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DRESDEN/ Semperoper: DAWSONS MODERNE BALLETT-VERSIONS „GISELLE“ mit Maria Kochetkova

09.10.2019 | Ballett/Tanz

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Maria Kochetkova, Jón Vallejo. Copyright: Ian Whalen

Dresden / Semperoper: „DAWSONS MODERNE BALLETT-VERSION  „GISELLE“ MIT MARIA KOCHETKOVA – 8.10.2019

In der Reihe der „Giselle„-Aufführungen zu Beginn der Ballettsaison 2019/20 an der Semperoper gab die mehrfach preisgekrönte, russische Ballettkoryphäe Maria Kochetkova ihr Haus- und Rollendebüt an der Semperoper. In zwei Aufführungen (2. und 8.10.) tanzte sie die Titelrolle in Adolphe Adams abendfüllendem Ballett, das in einer „etwas anderen“ Lesart von David Dawson (Choreografie und Inszenierung), mit dem die Tänzerin eine zehnjährige Zusammenarbeit verbindet, eine andere Sicht auf dieses romantische Ballett zeigt. Die sehr moderne, in die Jetztzeit transponierte Version hat durch das abstrakte, aber sehr ansprechende, ganz in Beige-Varianten gehaltene Bühnenbild von Arne Walther und die Kostüme von Yumiko Takeshima in pastelligen Tönen für die aufrichtige Dorfbevölkerung und schwarz für die Adelsgesellschaft, die hier zum „schwarzen Clan“ mutiert, seit der Premiere 2008 nichts von ihrem Reiz verloren. Die Semperoper war bis auf die letzten, sichtbehinderten Plätze gefüllt.

Die zierliche, sehr grazile, mit höchsten Preisen ausgezeichnete Kochetkova war schlechthin eine Idealbesetzung für die Rolle der jungen unverbildeten Giselle, die zum ersten Mal Freud und Leid der Liebe erlebt, schwer enttäuscht aus übergroßem Kummer stirbt und selbst als Wili, eine der Bräute, die vor der Hochzeit sterben, keine Rachegefühle hegt. Ihre geschmeidigen, grazilen Bewegungen, ihre schönen weiten Sprüngen und das scheinbar mühelose Hinaufschweben bei den Hebefiguren brachten eindrucksvoll den Charakter dieses unschuldigen jungen Mädchens zum Ausdruck.

Als kongenialer Partner stand ihr Jón Vallejo zur Seite, der in der vorangegangenen Vorstellung (2.10.), sein Rollendebüt als Albrecht hatte. Mit tänzerischem Können ging er auf seine Partnerin und ihre sensible Rollengestaltung ein, so dass beide ein harmonisches Paar bildeten, dessen tänzerische Ambitionen sich gegenseitig ergänzten.

Die Vertreter der anderen Rollen und die Companie tanzten ebenfalls mit besonderer Elastizität, Zierlichkeit und Grazie. Es gab nur gute, überzeugende Leistungen. Mit besonderer Leichtigkeit schwebte Svetlana Gileva als Bathilde graziös und leicht wie eine Feder bei den Hebefiguren von Partner zu Partner. Ausdrucksvoll gestaltete Julian Amir Lacey seine Rolle als Hilarion, und Sangeun Lee deutete als Myrtha, Königin der Wilis, mit wenigen ausdrucksstarken Gesten Rache an. Der Hochzeits-Pas de Cinq von Alice Mariani (Braut) Václav Lamparter (Bräutigam), Francesco Pio Ricci (Trauzeuge), Kanako Fujimoto und Gina Scott (Brautjungfern) bestach durch eine perfekt koordinierte Ausführung, bei der alles im Fluss war.

Die Aufführung war vor allem von ungewöhnlichen Feinheiten geprägt, die insbesondere von der Sächsischen Staatskapelle Dresden ausgingen. Nach einem vehementen Auftakt spielten die Musiker unter der Leitung von Benjamin Pope hinreißend schön, mit sehr ansprechendem Violin-Solo (Jörg Faßmann) und einem, den Pas de deux begleitenden Bratschen-Solo (Florian Richter) sowie einschmeichelnden Harfenklängen, womit die Kapelle wesentlichen Anteil an dem sehr ansprechenden, emotionalen Gesamteindruck dieses Abends hatte und einmal mehr ihren Ruf als auch ein besonders feinfühliges Orchester unterstrich.

Das inspirierte offenbar die Tänzerinnen und Tänzer und führte auch im sogenannten „Weißen Bild“, das zu jedem großen romantischen Ballett gehört(e) und hier, vielleicht nur in Albrechts Fantasie außerhalb der Welt (Erde) angesiedelt ist, zu einer außergewöhnlichen Harmonie zwischen Bühne und Orchestergraben. Im Anblick eines überdimensionalen Himmelskörpers (Mond?) tanzten die Wilis, weiß verschleiert, unter reichlich künstlichem Nebel ihren geheimnisvoll anmutigen Tanz im wahrsten Sinne des Wortes „ganz auf Spitze“, mit dem sie die nachts vorbeikommenden Männer verwirren und zu Tode tanzen. Obwohl Giselle auf Rache verzichtet, endet Albrecht unter fallendem Schnee – symbolisch für ein friedvolles Ende oder innere Kälte?

Ingrid Gerk

 

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