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DRESDEN/ Semperoper: EUGEN ONEGIN als Retrospektive verpasster Chancen. Premiere

01.07.2016 | Oper

Dresden / Semperoper: „EUGEN ONEGIN“,  ALS RETROSPEKTIVE  VERPASSTER CHANCEN – 30. 6. 2016  Premiere

Tomislav Mužek (Lenski), Anke Vondung (Olga), Christoph Pohl (Eugen Onegin), Camilla Nylund (Tatjana)
© Jochen Quast

 Die letzte Premiere der zu Ende gehenden Spielzeit brachte eine neue Sicht auf  P. I. Tschaikowskys „Eugen Onegin“. Regisseur Markus Bothe deutet in seiner Inszenierung die „Lyrischen Szenen“ als Seelenschicksal und gedankliche „Erinnerungsreise“, die Onegin nach einem Zeitsprung von 8 Jahren, die er nach Lenskis Duell-Tod auf Reisen im Ausland verbrachte, und Tatjanas in ihrem stillen, unspektakulären Wesen nach ihrer Flucht in die Literatur und ihrem Aufstieg in hohe Adelskreise, der sie innerlich nicht verändert hat, durchleben. Die Erinnerung führt sie  „an jene Entscheidungssituationen zurück, in denen die beiden unwillkürlich die Weichen für das Auseinanderdriften ihrer Lebenswege und für das Verpassen ihres Liebesglücks stellten“.

Alexander Puschkin, nach dessen Versroman das Libretto entstand, stellt Onegin in seiner Unentschlossenheit und abgeschmackten Verachtung des müßigen Lebens in den Vordergrund. Dieser weiß nicht so recht, was er eigentlich will, er weiß nur, was er nicht will und steht am Ende einsam und verlassen da, ein „überflüssiger Mensch“, wie er auch in den Werken von Puschkins Zeitgenossen M. J. Lermontow vorkommt.

Robert Schweer ließ für die Bühnengestaltung große Mengen Stahl verbauen, was herauskam, ist ein großer Ballsaal bei Fürst Gremin im klassizistischen Stil mit einer stilgerechten Tür in der hinteren Mitte, sogar in normaler Größe. Hier begegnen sich Tatjana und Onegin nach dessen langer Abwesenheit zufällig wieder und erinnern sich daran, wie alles begann.

Es ist nicht leicht, psychologische Vorgänge glaubhaft auf die Bühne zu bringen, was hier dazu führt, dass alles auf dem „kunstvollen“ Parkettfußboden stattfindet, die ländliche Abgeschiedenheit, für die ein Traktor und diverse Strohballen (was es beides zu der damaligen Zeit noch nicht gab) „hereingefahren“ werden und sogar das Duell, mit reichlich Schnee, einem kahlen Baum und Metallrohren und -schrott kaschiert, auf glattem Parkett stattfindet. Realisiert wird das durch gegeneinander verschiebbare Scheiben, deren äußere den Stillstand der Gesellschaft verdeutlichen, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihren festgefahrenen Positionen stagnieren, während die inneren den Seelenlandschaften der Protagonisten folgen und sich bewegen, wenn in ihr Seelenleben Bewegung kommt. Oft entsteht dann nach einigem Hin und Her wieder das bisherige Bühnenbild, das die alte Situation zeigt. Allerdings wirkt sich dieser (sehr) große „geschlossene“ Raum ungünstig auf die Akustik aus, denn die guten und sehr guten Leistungen der Sängerinnen und Sänger werden dadurch etwas abgeschwächt.

Für die Rolle der Tatjana kehrte Camilla Nylund, die diese Partie zum letzten Mal vor 15 Jahren gesungen hat, an die Semperoper zurück und erfüllte sie mit sängerischer und darstellerischer Präsenz. Gut bei Stimme, war sie zunächst die zurückgezogene, etwas weltfremde und schwärmerische Tatjana, die laut Regie einen Teil ihrer Jugend in  einer Bücherwand verbringen muss. Ihre Briefszene wird nacheinander von 1 – 2 – 3 – 4 ‑ 5 „Schatten“-Doubles  begleitet, die wie ein mehrfaches Echo ebenfalls einen Brief – auf dem Fußboden – schreiben (schizophren oder Drogeneffekt? – aber bühnenwirksam). Eine stark berührende Szene hatte sie, als sie Onegin gegenüber noch als edle, nicht arrogante Fürstin erscheint und Contenance vorgibt, obwohl sie ihn liebt. Diese Tatjana kennt keine „hohle Koketterie“, „schmeichelnde Heuchelei“, „berechnende Grausamheit“ oder „kalte Erhabenheit und tiefe „Leere“, wie Gremin singend bestätigt.

Eine ganz anders geartete, quicklebendige Erscheinung war Anke Vondung, die als Olga ebenfalls stimmlich und darstellerisch überzeugte. Überzeugen konnte auch Sabine Brohm als mütterlich wohlwollende Larina, die sich mit ihrer Lebenssituation abgefunden hat und für die die Gewohnheit anstelle des Glücks getreten ist. Wenig mütterlich stolzierte Tichina Vaughn als Filipjewna, im Haushalt fast gleich gekleidet wie die Larina, über die Bühne. Ihre Stimme wirkte hart, auch als sie aus ihrer Jugendzeit erzählte.

Christoph Pohl verkörperte, gesanglich in Top-Form glaubhaft die innerlich unschlüssige Gestalt des Eugen Onegin, auch wenn er nach der Regie nicht immer als die zentrale Gestalt erscheint. Ziemlich fahrig (betrunken oder nachlässig) erscheint er verspätet zum Duell und trifft seinen Freund Lenski blind mit der Pistole. Erst danach wird ihm der Vorgang bewusst. Auch hier wird der Tod Lenskis durch die schon oft strapazierte „Vervielfältigung“ ins Gedächtnis gerufen, indem immer wieder Doubles fallen und aufstehen und zusätzlich noch Tatjana, Larina und Filipjewna als mahnende Visionen erscheinen.

Tomislav Mužek war ein eindrucksvoller, stimmgewaltiger Lenski, der die meisten Arien zu singen hatte und sie auch entsprechend umsetzen konnte.

Alexander Tsymbalyuk brachte seine große, einzige Arie als Fürst Gremin, ein Ausdruck des Konservativen in der alten A-B-A‘-Form, mit profunder Stimme und deutlich artikuliert eindrucksvoll zu Gehör.

Als „Überraschung“ aus der großen Torte zu Tatjanas Namenstag blieb Timothy Oliver trotz seiner “prickelnden“ Rolle als Monsieur Triquet mit „Semi-Striptease“ auch als Sänger wenig aufregend. Magnus Piontek konnte da als Saretzki schon eher überzeugen. Man fragte sich nur, was er da immer wieder vor dem Duell zu schaufeln hatte, für ein Grab war es viel zu klein, für eine Urne auch, die außerdem damals nicht üblich war.

Der Sächsische Staatsopernchor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) sang die an der russischen Tradition und teils auch folkloristisch orientierten Chöre eine Idee zu laut und dadurch schrill, wohingegen später bei zurückgenommener Lautstärke die Stimmen sehr gut klangen.

Der finnische Dirigent Pietari Inkinen, der diese Oper schon in München und  Berlin geleitet hat, gab mit dieser Premiere sein Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

Die sehr unterschiedlichen Gesellschaftsschichten, Reichtum und lange Weile, aber auch die Armut der russischen Agrargesellschaft finden ihren Ausdruck in den sehr „gemischten“ Kostümen (Esther Geremus). Vom großen, barocken Ballkleid der Larina bis zu moderner Alltags- und Festkleidung findet sich alles auf der Bühne, die Herren beim Ball – wie immer – im normalen Anzug (nicht etwa Frack oder Smoking) oder (sehr gewöhnlicher) Uniform, „undekoriert“ und auch nicht ranghoch, wie man es bei einem Fürsten mit einem solchen Ballsaal erwarten würde, und die Damen etwas eleganter findet sich alles auf der Bühne – bis hin zu sehr simpler Alltagskleidung auf dem Dorf.

Am Ende haben alle ihr Leben gefunden, sich mit ihrer gesellschaftlichen Stellung arrangiert, nur Onegin bleibt allein zurück, für ihn ist alles aus …

Ingrid Gerk

 

 

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