Gioacchino Rossini: La Cenerentola • Semperoper Dresden • Vorstellung: 22.06.2023
(3. Vorstellung • Wiederaufnahme: 11.06.2023 • 9. Vorstellung seit der Premiere am 06.11.2021)
Koproduktion mit dem Théâtre des Champs-Élysées, Paris
Spritzig wie ein Rotkäppchen
Damiano Michieletto und Paolo Fantin führen mit der Dresdner Cenerentola den Reigen ihrer genialen Rossini-Inszenierungen fort. Die in Rossini-Besetzung im hochgefahrenen Orchestergraben angetretene Sächsische Staatskapelle spielt erneut einen hervorragenden Abend.

Foto © Ludwig Olah
Damiano Michieletto lässt den Stoff in einer nicht näher definierten Gegenwart spielen. Don Magnifico führt mit seinen Töchtern eine heruntergekommene Kantine. Während Clorinda und Tisbe den schlafenden Vater bestehlen und diesen Diebstahl Angelina in die Schuhe schieben, muss diese putzen und andere, niedere Arbeiten verrichten. Ramiro ist hier der junge, schnell reich gewordene, erfolgreiche Unternehmer und so wechselt die Szene nun in eine moderne schicke Lounge. Sucht Ramiro dann seine Auserwählte, donnern er und Dandini gleich mit einer BMW-Limousine das Schaufenster von Magnificos Kantine. Alidoro ist hier, natürlich ganz in weiss, derjenige der Güte schlussendlich zum Triumph verhilft. Alle bekommen Putzeimer, Handschuhe und eine Bürste und sorgen so, wahrscheinlich doch nur vorübergehend, für Gleichberechtigung. Die Figuren sind perfekt geführt, die Ideen subtil umgesetzt ohne zu verstören. Paolo Fantin (Bühnenbild) hat für Michielottos Umsetzung ein dreistöckiges Gebäude geschaffen, dessen unterste Etage Ramiros Lounge ist, die bei Nicht Verwendung unter der Bühne liegt. Die Kostüme Agostino Cavalcas tragen stimmig ihren Teil zum bleibenden Eindruck des Abends bei.
Mit Elena Maximova steht der Semperoper eine hervorragende Besetzung für die Cenerentola zu Verfügung. Ihr frische, kühler Mezzo reicht stilsicher geführt gut in die Tiefe und sauber in die Höhen. Mit ehrlicher, mädchenhafter Jugendlichkeit gibt sie ihrer Interpretation das gewisse Etwas. Maxim Mironov (Don Ramiro) gehört zu den führenden Vertretern seines Faches. Der Atem ist schier unendlich, die Höhen kommen sicher, aber «telefoniert». Wenn die Höhen einmal so unbeschwert und leicht wie bei der Konkurrenz kommen, und die sporadischen Verfärbungen der Stimme beseitigt sind, kann er in der Championsleague mitspielen. Maurizio Murararo gibt einen routinierten «Alten», der mit allen Rossini-Wassern gewaschen ist. Nach «Sia qualunque delle figlie» zu Beginn des zweiten Akts werden erste Ermüdungserscheinungen hörbar. Der Dandini Edward Nelsons ist durch jugendliches Ungestüm bis hin zu purer Kraft geprägt, was weitgehend neue Facetten der Figur aufzeigt, aber auch etwas zu viel des Guten sein kann. Pietro Spagnoli ist ein Alidoro, wie man ihn sich weiser, wohlklingender, natürlicher kaum vorstellen kann. Alice Rossi als Clorinda und Justyna Ołów als Tisbe sind herrlich unausstehlich und liefern sich eiben entsprechenden Zickenkrieg.
Im hochgefahrenen Orchestergraben spielt die Sächsische Staatskapelle unter musikalischer Leitung Alessandro De Marchi einen quirligen Rossini spritzig wie ein Rotkäppchen-Sekt. Jonathan Becker (Chor) hat die Herren des Sächsischer Staatsopernchor Dresden bestens vorbereitet.
Alles in allem ein herrlicher Rossini-Abend!
Weitere Aufführungen: 25.06.2022; 07.09.2023, 09.09.2023, 13.09.2023, 15.09.2023.
22.06.2023, Jan Krobot/Zürich

