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DRESDEN/ Semperoper: „DIE ZAUBERFLÖTE“ – mit einigen Überraschungen

16.01.2018 | Oper

Dresden / Semperoper: „DIE ZAUBERFLÖTE“ – MIT EINIGEN ÜBERRASCHUNGEN – 15.1.2018

Die Inszenierung der „Zauberflöte“ in Koproduktion mit der Opéra du Rhin und den Schwetzinger Festspielen, die seit 2006 auf dem Spielplan der Semperoper steht, ist, was Regie, Bühnenbild und Kostüme von Achim Freyer betrifft, nicht gerade ein „Publikumsrenner“ und schon gar nicht zauberhaft, aber musikalisch immer wieder ein Genuss, denn W. A. Mozarts Musik ist „nicht tot zu kriegen“. Sie begeistert und „entschädigt“ immer wieder von Neuem, auch wenn man sie noch so oft gehört hat, was nicht zuletzt vor allem der Sächsischen Staatskapelle Dresden zu danken ist, die Mozarts Musik immer wie „Sterbliche den Göttern gleich“ musiziert, ganz gleich, unter welchem Dirigenten, in diesem Falle mit Christoph Gedschold am Pult.

Der Sächsische Staatsopernchor (Einstudierung: Cornelius Volke) erfüllt immer, auch in über die Jahre verjüngter Besetzung, seine Aufgabe mit Engagement und Verantwortungsgefühl und bildet zusammen mit der Staatskapelle das sichere Fundament und den Rahmen für die Solisten.

Eigentlich, hätte ich mich nicht unbedingt für den so-und-so-vielten Besuch der „Zauberflöte“ entschieden, aber es war vorläufig die letzte Vorstellung mit dem jungen österreichischen Tenor Martin Mitterrutzner als Tamino, der jedoch leider erkrankt war. Für ihn war der aus  Südkorea stammende JunHo You, der u. a. den Tamino seit der Spielzeit 2011/12 an der Wiener Volksoper und seit 2013 an der Semperoper singt, eingesprungen. Er wurde der Rolle gerecht, jedoch ohne besondere Ausstrahlung oder Profilierung.

Die zeigte hingegen Sebastian Wartig als Papageno. Sowohl stimmlich, als auch darstellerisch zog er die Aufmerksamkeit (nicht nur wegen der lustigen Rolle) auf sich. Er sang vortrefflich, entwickelte die Rolle mit kleinen Gesten im Rahmen der vorgegebenen Grenzen niveauvoll weiter und wurde so im besten Sinne zu diesem, der Rolle entsprechenden „Durchschnitts-Menschen“ von Fleisch und Blut, der sich mit den üblichen Gegebenheiten des Lebens begnügt und den Gegenpart des nach Geistig-Höherem strebenden Tamino bildet.

Ihm zur Seite fungierte – wie schon oft – Christiane Hossfeld als immer wieder reizende kleine Papagena, die in ihrer witzigen, possierlichen Art und gutem Gesang in dieser Rolle nicht zu toppen ist.

Eine weitere Überraschung im positiven Sinne war Ana Durlowski als Königin der Nacht. Bei der ersten Arie noch mit klangvoller Stimme ein wenig in Richtung Romantik orientiert, entfaltete sie bei ihrer zweiten Arie ein echtes Belcanto-„Feuerwerk“, das ihr den ungeteilten Beifall des Publikums eintrug.

Emily Dorn sang mit schöner Stimme, gestaltete ihre Pamina aber ganz anders als gewohnt, woran man sich erst einmal gewöhnen musste.

Die Würde und Autorität des Sarastro bot Michael Eder vor allem mit wohlklingender Sprechstimme. Bei seinem Gesang hatte man den Eindruck, dass er dazu neigte, immer eine Idee schneller sein zu wollen als das Orchester.

Würde verlieh Matthias Hennenberg dem Sprecher, und zusammen mit Gerald Hupach den beiden Geharnischten. Die beiden Priester, die entsprechend Inszenierung mit (Papp‑)„Posaune“ und großer Trommel für kindliche Späße sorgen müssen, waren bei Alexandros Stavrakakis und Khanyiso Gwenxane vom Jungen Ensemble „in guten Händen“.

Endlich einmal ein Monostatos mit Profil in Stimme und Gestaltung war Simeon Esper (was bei anderen Sängern in dieser Rolle selten der Fall ist).

Bei den drei sehr unterschiedlichen Damen der Königin der Nacht hatte Roxana Incontrera mit ihrem klaren Sopran die Führung übernommen. Mit ihr agierten  Angela Liebold, die viel Bein zeigen durfte, und Tichina Vaughn in ihrem ziemlich „anrüchigen“ Kostüm.

Die Drei Knaben waren echte Knaben, Mitglieder der Aurelius Sängerknaben Calw, die mit für Knaben relativ dunkel timbrierten Stimmen sicher sangen und mit Spielfreude das Geschehen belebten.

‘Die Oper muss doch kaputtzukriegen sein‘ oder ‘wie kann man sie dem Publikum endlich verleiten‘, schien sich Achim Freyer damals bei seiner Neuinszenierung an der Semperoper zu denken. Er wollte schon mit seinen beiden vorausgegangenen „Zauberflöten“-Inszenierungen in Hamburg und später für die Salzburger Festspiele (die ein Jahr später aus der Felsenreitschule ins „Abseits“ verbannt wurde) „dem Geheimnis auf den Grund gehen“, warum gerade diese Oper, ob gut oder schlecht inszeniert, immer ein Publikumsmagnet ist, was er in einem Interview bekannte. Sein „Test“ bringt das Ergebnis: Selbst in der Semperoper waren viele Parkettreihen halb leer.

Freyers Inszenierung an der Semperoper bewegt sich seit nunmehr schon über 11 Jahren an der Untergrenze, nicht nur wegen der teilweise obszönen Kostüme, die unmittelbar an die Zeiten des Hanswurst erinnern, sondern auch mit „theatralischen Gesten“ für den simplen Geschmack, die zwar etwas Heiterkeit auslösen und für Aufmunterung sorgen, aber wie auch alles Übrige, was das Sujet so weit wie nur möglich, ins Lächerliche zieht, vom eigentlichen Inhalt ablenken. Obwohl groß angeschrieben, ist von „Vernunft“, „Weisheit“ und „Natur“ – keine Spur. Dennoch lohnt immer wieder ein Besuch, denn W. A. Mozarts Musik ist „nicht tot zu kriegen“. Sie begeistert und „entschädigt“ immer wieder von neuem, auch wenn man sie noch so oft gehört hat.

Ein Kritiker schrieb einmal lange nach Mozarts Tod über ein sich hinschleppendes Konzert mit Musik des Meisters, es wäre so gewesen, als wäre Mozart plötzlich vorbeigekommen und hätte selbst den Dirigentenstab in die Hand genommen. So ist es auch jetzt noch oft. Die Ausführenden steigern sich im Verlauf der Aufführung immer mehr in die Musik hinein und fühlen sich von dieser getragen. Wenn dann noch ein im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaftes Bühnenbild hinzukommt, fühlen sich alle Bevölkerungsschichten, ob jung oder alt, arm oder reich, gleichermaßen angesprochen. Das ist das Geheimnis der „Zauberflöte“!

 Ingrid Gerk

 

 

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