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DRESDEN/ Semperoper: CARMEN – mit Clémentine Margaine und Genia Kühmeier

24.06.2017 | Oper

Dresden / Semperoper: „CARMEN“ MIT CLÉMENTINE MARGAINE UND GENIA KÜHMEIER – 23.6.2017

Eigentlich war es eine Repertoire-Vorstellung der „Carmen“-Inszenierung von Axel Köhler, die 32. nach der Premiere (28.9.2013), aber sie berührte mehr als alles Bisherige. Dafür sorgten Clémentine Margaine als Carmen und Genia Kühmeier als Micaëla. Sie verliehen der Handlung Emotion und dramatische Spannung.

Bevor es überhaupt losgeht, „handeln“ ein paar Schmuggler vor dem Vorhang mit „weißem Pulver“. Später kauft dann ein junger Mann inmitten der Handlung wieder „Stoff“ von einem Schmuggler. Zur Entstehungszeit der Oper war schon Zigarettenrauch (zumindest bei Frauen) verpönt. Jetzt müssen es „härtere“ Sachen sein.

Das Bühnenbild (Arne Walther) ist vom ersten Bild an geprägt von der Rückfront der Stierkampfarena wie ein großes hölzernes Silo als ein ständiger Hinweis auf Carmens tödliches Ende. Die runde Wand öffnet sich für die „Pausenbeschäftigung“ der Zigarettenarbeiterinnen, in rotes Licht getaucht (Fabio Antoci) und mit viel „Qualm“ (wobei man sich an die Venushöhle im „Tannhäuser“ erinnert fühlt) bzw. später als Lilias‘ Pastas berühmt-berüchtigte Taverne, für deren Umbau es an diesem Abend größere Probleme gab, so dass nach dem Vorspiel zum 2. Akt erst einmal – nichts passierte, bis es erst nach geraumer Zeit weiterging – ja, ja die Technik!

Meist aber blieb die Arena geschlossen – bis zum tragischen Ende. Da „wuselte“ denn alles dicht gedrängt auf schmalem „Laufsteg“ bzw. der „Straße“ hin und her. Nun ja, wer den originalen „Ort der Handlung“ in Sevilla kennt, hat andere Vorstellungen, aber die Oper wurde – dem Zug der Zeit folgend – mit modernen, den immer wiederkehrenden, Inszenierungs-„Elementen“ (Brutalität darf da natürlich auch nicht fehlen) inszeniert, ohne sie inhaltlich zu entfremden, und da ist man schon froh.

Gegen Ende kommen dann Tänzer (Choreografie Katrin Wolfram) in echtem Torero-„Outfit“, farbenfreudig, voller Glitzer, Glanz und Glamour – nicht etwa in die Arena, sondern bleiben auch außen vor und streben in selbige hinein, nachdem sie sich vor dem Publikum in all ihrem Glanz „produziert“ haben. Sie vermitteln echte Stierkampf-Faszination, wie sie in Spanien noch immer gegenwärtig ist. Sollte das ein Hinweis auf neuere Inszenierungsrichtungen sein, die sich schon langsam wieder in Richtung des mit der Handlung meist eng verwobenen ursprünglichen Rahmens von Ort und Zeit bewegen und sich auch an großen Opernhäusern hier und da schon ankündigen oder sogar durchsetzen? Man ist der ewig nüchternen Bühne und psychologisierenden (Um-)Deutungen nun doch langsam müde.

Viel Vitalität und gesanglichen Glanz brachte Clémentine Margaine, „ein außergewöhnliches und vielversprechendes Talent auf der internationalen Karriereleiter“, wie sie ein russischer Journalist in St. Petersburg rühmte, mit ihrer Rolle als Carmen ein, mit der sie kürzlich an der Met debütierte. Jetzt gastierte sie in gleicher Partie an der Semperoper (in drei Vorstellungen bis zur Sommerpause) und setzte Maßstäbe. Sie faszinierte mit ihrem wunderbar abgerundeten, in allen Lagen sehr sicheren, besonders klangschönen Mezzosopran und dem für diese Rolle etwas geheimnisvollen „dunklen Touch“.
 
In jeder Situation war sie (trotz des nicht gerade vorteilhaften Kostüms – Henrike Bromber) die junge, verführerische Person mit ihrer unberechenbaren Freiheits- und Eigenliebe in glaubhaft natürlichem, nicht aufgesetztem Spiel, auf die sich alle Augen und Ohren richteten, nicht nur die der Männer entsprechend der Opernhandlung, sondern auch und vor allem die des opernbegeisterten Publikums. Sie hatte genügend Kraft, um bei Bedarf auch über das Orchester, die von Gianpaolo Bisanti geleitete Sächsische Staatskapelle Dresden, zu kommen, bei der er öfters starke Kontraste zwischen großer Lautstärke und lyrischem Pianissimo wie in Schwarz-Weiß-Malerei bevorzugte.

In die Rolle der sanften, liebenswerten Gegenspielerin der heißblütigen Carmen, das ehrliche, aufrichtige Bauernmädchen Micaëla mit Herz und ehrlichem Gefühl, schlüpfte Genia Kühmeier, die mit ihrem lyrisch schmelzenden Gesang, feinstem Pianissimo, wunderbar gleitender Phrasierung und sehr klangvoller Stimme das Publikum in ihren Bann zog. Das war echte Gesangskultur mit allen Feinheiten.

Carmens beide Freundinnen waren sehr unterschiedlich besetzt. Während sich Angela Liebold als Mercédès, jung wirkend, vital, sehr schlanke Erscheinung, mit „echt“ spanischem Temperament, als läge es ihr im Blut, beim Tanz bewegte und zuverlässig sang, wusste Menna Gazel vom Jungen Ensemble als eher matronenhafte Erscheinung mit ihrer Rolle als Frasquita offenbar nicht viel anzufangen. Sie bewegte sich gesanglich vorwiegend in der Mittellage und tänzerisch wie auch sonst höchstens andeutungsweise. Da dachte man wehmütig an die Besetzung vergangener Aufführungen, wo gerade die Szenen der drei Freundinnen auch musikalisch kleine Höhepunkte waren.

Ein sehr jugendlich erscheinender Don José war Yonghoon Lee. Er orientierte sehr auf große Bögen und Dramatik, wenn auch noch nicht immer ganz ausgeglichen, da seinen großen Ambitionen die Stimme nicht in jeder Situation. Er beeindruckte mit schönem Mezzoforte und Piano und hatte zuweilen auch etwas Schmelz in der Stimme, harmonierte im Duett sehr gut mit Clémentine Margaine und steigerte sich im 4. Akt großartig in die gebotene Dramatik hinein. Yonghoon Lee singt bereits seit Jahren an den großen Bühnen der Welt, auch an der Met.

Nur wenig überzeugen konnte Martin-Jan Nijhof als stolzer Torero Escamillo, wenn er von weitem „Auf in den Kampf, Torero“ a capella „trällernd“, zum Schmugglerlager inmitten von Häuserwänden kommt, dann etwas sicherer singt und danach mit seinem berühmten „Auftrittslied“, ebenso „flackernd“, mehr andeutend als singend, wieder abzieht.

Glaubhaft und mit guter Stimme verkörperte Tilmann Rönnebeck die Rolle des Offiziers Zuniga. In seinem Gesang schwang sogar etwas von der Angst bei der Bedrohung durch die Schmuggler in der Taverne mit. Als Moralès sang Sebastian Wartig perfekt, aber etwas leise. In weiteren Rollen traten auf: als Dancairo Tom Martinsen, Remendado Timothy Oliver (für den erkrankten Bernhard Hansky vom Jungen Emsemble) und Lilias Pastia Michael Auenmüller vom Staatsopernchor.

 Der Sächsische Staatsopernchor Dresden sang zuverlässig und ausgewogen (Einstudierung: Jörn-Hinnerk Andresen) und der Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden ebenfalls gut einstudiert (Claudia Sebastian-Bertsch), aber zackig militant, mehr als man von einem Kinderchor erwartet.

 Ingrid Gerk

 

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