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DRESDEN/ Semperoper: DER RING DES NIBELUNGEN – zweiter Durchlauf. Halbzeit nach Rheingold und Walküre.

08.02.2023 | Oper international

 

Aus einem Guss

Christian Thielemann triumphiert mit seinem letzten „Ring“ in Dresden: Halbzeit nach Rheingold und Walküre in der zweiten Runde

5.und 6. Februar 2023

Von Kirsten Liese

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„Das Rheingold“. Copyright: Ludwig Olah/Semperoper

Es ist eine große Seltenheit geworden, dass Musik und Szene wie aus einem Guss wirken. Diverse Neuproduktion von Richard Wagners Ring-Tetralogie in den vergangenen Jahren an zahlreichen renommierten Bühnen erwiesen sich jedenfalls mindestens szenisch als großer Murks. Valentin Schwarz‘ Bayreuther Produktion steht dafür ebenso beispielhaft wie der Ring an der Deutschen Oper Berlin von Stefan Herheim.  Und auch der jüngste Zyklus an der Berliner Staatsoper vor wenigen Monaten überzeugte – wiewohl von Christian Thielemann als Daniel Barenboims Einspringer erstklassig einstudiert – angesichts der allzu abstrusen Versuchslabor-Deutung mit leidenden, lebendigen Kaninchen von Dmitri Tcherniakov nur musikalisch.

In Dresden ist nun noch einmal- und das womöglich leider auch zum letzten Mal – die 20 Jahre alte bewährte, ansprechende Inszenierung von Willy Decker zu erleben,  der die Parabel um Macht und Liebe analog von Wagners Libretto erzählt, ein kostbares Relikt aus einer anderen Zeit.

Mir persönlich gefiel sie mir diesmal sogar noch besser als 2018, als Christian Thielemann schon einmal zwei Zyklen dieser Produktion dirigierte. Damals störte ich mich ein bisschen an der abgenutzten Idee vom Theater-auf-dem Theater, noch dazu an einer Personenführung, die den Sängern unnötig große Sportlichkeit abverlangte. Diesmal nahm die Kletterei über die Stühle aber deutlich weniger Raum auf Wolfgang Gussmanns Bühne ein. Und auf den zweiten Blick kann ich in der teils wellenförmigen Anordnung der Stuhlreihen unter raffinierten Beleuchtungswechseln eine Poesie und Raffinesse erkennen, die ich beim ersten Sehen übersah. Eindrucksvoll wie die Arme einer Krake bewegen sie sich beispielsweise, wenn sich Alberich  in einen Riesenwurm verwandelt, um Wotan und Loge den Zauber seiner Tarnkappe zu demonstrieren.

Ohnehin konzentriert sich das Geschehen auf das Zentrum der Bühne, wo die Regie in einem Guckkasten mit einfachen Mitteln alles aufbietet, was die Handlung einfordert:  Gold, felsige Landschaften,  Götterburg, und Weltesche.

Musikalisch lotet Thielemann die Partitur mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden bis in kleinste Verästelungen hinein in all ihren lyrischen und dramatischen Facetten aus. Wie weiland 2018 und zuletzt an der Berliner Staatsoper.  Und doch hat jeder Zyklus zugleich sein ganz spezielles Markenzeichen. In Berlin, wo die Staatskapelle und Christian Thielemann einander in großer Zuneigung verfielen, tönte etwa das Vorspiel im Rheingold mystischer, langsamer und geheimnisvoller als in Dresden, wo die gemeinsame Zeit von Orchester und Dirigent in einem Jahr abläuft.

Vielleicht erklärt diese Konstellation auch die außergewöhnliche dramatische Wucht, wie ich sie unter Thielemanns Leitung noch nicht in den ersten Teilen der Trilogie gehört habe. Ein solcher Moment ist erreicht, als die Riesen einander um des Goldes willen ans Leder gehen, bis Fafner seinen Bruder Fasolt tötet.  Georg Zeppenfeld und Stephen Millig sind die idealen Sängerdarsteller für diese Partien, mächtig bei Stimme, furchteinflößend in ihren Gebärden.  Zu einem solch weiteren markerschütternden Moment wurde Siegmunds Tod und der ihm vorausgegangene bedrohliche Kampf zwischen ihm und Hunding.

Und wo die Geschichte so genau erzählt wird wie bei Decker, erhalten natürlich auch die Klänge der Ambosse der goldschmiedenden Schwarzalben ein ganz anderes Gewicht. In Berlin tönten sie weniger exponiert, da hätte es auch kaum Sinn gemacht, weil gar kein Gold geschmiedet wurde.

Als Wotan sprang Thomas J. Mayer kurzfristig für den erkrankten John Lundgren in dem von mir besuchten zweiten Zyklus ein. Mayer ist beileibe kein Unbekannter im Wagnerfach, er sang mehrfach in Bayreuth. Ich muss gestehen, dass sich mein Name bislang nicht in meinem Kopf festgesetzt hatte,  aber das mag auch daran liegen, dass sich ihm als  Telramund in Neuenfels‘ Ratten-Lohengrin und  Fliegender Holländer in Glogers Pappkarton-Inszenierung keine vergleichbaren Möglichkeiten boten, seine Rollen so packend zu gestalten.  Seit dem phänomenalen John Tomlinson habe ich keinen Wotan mehr gehört, der vergleichbar nicht nur mit profunder Stimme, Agilität und exquisiter Textverständlichkeit besticht, sondern auch kraft seines starken darstellerischen Potenzials, das Mayer allerdings erst in der Walküre  einbringen konnte. Vermutlich mangels  Zeit für eine Stellprobe sang er  die Partie im Rheingold vom Rand,  darstellerisch vertreten vom Spielleiter des Abends.

Mayer ist eine Sensation! Dies auch deshalb, weil er die  Emotionen, Zwiespälte und Wesenszüge seiner Figur so überzeugend herausstellt. Wenn ihn Fricka terrorisiert, penetrant darauf dringt, er müsse die inzestuöse Beziehung seiner Zwillingskinder vernichten, ist er der desillusionierte Gebrochene und unter seinen Zwängen Leidende, der verzweifelt nachgibt,  vor dem moralischen Eifer seiner Göttergattin kapituliert. Christa Mayer erweist sich als ideale Partnerin in dieser Szene, läuft als gnadenlose Sittenwächterin zur Hochform auf, keift, flucht, zetert, bis sie ihren Willen endlich durchgedrückt hat. Das geht an die Nieren. Ganz ehrlich: Ich hätte diese Fricka würgen mögen.

Aber schon bald darauf wandelt sich Wotan selbst zu einem unerbittlichen Wütenden, der seiner Lieblingstochter Brünnhilde mit seinem Zorn aufs Übelste zusetzt.

„War es so schmählich, was ich verbrach“: Die Phrase, elegisch eingeleitet von den klagenden Motiven der Holzbläser, mit der Brünnhilde nach erstem Donnerwetter das klärende Gespräch mit ihrem Vater sucht, markiert in Dresden den traurigsten Moment der ersten beiden Abende. In dieser sehr aufwühlenden, berührenden Auseinandersetzung hat auch Ricarda Merbeth,  eine überzeugende Sängerdarstellerin als Brünnhilde mit guter Textverständlichkeit und sicherer Höhe, ihre stärksten Szenen. Nur ihr raues Timbre spricht mich nicht so an, in der Höhe fehlt mir die Leuchtkraft. Petra Lang, deren Sopran 2018 größeren Wohllaut und Jugendlichkeit verströmte, gefiel mir besser.

Eine Topbesetzung war dagegen mit Andreas Schager als Siegmund gegeben. Dank der psychologisch stimmigen, subtilen Personenregie, die ihm einmal keine Unsinnigkeiten aufbürdet, kann auch er endlich einmal seine darstellerischen Qualitäten voll entfalten. Abgesehen davon, dass der gefragte Tenor immer wieder Staunen macht mit seinen schier unendlichen Reserven. Seine inbrünstigen, endlos langen  Wälse-Rufe scheinen noch Jonas Kaufmanns Rekorde zu brechen. Gefühlt drei Minuten hält er sie an. Ohne die geringsten Erscheinungen von Verschleiß. Es ist  – man kann es kaum anders sagen- eine Wahnsinnsstimme.

Wenn er auf Georg Zeppenfeld als einem ebenso stimmstarken, feindseligen groben Hunding trifft,  ist ein packendes Kammerspiel schon voll im Gange, eingeleitet von aufwühlenden Skalen der tiefen Streicher, die den Wälsungen-Akt dominieren. Und was für ein Moment, wenn Cellist Friedrich Thiele sein Solo anstimmt, voller Melancholie und Zärtlichkeit mit dem denkbar schönsten Ton! Schöner habe ich es nie gehört.

Allison Oakes, Schagers Partnerin als Sieglinde, hörte ich zum ersten Mal überhaupt. Ein Sopran mit guten Anlagen, weitgehend schlank geführt, sicher, und seitens der Figurenpsychologie ebenso überzeugend, nur in der Höhe vermisse ich auch bei ihr Strahlkraft.

Aus dem übrigen hörenswerten Ensemble der ersten beiden Abende sei Daniel Behle hervorgehoben, der erste Loge seit Arnold Bezuyen, der schon die Reife für das Charakterfach mitbringt und zugleich noch über die gebotene Agilität und melodische Geschmeidigkeit verfügt, die diese Rolle erfordert. Markus Marquardt gefiel als ein ebenso sehr spielfreudiger, solider Alberich.

Es tut wirklich weh sich vorzustellen, dass ein nur halbwegs vergleichbar grandioser Ring in absehbarer Zeit wohl nirgendwo mehr geboten werden wird. Wenn man sich vor Augen führt, dass an der Deutschen Oper Berlin, die Christian Thielemann vor fast 20 Jahren verlassen hat, soeben Aviel Cahn zum neuen Intendanten gekürt wurde, der Oper jünger, politischer und diverser machen will, ahnt man, wo die Reise hingeht.

Nebenbei gesagt schloss die Exzellenz der beiden Abende  das Publikum mit ein: Weder Husten noch Handyklingeln störte im Saal. Und nach dem letzten Ton  war es erst einmal ganz still, bevor sich der Jubel umso emphatischer entlud.

 

Kirsten Liese

 

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