Dresden/Semperoper: 9. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN UNTER TUGAN SOKHIEV – 16.4.2023
Ursprünglich wollte Christian Thielemann im Rahmen der „Richard-Strauss-Tage an der Semperoper“ neben den Opern „Rosenkavalier“ und „Arabella“ auch zum Abschluss das 9. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden leiten, sagte aber wie auch bei den anderen Veranstaltungen aus gesundheitlichen Gründen ab. An seiner Stelle stand nun der aus Nordossetien stammende Tugan Sokhiev, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonieorchesters Berlin (2012-2017), Musikdirektor und Chefdirigent des Moskauer Bolschoi-Theaters (2014-2022) und Leiter des Orchestre national du Capitole de Toulose (2008-2022) zum wiederholten Mal am Pult der Staatskapelle.
In Abänderung des vorgesehenen reinen Strauss-Programmes stand nun neben zwei Tondichtungen von Richard Strauss aus zwei unterschiedlichen Phasen seines Schaffens und einem Ausschnitt aus „Salome“ das „1. Klavierkonzert“ von Franz Liszt auf dem Programm, was zunächst vielleicht etwas befremdlich anmutete, letztendlich aber in enger Beziehung zu Strauss’ Werken steht, denn Strauss ließ sich bei dem Sujet für „Tod und Verklärung“ unter anderem von Liszts Symphonischer Dichtung „Tasso“ leiten und von dem sanft aufwärts schwingenden Thema im 2. Satz des Klavierkonzertes zum Walzer im „Rosenkavalier“ inspirieren.
Das Konzert begann mit der heiter-parodistischen Tondichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche; nach alter Schelmenweise in Rondeauform; für großes Orchester gesetzt“, die Strauss 30jährig schrieb, nachdem er die Arbeit an einer Oper mit dem Titel „Till Eulenspiegel bei den Schildbürgern“, die seinem „Guntram“ als satirisches Gegenstück folgen sollte, abgebrochen hatte. Die Schelmenstreiche wurden zum Geniestreich, und zu einem der beliebtesten und meistgespielten Orchesterwerke überhaupt. Strauss dürfte aber nicht Strauss sein, wenn er nur das Sujet vertont hätte. Der im Volksbuch überlieferte Schalk wird bei Strauss zur dramatischen Gestalt, die nicht nur mit den Mitmenschen ihre Possen treibt, sondern musikalisch auch mit den Hörern.
Langsam und erwartungsvoll eröffneten die Musiker unter Sokhiev das Werk mit dem (später hinzu komponierten) „Prolog“, der wie ein langsam zurückgezogener Bühnenvorhang neugierig auf das Stück und seine Interpretation machte und am Ende als Epilog den Kreis wieder schloss. Die vier Episoden mit Eulenspiegels Streichen, dem Ritt durch die Töpfe der keifenden Marktweiber, seiner „vor Salbung und Moral triefenden“ Predigt, als Mönch verkleidet, seinen vergeblichen Annäherungsversuchen an Mädchen und seinem Spiel mit falschen Gelehrten, erschienen in den verschiedensten Situationen und Stimmungen sehr plastisch, schillernd und illustrativ bis hin zum bitteren Ende mit Gerichtsurteil und Tod des „Helden“.
Bei Strauss’ raffinierter Instrumentierung mit ihren diffizilen Herausforderungen, einschließlich dem berühmten Hornthema (perfekt ausgeführt von Robert Langbein), war die Kapelle mit ihrer vielseitigen Differenzierungskunst der Charaktere in ihrem Element. Heiter und beschwingt, witzig und mit musikalischem „Schwänzchen“ narrend, triumphierend, siegessicher und mit lautstarkem Temperament, aber auch schöner Tongebung, wenn „Till als Kavalier zarte Höflichkeiten mit schönen Mädchen“ tauscht, bewegte sich Eulenspiegel ca. 15 Minuten lang in schöner Transparenz vielgestaltig durch das Stück. Das Orchester wartete mit sehr guten, von Soloinstrumenten geführten Passagen, sehr guten Bläsern und perfektem Zusammenspiel auf und betonte mit feiner Ironie den schelmenhaften Charakter des Stückes mit seiner besonderen Melodik. Nur leider geriet das kleine Violinsolo (ein Gast) zu verhalten, so dass es nur mit großer Anstrengung zu hören war (auf manchen Plätzen überhaupt nicht).
Viel ernster, nüchterner, fast kühl bewegt sich Strauss zwischen Leben und Tod mit seiner Tondichtung „Tod und Verklärung“ (op. 24) für großes Orchester, bei der er sich, bereits in jungen Jahren, kaum 25jährig, schon mit den letzten Dingen des Lebens auseinandersetzt, nicht, wie oft angenommen, nach zwei schweren Lungenerkrankungen, sondern schon zuvor als Versuch, die letzten Momente im Dasein eines Menschen in einem opulent besetzten, einsätzigen Werk, in dem sich das zentrale Verklärungsthema allmählich entfaltet und erst im Schlussteil vollständig erklingt, in Töne zu fassen. Das Programm, bei dem ein Kranker, von Schmerzen und Fieber geplagt, sein Leben überdenkt, von „freundlichen Träumen abgelenkt wird und schließlich mit dem Tod die Seele den Körper verlässt, um das zu vollenden, was der Mensch nicht vollenden konnte, unterlegte er später mit den Erfahrungen seiner Krankheit.
Die Kapelle ließ auch hier in schöner Transparenz das Werk für sich sprechen. Im Kontrast von großer Lautstärke für die Erschütterungen durch die Krankheit und schönen Klängen für die Träume, mit leise pochender Pauke, Posaunen und Tamtam-Schlägen als Symbol des Todes spielte das Orchester kontinuierlich in schöner Geschlossenheit, untereinander sehr gut abgestimmt, bis das zentrale Verklärungsthema in mächtiger Steigerung großartig im Klangrauch der Erlösung kulminierte und ergreifend ausklang. Leider war auch hier das fein singende Violinsolo viel zu leise, während Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott usw. brillierten.
Zwischen den beiden Tondichtungen erklang das „Klavierkonzert Nr. 1 Es‑Dur“ von Franz Liszt, das der Komponist selbst am Klavier 1855 im Weimarer Schloss unter der Leitung von Hector Berlioz aus der Taufe hob. Jetzt saß der junge, aus Shanghai gebürtige, Pianist Haochen Zhang am Konzertflügel und gab damit sein Kapell-Debüt. Kraftvoll präludierend, mit relativ hartem, Anschlag begann er den gewichtigen 1. Satz, das mitunter mysteriöse „ Allegro maestoso“. Mit einer Mischung aus Kraft und lyrischem Einfühlungsvermögen, ganz in das Werk vertieft und stets auf Virtuosität bedacht, gab es auch Piano-Passagen und perlende Läufe, sauber und technisch perfekt ausgeführt. In den Ecksätzen („Allegro“) drohte sein überschäumendes jugendliches Temperament die Grenzen zu sprengen. Tokhiev gelang es jedoch, das Orchester effektvoll als sehr klangvolle Ergänzung einzusetzen und eine ausgewogene Balance mit dem Pianisten zu erreichen, der sich seinerseits auch davon inspirieren ließ und dann mit gleichem Klangsinn konform mit der Kapelle musizierte.
Mit seiner Zugabe, einem „Intermezzo“ von Johannes Brahms, bewies Haochen Zhang, ganz in sich und das Stück versunken, seinen Sinn für eine sehr sanfte Seite der Romantik. Empfindsam und zart, fast impressionistisch und leicht verklärt ließ er die fasziniert lauschenden Zuhörer an seiner „persönlichen Zwiesprache“ mit dem Stück teilhaben. Danach herrschte lange Stille, bis sich die Begeisterung im Applaus Bahn brach.
Den opulenten Abschluss des Konzertes bildete der „Tanz der sieben Schleier“ aus „Salome“ (op. 54), den Sokhiev mit ausladenden Bewegungen leitete. Nach schlagzeuglastigem Beginn entfaltete sich in einem Farb- und Nuancenreichtum mit guten Holz- und Blechbläsern, die schwül-erotische Atmosphäre an Herodes’ Hof orgiastisch ausdrucksstark und dynamisch.
Ingrid Gerk

