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DRESDEN/ Semperoper: DER FREISCHÜTZ

13.05.2015 | Oper

Dresden: “DER FREISCHÜTZ” im Repertoire – 9.u.11.5.2015

Wie bereits mehrfach praktiziert, hat Christian Thielemann eine von ihm dirigierte Neuproduktion nach drei Vorstellungen abgegeben und ist, wie ich aus dem Hause hörte, auch nicht an weiteren Reprisen interessiert. (Er ist ja auch nicht Musikchef der Semperoper, sondern nur der Staatskapelle.) Wenn er, wie doch wohl in diesem Fall, für die Wahl eines Regisseurs mitverantwortlich zeichnet, der eine Repertoire-taugliche Inszenierung zustande bringt, so ist der Intendanz ebenso gedient wie dem Publikum. Besetzungsalternativen waren von Anfang an eingeplant. Dass die Sänger größtenteils dem Hausensemble angehören, zumal es da auch sehr gute gibt, ist im Prinzip erfreulich, speziell bei einer derart beliebten deutschen Oper, die für den  Dresden-Tourismus so wichtig ist, dass man ganze Aufführungen (wie die am 9.5.) an Reisebüros verkaufen kann. Ob das für die Mitwirkenden ein besonderer Anreiz ist, lässt sich bezweifeln. Matter Einheitsapplaus auch für wirklich herausragende Einzelleistungen und wenig vernehmbare Anteilnahme an Werk und Wiedergabe in Pausengesprächen waren an beiden Abenden zu registrieren – für echte Opernfans ein enttäuschender Faktor. Was in Wien aufgrund der billingen Stehplätze und eines relativ großen Kontingents an erschwinglichen Sitzplätzen (zwischen 10.- und 15.-€), den Stammbesuchern möglich gemacht wird, nämlich fast tägliche Opernbesuche, das ist in der sächsischen Residenzstadt kaum denkbar. Aber immerhin waren die 9 “Freischütz”-Aufführungen dieses Monats schon im Vorfeld ausverkauft.

Dass das musikalische Niveau nach den 3 “Chef-Vorstellungen” nicht abfiel, dafür garantierte das Engagement von Peter Schneider, der sich ja um die Sächsische Staatsoper schon große Verdienste erworben hat und nicht von ungefähr 2008 Preisträger der Stiftung zur Förderung der Semperoper wurde. Thielemann und Schneider sind ganz unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten, die jeder auf seine Weise einer Aufführung ihr spezielles Profil  geben.  Es bedurfte also für Musiker und Sänger einer Umstellung auf andere Tempi und Schwerpunkte. Da auch nicht an jedem Abend die gesamte Sänger- und Orchesterbesetzung  identisch war, war Flexibilität angesagt, an der es dem erfahrenen Opernkapellmeister bekanntlich nicht mangelt.

Schneiders Dirigat zeichnete sich wieder einmal durch sein untrügliches Gefühl für die richtigen Tempi aus. Er kann auch in den langsamen Passagen der Ouvertüre die Spannung halten, er forciert nichts, um Effekt zu machen, sondern lässt die Musik sich ganz natürlich entfalten.  Die anfänglich von den Hörnern gezeichnete große Ruhe, die der Natur innewohnt, wird bald durch die bedrohlichen Elemente abgelöst, wie Weber es in der Partitur vorgibt. Man genießt den schönen Klang, es wird einem aber immer auch Raum gelassen zum Nachsinnen. Besonders schön interpretiert fand ich das Finale der Oper als offenen Schluss: das vorläufige „Happy end“ wird durch einen zwar dezidierten, aber sanften Ausklang einerseits in Frage gestellt, andererseits zum Hoffnungsträger – die vom Orchester wunderschön ebenmäßig gespielten letzten Takte blieben gleichsam in der Luft hängen.  Die volkstümlichen  Chor- und Tanzszenen fesselten immer wieder durch das Tempogleichmaß, in welchem das Volk sich gleichsam behauptet. So geriet die Szene im 1. Akt, in der die Landleute nicht  zum Walzerrhythmus tanzen, sondern die starken Männer, um ihre Überlegenheit zu beweisen,  einander boxen, ohrfeigen und zu Boden schleudern, als Vorspiel zum Gespräch zwischen Max und Kaspar besonders einprägsam. Und ganz gewiss käme niemand auf die Idee, den „Jungfernkranz“ banal oder gar kitischig zu heißen, wenn er so frisch und freudig  dirigiert, musiziert und gesungen wird. Dem Chor der Sächsischen Staatsoper und seinem Leiter Jörg Hinnerk Andresen sei für alle unterschiedlichen Einsätze ein großes Lob gespendet!

 Am 9.5. gab es unter den Hauptrollenträgern nur zwei wirkliche Spitzenleistungen. Da war das Ännchen von Nadja Mchantaf, die mit klangvollem, kräftigem Sopran, größter Wortdeutlichkeit und lebendigem, witzigem Spiel auf charmante Weise alle bösen Vorahnungen der Agathe zu zerstreuen versuchte. Es gelang ihr damit auch, dem Publikum gegenüber die Prosa-Szenen spannend zu gestalten, denn da gab es bei der Sängerin der Agathe, der Amerikanerin Sara Jakubiak, einerseits das Manko, dass sie mit der deutschen Sprache Probleme hatte, andererseits zwar mit sicherer Technik, aber zu wenig lyrischer Hingabe sang. In ihren Arien ging die Stimme einfach nicht richtig auf.

Einen entscheidenden Einfluss nicht nur auf die Handlung, sondern auf das Verständnis für die Probleme, an denen die Verbindung von Max und Agathe beinah gescheitert wäre,  hatte das Auftreten von Adrian Eröd als Fürst Ottokar von Böhmen (!). Das war nicht nur eine Autorität, vor der das Landvolk Respekt haben musste, sondern auch  eine recht überhebliche, die einzig alle Weisheit der Welt gepachtet zu haben schien. Schon Eröds arrogante Haltung machte das klar und seine prägnante Sprechweise sowie sein autoritativ eingesetzter Bariton machten eigentlich die ganze Oper „heutig“: Wer den Gesetzen der Obrigkeit zuwider handelt, und seien sie noch so widersinnig, hat keine Daseinsberechtigung. Ein Musterbeispiel, wie sehr ein Werk gewinnt, wenn man scheinbar kleine, doch wichtige Rollen groß besetzt (wie etwa auch den Minister in „Fidelio“)!

Sehr ansprechend auch der Max von Tomislav Mužek (der u.a. schon als Erik in Bayreuth sehr positiv aufgefallen ist), der an diesem Abend sein Rollendebut hatte und es sowohl stimmlich wie darstellerisch souverän meisterte. Sein schöner, ebenmäßig geführter jugendlicher Heldentenor braucht nicht mit Spitzentönen aufzutrumpfen, um zu imponieren, es kommt alles ganz natürlich aus der Gesangslinie heraus. Er sprach auch eine sehr gute Prosa. Wenn er dem verzweifelten Jägerburschen auch noch ein paar liebevolle Momente abgewinnen könnte, wäre das Glück vollkommen. Er sollte sich z.B. nicht nur verärgert zeigen, wenn Agathe ihn wegen seiner nächtlichen Ambitionen zur Rede stellt, sondern mit verlegenen Gesten oder einem liebevollen Blick ausweichen, und ganz gewiss sollte er die vermeintlich getroffene weiße Taube in Gestalt Agathes sofort in die Arme nehmen, um sich zu vergewissern, ob sie vielleicht doch noch lebt. Aber das ist wohl vom Regisseur nicht vorgesehen, da auch sonst niemand der auf dem Boden liegenden Agathe zu Hilfe eilt. (Das sollte laut Regieanweisung Webers ja der Eremit tun – sie auffangen! Wenn das nicht inszeniert wird, kann ich mir immerhin noch vorstellen, dass sich alle in einer Art Schockstarre befinden und daher keiner handlungsfähig ist.)

Statt des ursprünglich angesetzten Georg Zeppenfeld sang der Haus-Bassist Michael Eder sehr solide und zuverlässig mit angenehmer Sing- und Sprechstimme den bösen Kaspar, der leider so gar nicht böse geriet. Damit verlor auch die Wolfsschluchtszene an Wirkung. Völlig effektlos blieb auch der große Auftritt des Eremiten, der schon durch seinen urprünglich wohl weißen, aber angeschmutzen Soldatenmantel (der Fürst hingegen hat das identische Teil in Schwarz) benachteiligt ist, wo musikalisch und textlich Helle angesagt wäre, und der unbedingt in helles Scheinwerferlicht getaucht werden müsste. Überdies sang Tilmann Rönnebeck äußert unpräzise, sodass er dem Dirigenten die Mühe bereitete, ihn in die rechten Bahnen lenken zu müssen. Pavol Kubán spielte den Kilian recht munter, dürfte die Partie aber geschmeidiger singen. Drei sehr anmutig singenden Brautjungfern (Maria Eberth, Anke Althoff, Ute Siegmund) folgte eine vierte (Cornelia Butz) mit harter Stimme.

Die von Merker-Kollegen bereits ausführlich rezensierte Inszenierung von Axel Köhler ist im Großen und Ganzen sehr ansprechend, zeichnet sich durch eine lebendige Chor-Regie aus und lässt den Hauptpersonen genügend Freiraum zur persönlichen Entfaltung. Leider sind die auf der linken Seite sitzenden Zuschauer benachteiligt, weil alle wesentlichen Auftritte von links oben stattfinden. In der 2. Aufführung saß ich rechts und hatte mindestens den doppelten Genuss.

Am 11.5. kamen wir dank einer unvorhergesehenen Umbesetzung zu einem besonderen vokalen Genuss. Bevor die Vorstellung mit einer Viertelstunde Verspätung endlich anfing, wurde uns mitgeteilt, dass die Sängerin der Agathe, Sara Jakubiak, nicht im Haus eingetroffen und auch nirgends auffindbar sei  (später stellte sich heraus, dass sie den Termin verwechselt hatte) und man Gott sei Dank die Alternativbesetzung beim Abendessen erwischt und zum Einspringen habe bewegen können. Das war ein langjähriges Ensemblemitglied: Ute Selbig – und etwas Besseres hätte den Besuchern dieser Vorstellung gar nicht passieren können:  eine deutsche „Lyrische“ par excellence mit einem traumhaft schönen, anmutigen,  wahrhaft jungfräulich klingenden Sopran, eine Sängerin, die sich den ausladenden lyrischen Phrasen von Carl Maria von Weber mit Hochgenuss und allem dazu nötigen Gefühl hingibt und genau so rein und edel tönt, wie die im Libretto gepriesene Tochter des Erbförsters Kuno sein soll. Dazu passte auch Frau Selbigs klare, natürliche Prosa, ihre bezaubernde Erscheinung und ein ebenso liebevolles wie bestimmtes und im Dialog mit Max auch den Humor nicht aussparendes Spiel. Alles in allem: eine Traum-Agathe, die auch von Peter Schneider entsprechend unterstützt wurde. Die Szene und Arie „Wie nahte mir der Schlummer“ geriet zum großen, tief „bewegenden“ Ruhepunkt des Abends inmitten der teuflischen Umtriebe.  Als die Sängerin das Fenster öffnete und sie „Welch schöne Nacht!“ sang, da fand auch von Seiten des für solche Momente berühmten Dirigenten im Orchester eine „Öffnung“ statt, die allen erhebenden Gefühlen dieser Welt Tür und Tor auftut und einem (wie auch wiederholt im „Tristan“)  die Gewissheit gibt: Hier bist du zuhause, es kann dir nichts mehr geschehen!  Einfach wunderbar. Natürlich glaubte man dieser Agathe dann auch die „fromme Weise“ und sah förmlich „wie hell die goldnen Sterne / Mit wie reinem Glanz sie glühn...“

Nadja Mchantaf war wieder das Ännchen mit diesmal etwas zurückhaltenderem Spiel, um mit ihrer empfindsameren Freundin gemeinsame Sache zu machen. Der Premieren-Tenor Michael König sang und spielte robuster als sein Vorgänger. Er vermochte nicht  zu einer durchgehenden Gesangslinie zu finden, die hohen Töne wurden separat hochgestemmt, worunter  auch die Textverständlichkeit litt. Dafür erlebten wir Georg Zeppenfeld als sehr eindringlichen, aber keineswegs nur unsympathischen Kaspar. Er zeigte, dass ihm Agathe auch lieb und teuer wäre und er sich aus Frustration  den Krallen des Teufels ausgeliefert hat. Mit expressivem Bass und seiner passend hageren Figur gab er sich den dunklen Emotionen des Teufelsbündlers hin und erweckte zuletzt sogar Mitleid. Sebastian Wartig war ein bloß gepflegter Ottokar, aber keine fürstliche Autorität, die es mit Adrian Eröd aufnehmen konnte. Tilmann Rönnebeck sang den Eremiten etwas exakter,  strahlte aber immer noch nicht die nötige Würde des frommen Einsiedlers aus.

Ganz entschieden gewann diese Aufführung auch dadurch, dass Peter Schneider nun die Sächsische Staatskapelle wieder vollends zu „seinem“ Orchester gemacht hat, wie es ja alle großen Dirigenten zu tun pflegen. Der „Freischütz“ war die melodienreiche, allgemein verständliche, schöne, zeitlos gültige, große romantische deutsche Oper, die transparent bleibt, sich den Zuhörern und (hier in harmonischer Verbindung mit dem Bühnengeschehen) Zuschauern nicht aufdrängt, aber allen Hintergedanken Raum lässt und jedem Besucher Anregung bietet für eigene Interpretationen des Guten wie des Bösen auf dieser Welt.   

Sieglinde Pfabigan

 

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