DRESDEN/ Semperoper: DIE ZAUBERFLÖTE – als Stream auf Arte geschaut (5.4.2021)
Klaus Florian Vogt als Tamino. Foto: Youtube/Arte
Die Semperoper Dresden beschenkte ihr Publikum am Ostermontag mit einem Stream ihrer im November 2020 neuinszenierten Fassung von Mozarts „Zauberflöte“. Damals musste man auf eine gekürzte Corona-Fassung zurückgreifen. Weshalb diese nun die Grundlage des Streams ist, erschließt sich nicht wirklich, ist man doch nicht mehr an die Regeln des Zuschauerbetriebes gebunden. Viele Arien und Ensembles sind gekürzt, das Priesterduett fiel ganz zum Opfer, so dass die beiden betreffenden Sängersolisten als Schauspieler ihr Dasein begründeten. Eine fragwürdige Entscheidung des Hauses. Überhaupt wundert man sich, wieso die Dresdner Oper erst ein Jahr nach der pandemiebedingten Schließung mit einem Stream um die Ecke kommt, wo andere Häuser dieses Format längst für sich entdeckt haben und ihrem Ensemble somit die Chance gegeben haben, sich in der unbefriedigenden Zeit an ihr Publikum zu wenden. Fraglich ist auch, wieso man bei einem hauseigenen Ensemble auf so viele Gastsänger zurückgegriffen hat, selbst bei den mittleren Partien.
Foto: Youtube/ Arte Concert
Die Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger zu beurteilen ist keine leichte Aufgabe. Der Abspann des Streams weist darauf hin, dass die Inszenierung, anders als zum Beispiel in Wien, die geltenden Abstandsregeln berücksichtigt. Das mag vielleicht erklären, dass so gut wie nichts passiert und man außer braves Rampentheater kaum etwas zu sehen bekommt. Das Bühnenbild von Walter Vogelweider zeigt vor allem – Nichts. Die Bühne ist über weite Strecken leer, im zweiten Akt dominiert ein Kubus mit Neonröhren das Geschehen. Für den Hintergrund sorgt ein Beamer, der einfallslose Mondlandschaften beisteuert. Schlau wird man aus dem Geschehen nicht. Einerseits bekommt man genaue Regieanweisungen Schickaneders zu sehen, andererseits wird dann doch hie und da eine Neuerung eingefügt. So gibt es beispielsweise einen jungen Tamino, der die Oper eröffnet und beschließt. Bekommen wir also seinen Traum zu sehen? Man weiß es nicht. Auch nicht, warum Papageno ein recht stereotyper, befederter Vogelfänger ist, Pamina wiederum aber im Emo- und Cyberpunkstil mit pinken Haaren daherkommt. Ein bunter Haufen zusammengewürfelter Zauberflöten-Ideen, ein Konzept ist schwer erkennbar.
Sängerisch trumpfen vor allem zwei Protaginsten auf, die man sich beide von der Staatsoper Berlin ausgeliehen hat: René Pape als Sarastro dürfte nach wie vor unübertroffen sein. Mit welch männlich-erotischem Unterton er den weisen Führer singt, ist beispiellos. Seit Jahren bereichert er Zauberflöten in aller Welt und beweist, dass auch noch so talentierter Nachwuchs in diesem Fach Mangelware ist. Keiner seiner bewusst gesetzten Blicke verfehlt den Ausdruck und unterstützen die vokale Herrlichkeit. Auch Evelin Novak als Pamina begeistert. Ihr vollmundig-lyrischer Sopran gleitet mühelos durch die Partie und entzückt mit leichter, beseelter Höhe. Ihr zur Seite ist Klaus Florian Vogt als Tamino, der mit dem Mozartschen Prinzen eine neue „alte“ Partie gefunden hat. In Dresden, dessen Ensemble er in den 90iger Jahren angehörte, war er schon der Tamino in der Vor-Vorgänger-Inszenierung. Die Pandemie ruinierte ein Gastspiel in der bis 2020 gespielten Inszenierung von Achim Freyer, so dass Vogt nun im Stream zum Zuge kommen durfte. Sein Tenor klingt gewohnt schlank und kopfig, auf vokale Ausbrüche wartet man vergebens. Alles wirkt kontrolliert, mitunter auch mit angezogener Handbremse gesungen. Hier und da wünscht man sich mehr Anteilnahme im Ausdruck, dennoch kann man sich mit seiner Leistung zufriedengeben. Die Königin der Nacht singt Nikola Hillebrand, Neuzugang im Ensemble der Semperoper Dresden und vormals dem Mannheimer Haus angehörend. Ihr leichter Sopran lässt vor allem Überforderung mit der halsbrecherischen Partie erkennen, die Spitzentöne sind unsauber und gehetzt. Der Papageno von Sebastian Wartig klingt ordentlich, ist in der Darstellung jedoch zu wenig charmant und eher aus gröberem Holz geschnitzt. Seine Partie fällt wohl am Meisten der Corona-Schere zum Opfer, als Einziger muss er sämtliche Strophen seiner drei Arien und dem Duett mit Pamina opfern. Was bleibt ist wenig, auch der Humor in seinen Dialogen bewegt sich lediglich auf Schenkelklopfer-Niveau. Aaron Pegram findet als Monostatos zu wenig Kantilene, wirkt in Gesang und Darstellung gestresst und unsicher. Als Papagena entzückt Julia Muzychenko mit hellem Sopran und sympathischem Spiel, während Alexandros Stavrakakis den Sprecher mit hohlem Bass gibt. Die drei Damen der Königin sind schönstimmig mit jungen Sängerinnen zum Teil aus dem Jungen Ensemble des Hauses besetzt, wobei aber vor allem Menna Cazel das Trio mit zu wenig stimmlichen Aplomb anführt. Den Prüfungsszenen steuert Jürgen Müller als erster Geharnischter forcierte Töne bei.
Der Leipziger Kapellmeister Christoph Gedschold weiß auch mit der Dresdner Staatskapelle sicher umzugehen und liefert eine nuancenreiche, stimmige Zauberflöte. Umso mehr bedauert man die Light-Variante von nur knapp zwei Stunden.
Sigrid E. Werner