Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Semperoper: 6. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE ALS DRESDNER GEDENKKONZERT MIT DER H-MOLL-MESSE VON J. S. BACH

15.02.2023 | Konzert/Liederabende

Dresden/Semperoper:  6. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE ALS DRESDNER GEDENKKONZERT MIT DER H-MOLL-MESSE VON J. S. BACH – 13./14.2.2023

Als die Sächsische Staatskapelle (damals Staatskapelle Dresden) unter der Leitung von Rudolf Kempe am 13. Februar 1951 Verdis „Messa da Requiem“ aufführte, um damit der Zerstörung Dresdens kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs und der vielen Toten zu gedenken, wurde damit eine Tradition begründet, die bis heute Bestand hat. Zum 50. Jahrestag 1995 gab es Stimmen, diese Gedenkkonzerte zu beenden, aber die Bevölkerung hielt an dieser Tradition fest.

Jedes Jahr führt die Sächsische Staatskapelle an diesem (und am nächsten) Tag ein Großwerk für Soli, Chor und Orchester auf. In diesem Jahr war Philippe Herreweghe, der Spezialist für Musik der Barockzeit, und vor alle Bach, mit dem, 1970 auf seine Initiative hin von Studenten gegründeten, Collegium Vocale Gent zu Gast. Er war nicht das erste Mal bei der Sächsischen Staatskapelle. Zuletzt leitete er 2021 zum Dresdner Gedenktag (Corona bedingt) ein Radiokonzert mit Bachkantaten. Jetzt konnte das Gedenkkonzert wieder live in der Semperoper stattfinden. Auf dem Programm stand Johann Sebastian Bachs letztes großes Vokalwerk, seine „Missa h‑Moll“ (BWV 232), eine katholische Messe, die einen speziellen Bezug zu dem evangelischen Dresden hat.

Die Teile „Kyrie“ und „Gloria“ wurden 1733 als Missa brevis“, um Bachs Bemühungen um einen Kapellmeistertitel zu bekräftigen, am Dresdner Hof als Widmungskomposition für den neuen Kurfürsten Friedrich August II. überreicht. Er war katholisch wie sein Vater, August der Starke, der wegen der polnischen Königskrone (in Baden bei Wien) zum Katholizismus konvertiert war. Der übrige Hof und die  Bevölkerung blieben evangelisch, womit schon damals eine tolerante Haltung zu anderen Religionen begründet wurde. Vermutlich (darüber wird noch gestritten) wurden diese beiden Teile in der Dresdner Hofkirche auch aufgeführt.

Wie bei vielen seiner Kompositionen griff Bach auch dabei auf Teile seiner älteren Werke zurück (Parodieverfahren) und arbeitete sie für den lateinischen Messtext um, wobei er meist weltliche Kompositionen in dem geistlichen Werk verwendete (was damals keinen Affront bedeutete). Über die Entstehungsgeschichte der gesamten „h-Moll-Messe“ ist hinsichtlich ihrer Überarbeitung und Vervollständigung in den späten 1740er Jahren wenig bekannt, aber ganz gleich, wie sie entstand, sie ist ein überwältigendes Werk und eine von Bachs bekanntesten Kompositionen. Unabhängig von der Art ihrer Ausführung verfehlt sie ihre überaus beeindruckende Wirkung nie und vermag Kenner wie Musikliebhaber gleichermaßen zu fesseln.

Herreweghe ist bekannt für seinen lebendigen, authentischen und rhetorischen Ansatz bei der Interpretation von Barockmusik, mit dem er auch diese Aufführung leitete, akzentuiert im Sinne der historischen Aufführungspraxis mit barocker Stufendynamik, aber nicht akademisch trocken, sondern vital und lebensvoll und bei alledem sehr transparent und klangvoll, mitunter auch mit sehr langsamen Tempi wie im weit gedehnten „Qui tollis“. Chor und Orchester traten in relativ kleiner, ausgewählter Besetzung auf, die etwa dem Platz auf einer Chorempore einer Barockkirche entspricht. Die Solisten sangen zwischen Chor und Orchester.

Auch ohne große Zeichengebung versteht und kennt das Collegium Vocale Gent eine, durch zahlreiche Auftritte und Konzertreisen gefestigte Gemeinschaft, Herreweghes Intentionen, der sich bei der Aufführung allgemein auf sparsame Zeichengebung beschränkte. Der Chor sang sehr sicher und präzise, mit kräftigen Stimmen und ausgeprägtem stilistischen Verständnis. An die etwas schrille, leicht gutturale Höhe der dominierenden Soprane und den spezifischen, markanten Klang konnte man sich gewöhnen. Allgemein beeindruckte die gute Diktion, Flexibilität und Transparenz.

Das Solistenquartett war unterschiedlich, aber überzeugend, besetzt und fügte sich in Herreweghes Werkvorstellung gut ein. Dorothee Mields verfügt über eine schöne, natürliche, wohlklingende, allerdings nicht sehr große, Sopranstimme. Sie wurde von Sophie Harmsen, ebenfalls Sopran, im Duett „Christe eleison“ ergänzt, die zuverlässig und mit langem Atem auch die Arie „Laudamus te“ sang, begleitet von geschmeidig „singender“ Solovioline.

Im Duett („Et in unum Dominum“) mit dem Altus Alex Potter war Dorothee Mields iwarme, weiche Frauenstimme trotz aller Qualitäten des Altus klanglich überlegen, da eine Frauenstimme naturgemäß geschmeidiger und weicher klingt und mehr Wärme und Innigkeit ausstrahlen und sich entfalten kann, so gut und sicher Potter auch sang. Er verfügt über eine, für einen Altus ungewöhnlich kraftvolle, Stimme und ausgezeichnete Technik, Tonreinheit und gute Phrasierung und bewältigte alles problemlos, vom Forte bis zum feinsten Pianissimo, die Arie „Qui sedes“ und auch das „Agnus dei“ gestaltete er mit bewusstem Ausdruck, und doch fehlte letztendlich die Innigkeit einer Frauenstimme.

Souverän, mit klangvoller und kräftiger Stimme, guter Phrasierung und deutlicher Textdeklamation gestaltete Reinoud Van Mechelen die Tenorpartie, fließend und exakt bis ins kleinste Detail scheinbar mühelos bei allen Schwierigkeiten. Beim Duett („Domine deus“) kam es zu schöner Übereinstimmung mit dem Sopran, bei der Arie „Quonium tu solus“ zu schöner Harmonie mit den begleitenden Holzbläsern und im „Benedictus“ trotz räumlicher Entfernung zu einer seltenen Übereinstimmung zwischen der perfekt geführten Tenorstimme und dem ebenso perfekten, ausdrucksvoll ergreifenden Flötensolo, das sich wie eine menschliche Stimme mit der Tenorstimme verband und abgestimmt wurde, wie in einer gemeinsamen, „innigen Zwiesprache“.

Krešimir Stražanac, als sehr guter Solist in Konzerten in Erinnerung, hatte hier offenbar noch nicht den richtigen Zugang zu Bachs, mit vielen technischen Schwierigkeiten versehenen, Arien gefunden und orientierte deshalb vorwiegend auf die technische Realisierung, und sehr gute Textverständlichkeit.

Mit ihrem besonderen Klang, Stilempfinden und Erfahrung – auch auf dem Gebiet der Barockmusik – sorgten die Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle im richtigen Tempo für ein klanglich ausgewogenes Fundament, schöne Instrumental-Passagen und  die Begleitung, „Untermalung“ und vor allem Mitgestaltung der Arien als gesamtes Orchester und insbesondere durch hervorragende Soli von Violine, wunderbarem Horn, brillanter Solotrompete und wunderbarer Flöte mit großen Nuancenreichtum, und damit für einen sehr eindrucksvollen Gesamteindruck. Streicher und Bläser erfüllten ihre Aufgaben schlichtweg ideal und oft in völliger Übereinstimmung mit dem Chor.

Besonders beeindruckend gestaltete Herreweghe den Kontrast zwischen dem leise, behutsam, getragen, zurückhaltend ausdrucksstark „zelebrierten“ „Et incarnatus“ bis zum „Crucifixus“, dem Leidensweg Jesu, und dem darauffolgenden „ Et restit“ (Auferstehung) in unbeschreiblichem Jubel.

Mit der Bitte um inneren und äußeren Frieden („Don nobic pacem“), von Solisten, Chor und Orchester getragen, endet die Messe. Sie sollte nicht durch eine Pause unterbrochen werden. Es gab nur kleinere Pausen zwischen den einzelnen Teilen, eine für die Umgruppierung des Chores für das gewaltigen sechsstimmige „Sanctus“ und eindrucksvolle „Osanna“ und eine (ungeplante) für Herreweghe vor dem „Credo“ (aus welchen Gründen auch immer). Das alles tat dem Gesamteindruck kaum Abbruch.

Auch nach 72 Jahren wird traditionsgemäß am Schluss auf Beifall verzichtet. Das Orchester erhob sich langsam, Chor, Solisten und Publikum schlossen sich an und verharrten in Schweigeminuten, um der grausamen Ereignisse des Krieges zu gedenken, die sich gegenwärtig in anderen Regionen wiederholen.

Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken