Dresden/Semperoper: EIN DEBÜT, EINE URAUFFÜHRUNG UND FRANZ SCHUBERTS „ACHTE“ IM „9. SYMPHONIEKONZERT“ DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 16.4.2024
Zum ersten Mal stand die finnische Dirigentin Susanna Mälkki am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Sie ist im klassisch-romantischen Repertoire gleichermaßen firm wie in der zeitgenössischen Musik und bewies dies im 9. Symphoniekonzert mit der Gegenüberstellung eines Werkes von Georg Friedrich Haas, einem Vertreter der Spektralmusik, dessen Werke sich vor allem durch klangliche Experimente auszeichnen, und der großen „C‑Dur‑Symphonie“ (D 944) von Franz Schubert.
Der 1953 in Graz geborene Georg Friedrich Haas, derzeit Capell-Compositeur der Sächsischen Staatskapelle, war und ist in der Jubiläumssaison 2023/2024, mehrfach mit seinen Kompositionen in Dresden vertreten. Im 2. Kammerabend der Staatskapelle (9.10.2023) wurde sein „Trio für Bassklarinette, Klangwerk und Violoncello“ uraufgeführt. An der Hochschule für Musik Dresden war er zum zweiten Mal in einer Projektwoche mit einem Workshop und einem Gesprächskonzert (11.4.2024) zu Gast, bei dem Solisten des Masterstudiengangs Neue Musik und Studierendenensembles eine Auswahl von H2c3xwck „AUS.WEG“ präsentierten. In einem Sonderkonzert der Staatskapelle (2.2.2024) im Festspielhaus Hellerau wurde seine abendfüllende Komposition „in vain“ für 24 Instrumente unter Jonathan Stockhammer aufgeführt, bei der Teile des Werks in absoluter Dunkelheit zu spielen sind.
Im 9. Symphoniekonzert fand nun mit dem eigens für die Jubiläumssaison der Kapelle komponierten „I don’t know how to cry“ („Ich weiß nicht, wie ich noch weinen soll“) eine weitere Uraufführung statt. Nicht jubelnd oder feierlich würdigt Haas darin die 475jährige Geschichte des Orchesters, sondern sinnierend über die traurigen Probleme der Gegenwart: Krieg, Massenvernichtungswaffen, wahnsinnige Amokläufe, sinnloses Töten, vor allem unschuldiger Kinder, die Trauer der Eltern, die Gefühlskälte der Mitmenschen und geheuchelte Trauer, wofür er keine Tränen und keine Antworten mehr hat. Entstanden nach einem gemeinsamen Abend mit Frau und Freunden, reflektiert er darin über die gegenwärtige Brutalität, die alle berührt anhand eines Gedichts von Jill Carter, nicht aufschreiend, aber unendlich traurig, hilf- und ausweglos gegenüber so viel Gewalt, nach deren Sinn man vergeblich fragt.
Viele seiner Kompositionen kreisen um die thematischen Pole „Nacht“, „Fremde“ und „Romantik“. Seine Ästhetik ist von der Überzeugung getragen, dass es möglich ist, mit Musik Emotionen und seelische Zustände so zu formulieren, dass sie von anderen Menschen angenommen und als die ihren wahrgenommen werden können“.
Susanna Mälkki verstand es, die Schattierungen und neuartigen Klangwirkungen jenseits von Konsonanz und Dissonanz in den ihnen immanenten Gegensätzen sinnvoll herauszuarbeiten und das Werk rational und emotional nachvollziehbar zu gestalten. Kaum hörbar, in äußerst sensiblem Pianissimo begannen zunächst die zweiten, dann die ersten Violinen, bis sie von unbehaglichen Tönen und Klangmischungen, Mikrotönen, die als minimale Abweichungen von der traditionellen Stimmung entstehen, und gewaltigen Clustern abgelöst wurden und in permanentem Wechsel die ausweglose Stimmung der Gefühle zwischen unsäglicher Gewalt und starker Empfindung und Mitgefühl, versöhnend und hoffend vage zwischen dichten Klangflächen und Hoffnungsschimmer in strahlenden Dur-Klängen zum Ausdruck brachten.
Das große Orchester und die ungewöhnliche Besetzung mit großer Trommel, Schauder erregendem Gong und Schlagwerk einerseits und unter anderem zwei Harfen mit harmonisch und melodisch klangvollen Passagen andererseits ließen auch Parallelen zu Gustav Mahler, Richard Wagner und Richard Strauss zu. Zuweilen meinte man sogar eine Nähe zu „Tristan“ zu hören.
Vielleicht war das der Punkt, wo sich beide Werke des Abends berührten. Während es für Haas eine Rückbesinnung oder Orientierung oder einfach nur Parallelen auf der Suche nach neuen Wegen und Ausdrucksformen bedeutete, wies Schubert mit seiner „Achten“ auf der Suche nach neuen Möglichkeiten den Weg in eine neue Richtung, schuf das Fundament, auf dem Mahler, Wagner und die Spätromantiker aufbauten.
Manche Werke scheinen der Sächsischen Staatskapelle „auf den Leib geschrieben“ zu sein, wie Schuberts längste und ambitionierteste Symphonie, obwohl sie, 1824 nach Beethovens „Neunter“ begonnen, erst 1839, elf Jahre nach Schuberts Tod in Leipzig unter Felix Mendelssohn-Bartholdy uraufgeführt wurde.
Die Sächsische Staatskapelle hat diese großangelegte Symphonie mit den weit gespannten Melodiebögen schon mehrmals aufgeführt, stets in hoher Qualität. Mälkki hob die Kontraste, insbesondere im 3. Satz stärker hervor. Der feine sensible Klang und das perfekte Miteinander ließen das Werk mit seinen „himmlischen Längen“, wie es Clara Schumann beschrieb, in jeder Phase „kurzweilig“ und spannungsreich erscheinen, wobei auch ihr Augenmerk vermutlich mehr auf „himmlisch“ als auf den „Längen“ lag. Die gesamte Symphonie ist so genial, abwechslungs- und modulationsreich gestaltet, dass sie noch länger hätte dauern mögen, auch dann hätte man gern noch weiter zugehört. Dem begeisterten Urteil von Robert Schumann: „Leben in allen Fasern, Colorit bis in die feinste Abstufung, Bedeutung überall“ konnte man nur zustimmen. Hier standen emotionale Intensität und Klangschönheit im Vordergrund.
Ingrid Gerk

