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DRESDEN/ Semperoper: „GURRE-LIEDER“ von Arnold Schönberg. Staatskapelle Dresden unter Thielemann

11.03.2020 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper:  DIE „GURRE-LIEDER“ VON ARNOLD SCHÖNBERG UNTER CHRISTIAN THIELEMANN IM 8. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN 10.3.2020

Während immer mehr Opernhäuser wegen des „Corona“-Virus schließen, hatten die Konzertbesucher an drei Abenden in der, bis in den letzten Winkel besetzten, Semperoper das Glück, eine außergewöhnliche Aufführung der „Gurrelieder“ von Arnold Schönberg zu erleben. Unwillkürlich verbindet man mit dem Namen Schönberg seine „Zwölftonmusik“, aber es gibt auch noch eine frühe, „spätromantische“ Phase in seinem Schaffen, in der er 1900 – 1903 sowie 1910 u. a. die, 1913 in Wien uraufgeführten, „Gurre-Lieder“ schrieb, deren Titel sich auf die Burgruine „Gurre“ im dänischen Nord-Seeland bezieht. In Dresden ist dieses monumentale Chorwerk nicht unbekannt. Es wurde 1995 im 1. Symphoniekonzert ihrer Saison von der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Giuseppe Sinopoli aufgeführt und Jahre zuvor von der Dresdner Philharmonie unter Herbert Kegel. 1913 als skandalös betrachtet, fand das Werk bei diesen Aufführungen immer die ungeteilte Zustimmung des Publikums.

Jetzt stand die dänische Legende von König Valdemar Atterdags großer Liebe zu Tove, die durch seine Frau und Königin Helvig aus Eifersucht ermordet wird, weshalb er dann ruhelos als Untoter durch die Nacht geistert und in Geisterbeschwörungen die Auferstehung seiner Geliebten feiert, als Oratorium für fünf Gesangssolisten, Sprecher, Chor und großes Orchester nach einer Textdichtung des dänischen Schriftstellers Jens Peter Jacobsen (deutsche Übersetzung von R. F. Arnold) auf dem Programm des 8. Symphoniekonzertes der Staatskapelle unter der Leitung von Christian Thielemann, der sich völlig in das Werk vertiefte, alle Feinheiten mit dem riesigen Orchester der Sächsischen Staatskapelle und Mitgliedern des Gustav Mahler Jugendorchesters herausarbeitete und trotz gewaltiger Klangmassen immer für Durchsichtigkeit und Klangschönheit sorgte. Der Dichtung folgend, genügt das Werk, streng genommen, in seinen drei, hinsichtlich Länge und Intensität sehr unterschiedlichen Teilen nicht den „klassischen“ Regeln eines Oratoriums. Dem umfangreichen ersten Teil mit fast noch „klassischer“ Aufteilung von Orchesterpassagen und drei Solisten (Sopran, Mezzosopran und Tenor) folgt der zweite Teil mit nur einem längeren Monolog des Tenors und der dritte mit drei Herren als Solisten, „Sprecher“, Männerchor und gemischtem Chor.

Thielemann vermochte das alles in der spezifischen Art des Werkes zusammenzubinden und als ein geschlossenes Ganzes zu präsentieren, bei dem ein Höhepunkt auf den anderen folgte. Er vermochte, dem riesigen Orchesterapparat in einer großartigen Spannbreite vom feinsten, zartesten Instrumentalsolo im piano bis zum überbordenden Fortissimo in einem massiven, gewaltigen Klangteppich die ausdrucksvollsten Klangwirkungen zu entlocken, und das alles in einer Durchsichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Bereits mit den ersten Takten fühlte man sich in die friedvolle Natur von Meer und Land, Wolken und Himmel versetzt, bis die Handlung aus mittelalterlicher Legende (ob wahr oder nicht wahr) und in dunklen, rätselhaften Zeichen sprechender Natur in das Reich der Geister und eine übersinnliche Welt übergeht und in Wechselwirkung dieser Elemente verschwimmt.

Die beiden Chöre, der Sächsische Staatsopernchor Dresden (Einstudierung: Jan Hoffmann) und der MDR-Rundfunkchor, der bis zum Jahr 2014 an 10 Produktionen bzw. 25 Konzerten der „Gurre-Lieder“ mitgewirkt hat (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen, der 2014-2019 den Staatsopernchor leitete) gestalteten gemeinsam die anspruchsvollen Chöre ohne Brüche. Selbst bei massiven Ausbrüchen verfügte dieser gewaltige (Doppel-)Chor noch über eine makellose, klangvolle Gestaltung, und auch der reine Männerchor beeindruckte mit großer Sicherheit und Klangreinheit.

Das Solisten-Ensemble ließ Großartiges erwarten und übertraf in einigen Fällen noch, was es versprach. Es schien nicht nur entsprechend guter Gesangsleistungen ausgewählt, sondern auch hinsichtlich des sehr unterschiedlichen Charakters der Rollen. Die stets zuverlässige Camilla Nylund faszinierte als zarte Tove, die Geliebte Valdemars, dem Stephen Gould mit profunder Stimme in seiner umfangreichen Partie viel Ausdruck und Würde verlieh. Überaus eindrucksvoll gestaltete Christa Mayer die Partie der Waldtaube mit ihrer geschmeidigen, selbst bei größten Anforderungen wunderbar klingenden Stimme und gestalterischem Ausdruck, eine Spitzen-Leistung! Für den vorgesehenen Kwangchul Youn war Markus Marquardt eingesprungen und ließ keine Wünsche offen. Dem Klaus-Narr verlieh Wolfgang Ablinger-Sperrhacke mit Klarheit in Ton und Artikulation eine kontrastierende Gestalt. Als Sprecher vollbrachte Franz Grundheber eine Meisterleistung vom gesprochenen bis zum gesungenen Wort über Parlando-Passagen in unmerklichen, fließenden Übergängen und mit großem Ausdruck und Empathie.

Die „Gurre-Lieder“, dieses letzte, überaus anspruchsvolle, furios überbordende Werk in spätromantischer Komponierweise, bei dem auch Richard Wagner und Richard Strauss durchschimmern, zählt mit seinen riesigen Dimensionen – allein 10 Kontrabässe, 4 Harfen, 7 Posaunen, 7 Klarinetten, 10 Hörner usw. – zu den größtbesetzten Werken der gesamten Chor- und Orchesterliteratur. Es erfordert einen Riesen-Aufwand und vor allem einen Dirigenten, der die Übersicht behält und wie Thielemann dennoch großartig zu gestalten vermag. Bei einer solch brillanten Aufführung hat sich dieser Aufwand unbedingt gelohnt.

Nach solchen Monumentalwerken, zu denen auch die Sinfonien von Gustav Mahler gehören, konnte keine Steigerung in der spätromantischen Komponierweise mehr kommen, und die musikalische Entwicklung nahm mit der Hinwendung zur freien Tonalität und Zwölftonlehre einen völlig anderen Verlauf.

Ingrid Gerk

 

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