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DRESDEN/ Semperoper: AIDA – NEU. Mit Christa Mayer als Amneris

15.12.2022 | Oper international
Dresden/Semperoper: „AIDA“ – NEU: CHRISTA MAYER ALS AMNERIS – 14.12.2022
 Seit der Premiere (5.3.2022) hat Giuseppe Verdis „Aida“ in der Inszenierung von Katharina Thalbach mit den Bühnenbildern und Kostümen von Ezio Toffolutti, die der Opernhandlung und dem Publikum gleichermaßen entgegenkommt, nichts von ihrer Zugkraft eingebüßt. Die Besetzung wechselt gelegentlich, aber am Ende bleibt immer ein starker Eindruck an musikalischen und optischen Eindrücken, von schönen oder guten Stimmen, beeindruckender Darstellung, ansprechenden Bildern und großen Szenen.

Mit leisen, sehr leisen, eine geheimnisvolle Spannung aufbauenden, Tönen begann die Sächsische Staatskapelle unter der Musikalischen Leitung von Leonardo Sini und steigerte sich in einem gewaltigen Crescendo bis zu ungewöhnlicher Lautstärke. Sini bevorzugte extrem starke Kontraste, so dass selbst die kräftigen Singstimmen gelegentlich „zugedeckt“, fast „erstickt“ zu werden drohten, wenn nicht die Sängerinnen und Sänger, so viel Stimmkraft besessen hätten, ohne zu forcieren, gerade noch über das Orchester zu kommen. Viele kompositorische Feinheiten der Streicher und Holzbläser, Verdis melodische Brillianz waren dann stellenweise kaum mehr wahrzunehmen. Die Musiker des Orchesters können auch ganz anders, wie die sehr sauber geblasenen Fanfarentrompeten (Aida-Trompeten) und Trompeten auf der Bühne bewiesen, die dem „Triumphzug“ besonderen Glanz verliehen. Im Gegensatz dazu störten danach kurze, zwar saubere, aber sehr scharfe (vom Dirigenten gewollte?) Trompeten-Einwürfe im Orchester (eine Mode-Erscheinung?) eher den musikalischen Fluss, als dass sie Effekt machten.

Der gute Eindruck der Sängerinnen und Sänger überwog und führte zu einem überaus positiven Gesamteindruck. Von Beginn an brillierte Maria José Siri als Aida in allen großen, großartig, mit langem Atem und schöner Stimme gesungenen, anspruchsvollen Arien und Szenen. Sie war einfach, auch in ihrer Rollengestaltung, die hübsche, äthiopische Sklavin und Königstochter, die Sympathieträgerin. Bis zum Schluss steigerte sie sich immer weiter, dem Höhepunkt entgegenstrebend, in ihre Rolle hinein, in der sie im Zwiespalt zwischen Familienzugehörigkeit, Liebe zu ihrem Volk und Liebe zum ägyptischen Heerführer Radames unwissentlich die Katastrophe herbeiführt.

Bei der äußerlichen Erscheinung des Radames war zwar wenig verständlich, warum sich zwei Frauen in ihn verlieben – hier hätten Kostüm und Regie eine entsprechende Aufgabe gehabt! -, aber gesanglich konnte Jorge Puerto das unbedingt ausgleichen und überzeugen. Es geht nicht immer gut, wenn die Kostüme nur für die Premierenbesetzung entworfen werden. Von Fall zu Fall ist auch eine Nachbesserung bei sehr unterschiedlichen Besetzungen erforderlich!

Mit voluminöser, klangschöner und ausdrucksstarker Stimme gab Vitalij Kowaljow den Priester Ramfis. Sein weltliches Pendant, der Kaiser, dem Tilmann Rönnebeck seine gut klingende Stimme lieh, blieb, so wie auch die Rolle inszenatorisch angelegt ist, etwas zurückhaltender. Stimmlich präsent und ausdrucksstark in Gestalt und Gestik verkörperte Andrzej Dobber den Amonasro mit Lockerheit und scheinbarer Leichtigkeit, besonders beeindruckend in der entscheidenden Szene der Auseinandersetzung mit Aida, in der Radames den Fluchtweg und damit ein Staatsgeheimnis verrät und die Handlung eine dramatische Wendung nimmt.

Die Überraschung des Abends war Christa Mayer, die neben Gastspielen an der Deutschen Oper Berlin, der Bayrischen Staatsoper, den Opernhäusern in Hamburg, Venedig, München, Florenz, Barcelona, Bilbao, Sevilla und Tokio, bei den Bayreuther Festspielen und zahlreichen Festivals der Semperoper treu geblieben ist und nun die Rolle der Amneris übernommen hat, mit der sie die hohen Erwartungen noch übertraf. Mit ihrer wohlklingenden Stimme, mit der sie allen lyrischen, emotionalen und dramatischen Stimmungen, Empfindungen und Ereignissen höchsten Ausdruck zu verleihen vermag, mit Power und Stimmgewalt, lyrisch und emotional gestaltete sie die Rolle der ägyptischen Prinzessin und Rivalin Aidas. In allen Lagen und Situationen hat ihre Stimme stets einen besonderen Klang, dramatische Ausdrucksstärke und auch Seele. Ihre Amneris war nicht nur Rivalin und kaltherzige Widersacherin, sondern auch eine menschliche Persönlichkeit.

Mit hingebungsvollem Gesang machte Ofeliya Pogosyan vom Jungen Ensemble als glaubwürdige Tempelsängerin bei der beschwörenden Zeremonie im Tempel auf sich aufmerksam. Simeon Esper überbrachte als erschöpfter, devoter Bote die Nachricht vom Einfall der Äthiopier in Ägypten.

Der Sächsische Staatsopernchor, unterstützt vom Sinfoniechor Dresden, Extrachor der Semperoper, in der Einstudierung von André Kellinghaus hatte mit seinen perfekten, gut abgestimmten, sehr eindrucksvoll die Handlung unterstreichenden Einsätzen in jeder Situation großen Anteil am positiven Gesamteindruck der Aufführung. Gekonnt und anmutig, mit zum Teil akrobatischen, in die Handlung geschickt eingebundenen anspruchsvollen Ballett-Einlagen, bereicherten acht Tänzerinnen und acht Tänzer in schönen Bildern in perfekter Ausführung das Geschehen auf der Bühne.

Inszenierung und Musik verschmolzen zu einer Einheit, einem „Gesamtkunstwerk“, von dem gegenwärtig viel gesprochen, das aber in neuerer Zeit nur sehr selten erreicht wird.

Ingrid Gerk

 

 

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