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DRESDEN/ Semperoper: LA BAYADÈRE in neuer Besetzung

12.02.2016 | Ballett/Tanz

Dresden / Semperoper: „LA BAYADÈRE“ IN NEUER BESETZUNG11.2.2016

Mit exotischem Zauber wie 1001 Nacht in einer Vielfalt von Farben und Formen des alten Indien in einer märchenhaften Vorstellungswelt, aber auch bereichert durch viel Indien-Typisches und auch Kritisches übte die Inszenierung des abendfüllenden Balletts „La Bayadère“ mit der Musik von Ludwig Minkus und der Choreografie von Aaron S. Watkin (nach Marius Petipa) auch bei der 41. Vorstellung nach der Premiere (30.11.2008) immer noch und immer wieder ihre Anziehungskraft aus, vor allem auch auf Jugendliche, die wieder sehr zahlreich erschienen waren. Hier ist einfach alles stimmig, das gekonnte romantische Bühnenbild von Arne Walter mit viel indischem Flair, die Kostüme von Erik Västhed, indisch inspiriert und aus indischen Stoffen gefertigt, und die wirkungsvolle Bühnenbeleuchtung von Bert Dalhuysen.

Zugegeben, es ist der Charme des Traditionellen, die typischen, bewährten Elemente der Bühnengestaltung, die ihre Wirkung nicht verfehlen und immer wieder von Neuem ihren Reiz entfalten, echter Theaterzauber mit je vier, mit Blattwerk verhüllten, Gassen auf beiden Seiten, romantisch anmutenden Kulissen, einem „echten“ indischen Tempel, der am Ende in Anbetracht der Ereignisse in sich zusammenfällt, und gekonnten Umbauten auf offener Bühne, aber es kommt an, auch und vor allem bei jungen Leuten, die zum so-und-so-vielten Male dieses Ballett sehen, das hier mit neuem Leben erfüllt und durch typische lebensnahe und auch kritische Details wie z. B. einem Blick auf das indische Kastenwesen, bereichert wurde.

Letzteres zeigt sich u. a. in der Unterwürfigkeit der Fakire, von denen Houston Thomas als oberster Fakir Madhavan mit zerzaustem „Rauschebart“ große tänzerische und ausdrucksstarke Leistungen vollbrachte. In kritischen Situationen voller Ungerechtigkeit immer zur Stelle, nimmt er in positivem Sinne Einfluss auf den Fortgang der Handlung, die von Francine Watson-Coleman (auch Mise en scène) und Aaron S. Watkin in Szene gesetzt wurde. Bei seinen Auftritten „fiel“ er vor den Ranghohen immer gekonnt mit getanztem „Sturz“ in eine menschenverachtende Unterwürfigkeit und bewegte sich fast wie ein Tier (oder „Kobold“) sehr flexibel und gelenkig in einer Art „Kriechbewegungen“ über die Bühne. Seiner Empörung aber verlieh er in höchster Ekstase Ausdruck mit sehr hohen, weiten Sprüngen „wie im Flug“.

Seit der Premiere mit den beiden ausdrucksstarken Tänzern Natalia Sologub und Jiří Bubeníček als das sich liebende Paar, die Tempeltänzerin Nikija und der Krieger Solor, den der mächtige Radscha mit seiner überaus schönen Tochter Hamsatti verheiraten möchte, hatten es alle nachfolgenden Tänzerinnen und Tänzer dieser beiden Rollen nicht leicht.

 Jetzt zog Svetlana Gileva, sich ständig steigernd, vor allem mit ausgeglichenem Tanz, sehr harmonischen, anmutigen Bewegungen, perfekter Körperhaltung und Bewältigung der technischen Anforderung mit scheinbarer Leichtigkeit in den Hebefiguren des Pas de deux mit István Simon die Aufmerksamkeit auf sich. Simon beeindruckte seinerseits mit gekonnten, langen Sprungserien und sehr guter Bühnenerscheinung.

Als schöne Hamsatti überzeugte Alice Mariani mit ihren zierlichen, eleganten und sehr grazilen Tanzbewegungen, leichtfüßig und punktgenau nach der Musik. Im Pas de troix, ergänzten sich die drei Protagonisten und Gegenspieler in idealer Weise perfekt und ausdrucksvoll. 

Als Hamsattis „Eltern“ gaben Hannes Detlef Vogel mit seinen „gemütlichen“ Schritten und sonstigen Bewegungen einen eher kleinbürgerlichen, statt einen mächtigen Radscha ab und Ana Presta als seine bessere Hälfte, Rani eine allzu blasse und zurückhaltende Erscheinung. Hier halfen nur die Kostüme.

Es gab aber auch bei den Nebenrollen manch sehr gute charakterisierende Gestaltung und Tanzleistung. Raquél Martínez hatte als Hamsattis Dienerin Aja das richtige Maß für ihre Rolle und Milán Madar bot als Solors Freund Ekavir, angemessen in seinen Gesten und tänzerischen Bewegungen achtungsvoller Zurückhaltung eine gute Erscheinung.

Höhepunkt eines romantischen, abendfüllenden Ballettes ist zweifellos immer ein „Ballet blanc“, das nach wie vor in der Gunst des Publikums ganz oben steht. Man denke nur an „Schwanensee“ und “Giselle“. Hier begeisterte es als „Das Königreich der Schatten“, bei dem nacheinander 20 weiß gekleidete Tänzerinnen einzeln hinter Büschen auftauchen und sich auf einer großen „Waldlichtung“ zu einem ausgiebigen „weißen Bild“ formieren, bei dem sich Nikija in Solors Opiumrausch zu „vervielfältigen“ und unter den „Schatten“ zu bewegen scheint. Im Rahmen des Eleven-Programmes, bei dem auch Schülerinnen der Palucca Hochschule für Tanz Dresden einbezogen werden, gab es bei genauerem Hinsehen anfangs auch manch kleine Unsicherheit, aber im allgemeinen vermittelte dieses Bild doch eine große Harmonie, anmutige Vielfalt und Ästhetik.

 Sehr sichere und gekonnte Einzelleistungen mit erstaunlichen Schwierigkeiten und sehr gekonnter Umsetzung präsentierten danach drei Tänzerinnen, die sich aus diesen „Schatten“ herauslösten, bei ihren Soloauftritten, vorwiegend auf Spitze: Chiara Scarrone, Kanako Fujimoto und Melissa Hamilton, die demnächst (27.2.2016) die Nikija tanzen wird. So gesehen, muss einem um den Nachwuchs nicht bange sein.

Unter der Leitung von David Coleman, der die Musik von Ludwig Minkus neu arrangierte und auch die von Watkin neu choreografierten Stücke vertonte, sorgte zwar für ein lautstarkes „Entree“ mit dominierendem Blech und Pauken, was durch ein überlautes Aufsetzen der Speere durch die Krieger auf der Bühne fortgesetzt schien, ließ aber danach der Musik ihren Lauf und der Sächsischen Staatskapelle Dresden sehr viel Möglichkeiten, mit ihrem sprichwörtlichen Einfühlungsvermögen die Balletthandlung zu unterstreichen, wie z. B. mit der hinreißenden musikalischen Begleitung des, durch den Biss einer Giftschlange verursachten, Todestaumels der Nikija und in anderen Situationen mit schönen Harfenklängen und guten Soli von Violine (Kai Vogler) und Cello (Martin Jungnickel).  

An diesem Abend fiel besonders die oft völlige Identität von Tanz und Musik – Musik und Tanz auf. Beide Seiten orientierten sich offenbar in selten schöner Harmonie aneinander, schienen gegenseitig ihre Schwingungen aufzunehmen. Es war vom Semperoper Ballett in Tanz umgesetzte Musik und von der Kapelle in Musik umgesetzte Inspirationen durch den Tanz. Hier wurde ein klassisch-romantisches Ballett auf sehr ansprechende Weise in die Gegenwart geholt.

Ingrid Gerk

 

 

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