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DRESDEN/ Semperoper: EIN HIGHLIGHT DER DRESDNER MUSIKFESTSPIELE: NIKOLAJ ZNAIDER UND DAS SCHWEDISCHE RUNDFUNK-SINFONIEORCHESTER UNTER DANIEL HARDING

16.05.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: EIN HIGHLIGHT DER DRESDNER MUSIKFESTSPIELE: NIKOLAJ ZNAIDER UND DAS SCHWEDISCHE RUNDFUNK-SINFONIEORCHESTER UNTER DANIEL HARDING – 15.5.2015

 Nachdem die Dresdner Musikfestspiele mit einer Cross-Over-Gala für ein breit gefächertes Publikum, bei der Simone Kermes italienische Bravourarien sang und 100 Kinder und Jugendliche aller Bevölkerungsschichten aus allen Dresdner Stadtteilen als Tanzformation auftraten, unter dem Beifall der Dresdner und ihrer Gäste aus Amerika, England, den Niederladen u.v.a.m. breitenwirksam eröffnet worden waren (14.5.), boten Nikolaj Znaider und das Schwedische Rundfunk-Sinfonieorchester unter Daniel Harding am darauffolgenden Tag einen glanzvollen Höhepunkt ganz anderer Art.

Das Konzert begann mit einem „frisch aus der Taufe gehobenen“ Werk des jungen schwedischen Komponisten Albert Schnelzer (* 1972 in Värmland), der „in keine Schublade passt“, aber unter den heutigen Komponisten Skandinaviens einen bedeutenden Platz einnimmt. In den am 13.3.2015 in London unter Kirill Karabits uraufgeführten, 15minütigen „Tales from Suburbia“ („Vorstadtgeschichten“), einem gemeinsamen Auftragswerk der BBC London und des schwedischen Rundfunk-Sinfonieorchesters Stockholm verlegt sich Schnelzer ganz auf Tonalität. Er folgt darin den Gesetzmäßigkeiten eines großen Sinfonieorchesters, das bei ihm 23 Bläser der verschiedensten Instrumentengruppen, Schlagwerk, Harfe, Klavier, Celesta und zahlreiche Streicher umfasst, zeitgemäß überhöht und getrieben von ständigem Pulsieren, das ihm möglicherweise aus seiner Tätigkeit als Keyboarder einer schwedischen Band noch „im Blut liegt“. Auf den Beginn der Komposition, die wie ein verklärtes Träumen in der Natur der schwedischen Landschaft anmutete, folgten bald hämmernde Rhythmen, zitterndes Beben und lautstarke Motorik bis hin zu einer gewaltigen „Schall-Wand“, wonach das Stück sehr leise, fast zart, verklang. Das große Orchester folgte Harding, der bereits Erfahrung mit den „Tales“ von seinen Aufführungen in Uppsala und Stockholm hatte, sehr gewissenhaft und in bewundernswertem Gleichklang.

Eine andere Seite skandinavischer Musik offenbarte sich im „Konzert für Violine und Orchester d‑Moll“ (op. 47) von Jean Sibelius. Mit männlich-herbem, leidenschaftlichem, aber dann auch wieder weichem Strich erweckte der dänisch-israelische Geiger (und Dirigent) Nikolaj Znaider das Konzert zwischen Virtuosität und Feingefühl zum Leben, brachten er und das Orchester die herbe Schönheit dieser Musik in ungeahnter Weise zum Klingen. Znaider lebt in jeder Musik, die er spielt, so auch in diesem Konzert. Er spielte mit viel Leidenschaft und Einfühlungsvermögen. Sein virtuos-technisches Können, seine Souveränität und traumwandlerische Sicherheit, die in seinen meisterhaft gespielten Kadenzen ihren Höhepunkt fanden, waren letztendlich auch hier „nur“ die Grundlage für seine durchdachte und durchlebte Interpretation.

Harding und das Orchester unterstützten und ergänzten ihn und bildeten mit ihm eine untrennbare Einheit. Das Orchester reagierte auf alle Nuancen und Feinheiten der Intentionen Hardings. Es brachte eine andere, als in Mitteleuropa gewohnte Lesart zum Ausdruck, eine weichere, sensiblere, die nicht zuletzt aus der nordischen Landschaft und der Mentalität seiner Bewohner resultiert. Diesen Musikern ist das Besondere dieser Musik, die sie intensiver verstehen und empfinden als andere Europäer, die die Musik des europäischen Nordens mitunter mit Herbheit und mehr Lautstärke verfremden, sehr nahe. Sie liegt ihnen am Herzen, weshalb hier auch Sensibilität und Naturgefühl der mit und in der Natur lebenden Menschen im Vordergrund standen.

 Das Publikum entließ Znaider erst nach einer Zugabe, bei der er, wie er betonte, „nicht das gleiche spielen wollte wie im Februar 2015 beim 8. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle in Dresden im gleichen Haus, zwar „mit anderem Orchester, aber mit dem gleichen Publikum“, wie er betonte. Dann entschied er sich aber doch wieder für J. S. Bach solo, denn „Bach gefällt doch jedem“, und wie er Bach spielte, ausgesprochen feinsinnig, klangvoll und mit persönlicher Leidenschaft, das war schlechthin bewundernswert.

Leidenschaftliche Liebe, in der „Symphonie fantastique“ (op. 14) zu einer Frau, aber auch herbe Enttäuschung und Verzweiflung brachte Hector Berlioz in seinen „Episode de la vie d’un artiste“ („Aus dem Leben eines Künstlers“) zum Ausdruck. Harding legte hier sehr viel Wert auf besonders fein herausgearbeitete Details, vor allem bei den „Reveries – Passions“ („Träumereien – Leidenschaften“) und „Scène aux Champs“ („Eine Szene auf dem Lande“), ohne die großen musikalischen Linien zu vernachlässigen, und baute manche Klangwirkung auf starken Kontrasten auf, wie in „Marche au supplice“ („Der Gang zum Richtplatz“) und „Songe d’ue Nuit du sabbat“ („Traum einer Hexensabbatnacht“). In besonderer Feinheit offenbarte der leicht „taumelnde“ Walzerrhythmus bei „einem Ball“ („Un Bal“) den geschilderten Seelenzustand des fiktiven Künstlers (Berlioz selbst?).

 Es war ein sehr gelungenes Konzert besonderer Prägung. Das Schwedische Rundfunk-Sinfonieorchester verfügt über einen ausgewogenen, hellen, klaren Gesamtklang (der ein wenig die Assoziation an die klaren Gewässer Schwedens weckte). Es spielte mit seinen schönen Streichern und sehr sauberen Bläsern stets völlig konform und mit besonderer Klarheit des Klanges – selbst in lautstarken Passagen. Das Publikum wagte während des Konzertes oft  kaum zu atmen, so fein spielte das Orchester, aber manch Zuhörer applaudierte – leider nicht selten – voreilig schon nach dem 1. oder 2. Satz (wirklich nur aus Begeisterung?).

 Ingrid Gerk

 

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