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DRESDEN/ Semperoper: DANIELE GATTI UND ARCADI VOLODOS IM 5. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN

11.01.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden /Semperoper: DANIELE GATTI UND ARCADI VOLODOS IM 5. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 10.1.2015

 Daniele Gatti stand schon mehrmals am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Ihm eilt der Ruf voraus, ein Dirigent zu sein, der die Tiefen eines Werkes bis auf den Grund auslotet, wo immer er auch auftritt und welchem Werk er sich gerade widmet. Das wurde bei seinem Auftritt im „5. Symphoniekonzert“ einmal mehr und sehr nachhaltig deutlich.

 Im Fokus stand die Musik Russlands mit zwei Werken, in denen die russische Seele in sehr unterschiedlicher Weise in Erscheinung tritt, geprägt von den äußeren Bedingungen der jeweiligen Zeit. Pjotr I. Tschaikowskys beliebtes „Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll“ (op. 23), lockt selbst Ignoranten klassischer Musik immer wieder in die Konzertsäle. Dmitri Schostakowitschs„Symphonie Nr. 10 e-Moll“ (op. 93)nimmt ebenso gefangen, ist aber mit ihren sehr gegensätzlichen „Psycho“-Momenten „schwerere Kost“.

 Tschaikowsky überschritt mit seinem Klavierkonzert in künstlerischer Freiheit die Grenzen der Traditionen des 19. Jh., um mutig neue Wege in die Zukunft anzuvisieren, was ihm lediglich zunächst das Missfallen seines Lehrers und Gönners eintrug, aber schließlich doch zu großem Erfolg führte, der bis in unsere Zeit ungebrochen anhält. In Schostakowitschs Symphonie spiegelt sich die Beeinträchtigung der künstlerischen Persönlichkeit durch die Zeitumstände wider, die immer wieder über ihn hereinbrachen und ihn nicht nur daran hinderten, sich individuell zu entfalten und in die Moderne aufzubrechen, sondern ihn nervlich und seelisch bis an die Grenzen des Erträglichen trieben.

 Welch großer Beliebtheit sich Tschaikowskys, 1874 entstandenes und 1875 in Boston uraufgeführtes „1. Klavierkonzert mit Hans von Bülow, dem Widmungsträger, am Klavier, nicht nur unter Liebhabern der sogenannten „Klassischen Musik“ bis heute erfreut, zeigen nicht nur die hohen Platten- und CD-Auflagen, sondern die immer wieder bis auf den letzten Platz gefüllten Konzertsäle. Diese Begeisterung beruht wohl vor allem auf dem Eingangsthema des ersten Satzes, das vom Klavier mit wuchtigenAkkorden begleitet wird.

 Mit Arkadi Volodos saß ein außergewöhnlicher Pianist am Klavier, ein sehr bescheidener, zurückgezogener Künstler, aber einer der allerbesten unserer Zeit. Er macht kein Aufsehen, aber sein Spiel ist pointiert, klar und voller musikalischer Gedanken mit emotionalem Tiefgang. Bei ihm verschwimmen keine Strukturen. Er kann sich in jedes Werk, in jede Zeit und in das Anliegen jedes Komponisten vertiefen und verfügt über alle Tugenden eines guten Pianisten. Neben seiner ungewöhnlichenVirtuosität, die er ganz in den Dienst der geistigen Umsetzung des Klavierparts stellte, verfügt er auch über die Kunst einer sehr differenzierten Anschlagskultur mit „perlenden“ Läufen und feinstem Piano und Pianissimo, Töne, die noch in ihrer Zartheit im ganzen Opernrund zu hören waren und denen das Publikum in atemloser Stille lauschte. Bei ihm ist Virtuosität, so frappierend sie auch ist, nie Selbstzweck. In schönen Kontrasten zwischen virtuosen und lyrischen Passagen ließ er, in Übereinstimmung mit dem Orchester, zwischen kraftvoll und klangvoll-zart eine künstlerische Welt voller Emotionen erstehen und zeigte nach dem einstimmigen Applaus des Publikums noch einmal sein feinfühliges Spiel und virtuoses Können in einer Zugabe.

 In schroffem Gegensatz dazu führte Schostakowitschs „10. Symphonie“ in eine ganz andere Welt.Sie entstand als erste sinfonische Komposition Schostakowitschs nach 1945 und seiner Demütigung durch  die „antiformalistischen Säuberungen“ Stalins 1948, bei der er seiner Lehrämter in Moskau und Leningrad enthoben wurde. Es ist eines jener Werke, die sich bis zu Stalins Tod in Schostakowitschs Schubladen stapelten und ihrer Uraufführung oder Rehabilitierung harrten.

Während der mit einem sehr eindrucksvoll ausgeführten, wehmütigenCello-Kontrabass-Unisono beginnende und, abgesehen von einem sich zuspitzenden Mittelteil mit lärmenden Akkorden, ruhige 1. Satz – Moderato,der musikalischen Formel Schostakowitschs für die persönliche Identität in negativer Atmosphäre -von Dirigent und Orchester äußerst fein „zelebriert“, mitfühlend in seiner Tragik zum Ausdruck gebracht wurde, ging der 2. Satz mit peitschenden Rhythmen bis an die Grenzen des physisch und psychisch Erträglichen. In wilder innerer Zerrissenheit, die in der Auseinandersetzung mit den gewaltsamen, existenz- und lebensbedrohlichen äußeren Bedingungen in vielfältigen instrumentalen Umsetzungen ihren Ausdruck fand, ging es bis an die Grenzen zum Wahnsinn. Danach ließ Gatti in einer etwas längeren Pause wieder zur „Normalität“ zurückfinden, um im 3. und 4. Satz den Eindruck scheinbarer (Volks‑)Fröhlichkeit mit tänzerischen „Einlagen“ in Schostakowitschs beklemmendem Sinn vorzugaukeln, was in abgewandelter Form an Goethes „Faust“ in etwa soerinnerte: Das Leben hör‘ ich wohl, allein mirfehlt der Glaube.

 Gatti verstand es, mit oft zurückhaltenden, aber nachdrücklichen Gesten, die ihren Einfluss auf die Interpretation sogar optisch erkennen ließen, in Übereinstimmung mit dem Orchester alle Reserven zu „mobilisieren“, um von feinsten Solopassagen verschiedener Instrumente (Klarinette, Geigen, Horn u. a.) bis zum „Gleichklang“ des vollen Orchesters die ganze Spannbreite der Musik mit ihren inneren Spannungen auszuloten. Neben dem schönen Streicherklang und guten Bläsern setzte auch die Pauke mit allen Facetten von dezentem Unterstreichen durch leise Paukentöne bis zu emotional starken Ausbrüchen in den jeweiligen „Situationen“ die richtigen Akzente.

 Gatti verstand es, durch Klarheit und Transparenz sich gemeinsam mit dem Orchester ganz in die emotionale und geistige Welt dieser Symphonie zu vertiefen und sie in ungeahnter Tiefe nachzuempfinden, um die Zuhörer mit hineinzunehmen und sie diese Symphonie wieder neu und sehr intensiv miterleben zu lassen.

 Ingrid Gerk

 

 

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