des Zusammentreffens zweier sehr unterschiedlicher Kulturen, der damals wie heute sehr modernen abendländischen, die damals die fernöstliche nicht ohne Überheblichkeit betrachtete, und die japanische, in ihren damals strengen, fest verankerten Traditionen. Japan öffnete sich erst Mitte des vorigen Jahrhunderts langsam in Richtung Westen, und da zunächst auch nur sehr vage.

Miamoto erzählt die Geschichte sehr bildreich in fern-östlichem Kolorit. Er setzt auf optische Effekte, Blüten, Farben und ästhetische Bilder. Die Bühne ist sehr reichhaltig und farblich vielfältig gestaltet, nicht nur mit den notwendigen „Einrichtungsgegenständen“, einem ungewöhnlichen japanischen Haus, einem Stil-Stuhl usw. (Bühne: Boris Kudlička) sondern auch mit reichlich Menschen bevölkert, (wovon auch im Text die Rede ist), z. B. die vielen Verwandten, die zur Hochzeit kommen, in farbenfrohen, historisch echt anmutenden, an die japanischen Kimonos erinnernden, Kostümen (Kenzō Takada)

Ständig wechselnde großformatige Video- und Bildprojektionen im Hintergrund, Naturaufnahmen mit Wolken, Blitz und Donner, differenziertes Licht, Video- und Bildprojektionen, unterstreichen zwischen abstrakten Visionen und realistischen Illustrationen die jeweiligen Situationen, Stimmungen und Gemütsbewegungen. Das Haus wird oft gedreht, riesige „schwebende“ Stoffbahnen füllen stimmungsvoll und intuitiv – auch plakativ – das Bild, Im Kontrast dazu gibt es nebenher echt japanische Kampfszenen (Ginji Kashiwagi). Es ist immer Bewegung auf der Bühne, aber man kann den Gedanken des Regisseurs folgen. Die Personenregie beschränkt sich auf ein zurückhaltendes Miteinander der Protagonisten mit Trippelschritten und kleinen Gesten für große Gefühle, eben japanische Mentalität und Sitte von einst.

Dass am Ende Cio Cio San und Pinkerton als verklärtes Traumpaar Hand in Hand in strahlendem Licht ins Transzendente entschwinden, erscheint als beruhigender Ausklang, eine (zu) späte Illusion, tröstlich für Cio Cio Sans Leiden.

Nach der (um einige Tage verschobenen) Premiere (6.4.) hatte sich bei der besuchten dritten Aufführung manches geändert (nicht nur in der Besetzung).

Kristine Opolais, die vielleicht die lyrisch-schmelzende Stimme vermissen ließ, die man in dieser Rolle erwartet, glich das durch ihre glaubhafte Darstellung der demütigen, fast zerbrechlichen Cio Cio San mit ihrer unerschütterlichen Hoffnung und Liebe zu ihrem Sohn aus. Gesanglich war sie stets präsent und steigerte sich mit zurückhaltender Dramatik immer mehr in ihre Rolle hinein. Für die Arie „Un bel dì, vedremo“ („Eines Tages sehen wir“) erhielt sie berechtigten Szenenapplaus. Der von ihr vergötterte Pinkerton (Freddie De Tommaso), der in seiner wenig „schnittigen“ Uniform schon äußerlich wenig attraktiv wirkt, was ihrer Liebe aber keinen Abbruch tut, schien auch gesanglich keinen guten Tag zu haben.

Zwei Nebenrollen wurden hier zu Trägern der Handlung. Die stets präsente, stimmlich äußerst zuverlässige, klangschön und anrührend singende Christa Mayer als „authentische“ Suzuki, die in jeder Phase und Situation als glaubhafte, stets devote (“echt“) japanische Dienerin mit Herz und Sorge um ihre Herrin und das Kind erschien, und Lucas Meachem, der glaubhaft das gute Gewissen, den erfahrenen wohlwollenden amerikanische Konsul Sharples verkörperte, der aber mit seinen distinguierten, wohlmeinenden Warnungen die Tragödie nicht abwenden kann, “weil er zu schwach zu helfen ist“ und aus den amerikanischen gesellschaftlichen Zwängen nicht auszubrechen vermag.

Kate Pinkerton konnte hier aus ihrer stummen Rolle heraustreten, was Nicole Chitka vom Jungen Ensemble Gelegenheit gab, einige rezitativische Sätze zu singen, begleitet von feinsinnigen Klängen von Oboe und Englischhorn. In weiteren Rollen wirkten mit: der kurzfristig eingesprungene Dan Karlström als unsympathischer Heiratsvermittler, Matthias Henneberg als Fürst Yamadiori, Nicolai Karnolsky als Onkel Bonzo, der eher an einen indianischen Stammesfürsten oder Medizinmann erinnerte, (aber der japanische Regisseur wird schon wissen, wie diese Person auszusehen hat), und andere.

Die wunderbar einfühlsam spielende  Sächsische Staatskapelle bildete sehr zuverlässig und mit gutem Klang das Fundament und den musikalischen Rahmen für die Aufführung – am Pult Omer Meir Wellber. Ein besonders inniges Violinsolo und der Sächsische Staatsopernchor (Einstudierung: Jonathan Becker) mit seinem dezent und hinreißend, genau abgestimmten Gesang aus der Ferne (hinter den Kulissen oder von oben) erzeugten zauberhafte Stimmungen.

Trotz passender Regie und Bühnengestaltung waren auch hier wieder Sängerinnen, Sänger und Orchester die eigentlichen Vermittler der Handlung und der dadurch erzeugten Emotionen.

Ingrid Gerk

 

 

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