Dresden/Semperoper: 5. SYMPHONIEKONZERT“ DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT TUGAN SOHHIEV UND YEFIM BRONFMAN – 20.12.2022
Drei, sehr unterschiedliche Kompositionen sehr unterschiedlicher Epochen und Stilrichtungen standen auf dem Programm des 5. Symphoniekonzertes der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Bei der Ausführung trugen sie alle die Handschrift von Tugan Sokhiev, der bereits im 4. Symphoniekonzert und der daran anschließenden Tournee für den krankheitsbedingt ausgefallenen Christian Thielemann eingesprungen war.
Der Abend begann mit einer deutschen Erstaufführung, einem Stück der in Graz geborenen Olga Neuwirth, der derzeitigen Capell-Compositrice, in deren individueller Klangwelt keine traditionellen Stilkategorien mehr gelten. Sie nannte ihre Orchesterkomposition „Dreydl“, wie den Spielzeugkreisel, der sie dazu inspirierte und mit dem die Kinder um Süßigkeiten beim jüdischen Lichterfest Chanukka spielen, das in diesem Jahr am 18.12. begann, wie passend zum Konzerttermin. Auf kontinuierlich „hämmernden“, aus ihrem „Interesse an der Neugestaltung und Neuerfindung von tanzähnlichen Rhythmen“ resultierenden, ostinaten Figuren, treiben kreise(l)nde, sich immerfort bewegende, variierende, sich aufschaukelnde, wie einem imaginären Höhepunkt zustrebende, „schräge“ Harmonien, das Stück unentwegt an.
Es beginnt leise, dreht und dreht sich immerzu, immer schneller und schneller. Das Schlagzeug beginnt, Streicher und Bläser greifen das „Motivische“ auf und führen es weiter. Es wird vielseitig verändert und immer wieder neu kombiniert. Für ihre, alle Genregrenzen überschreitende, Klangsprache kommen auch exotische Instrumente, wie Altsaxophon, E-Gitarre und elektronische Orgel zum Einsatz. Zunächst erinnert das Stück, wenn auch in anderer Form, ein wenig an Ravels „Bolero“, ruft aber noch stärker Assoziatinen an die sich zu Tode Tanzende in Strawinksys „Le sacre du printemps“ hervor, wenn sich der „Kreisel“ im gesamten Orchester dreht, immer mehr aufschaukelt, sägend, hämmernd, nervlich belastend, wie ein drohender Teufelskreis und mit großer Lautstärke, mit der Sokhiev das Ganze noch forcierte, über das Publikum hereinbricht.
Die Kapelle spielte sehr sauber und mit der ihr eigenen Akribie. Bei zu großer Lautstärke verliert jedoch ihr spezifischer, viel gerühmter Klang seine Leuchtkraft. Das Stück ist kein Spiel, wie der Titel andeuten könnte. Ähnlich dem unablässigen Drehen des Spielzeugkreisels mit Glück und Zufall bezieht es sich, sehr modern instrumentiert und durchgeführt, auf die ständig wechselnde Bewegung des „Kreis(el)laufes“ des Lebens mit Verunsicherung, Fragilität, Umbrüchen und Gefahren, besonders in unserer Zeit.
In eine ganz andere musikalische Welt und wieder zurück zum seelischen Gleichgewicht führte das „Klavierkonzert Nr. 22“ Es‑Dur (KV 482) von Wolfgang Amadeus Mozart, der die dunklen Seiten des Lebens durchaus auch kannte, in den meisten seiner Kompositionen aber nicht durchblicken ließ. Wie alle seine Solokonzerte strahlt es angenehme Heiterkeit und schöngeistige Unterhaltung auf allerhöchstem kompositorischem Niveau aus.
Der gegenwärtig zu den bedeutendsten Pianisten unserer Zeit gehörende Yefim Bronfman bestätigte mit seiner imposanten Technik, seinem in jeder Phase klangvoll perlenden Anschlag, kraftvoll und doch sensibel, klar und mit Empfindung mit seiner, Werk und Komponist verstehenden und dadurch mitteilenden, Interpretation dieses Konzertes einmal mehr seinen Ruf.
Bei ihm erscheint alles selbstverständlich, was doch so schwer zu machen ist. Mozarts musikalische Welt erschließt sich dann wie von selbst. Schlicht und unspektakulär nimmt er am Flügel Platz und spielt souverän, ganz Diener am Werk, dem er sich gerade widmet. Allein die Wahl der Kadenzen (nach Paul Badura-Skoda und eine eigene) verrieten Geschmack und Einfühlungsvermögen und erst recht die exzellente Ausführung. Er verfügt über eine ideale Balance zwischen Klarheit und Frische, Kraft und feinfühliger Lyrik, die im „Andante“ ihren schönsten Ausdruck fand.
Sokhiev hielt auch hier in seiner Leidenschaft für Lautstärke nicht zurück. Er ließ dem Pianisten zwar alle Entfaltungsmöglichkeiten, trug aber in den reinen Orchesterpassagen etwas zu „dick“ auf. Es war weniger ein Miteinander gleichen Denkens und Fühlens von Solist und Orchester, als ein konträrer „Dialog“.
Dem begeisterten Publikum schenkte Bronfmann noch eine kraftvoll-mitreißende Zugabe, ein „Nocturne“ von Frédéric Chopin.
In eine wieder andere Welt führte Sokhiev nach der Pause das Publikum mit der Symphonischen Suite „Scheherazade“ (op. 35), bei der sich Nikolai Rimski-Korsakow von der persisch-arabischen Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ inspirieren ließ und Geschichten aus dem orientalischen Sprachraum in Töne setzte, die er in einer Rahmenhandlung der Sultansgattin Shereazade in den Mund legt. Um ihr Leben zu retten, erzählt sie in 1001 Nächten dem Sultan Schahriar, der von der Falschheit und Untreue der Frauen überzeugt ist und jede nach der ersten Nacht töten lässt, jeweils ein neues Märchen, womit sie sein Interesse fesselt und er unter dem Eindruck der Spannung von Tag zu Tag die Vollstreckung verschiebt und schließlich ganz aufhebt.
Nach langsamer Einleitung begann das mächtige unerbittliche Thema des Sultans mit tiefen Streichern und Bläsern und danach eine verführerische Arabeske der feinsinnigen, transparenten Solovioline über Harfenklängen für die sanfte, Geschichten erzählende Scheherazade, die immer wieder abgewandelt, anklingen und das Werk wie ein roter Faden durchziehen. Die Geschichten geben Gelegenheit zu kontrastreichen Schilderungen mit Dramatik und immer wieder sehr schönen, sehr sauber und liebevoll ausgeführten Soli von Flöte, Fagott, Klarinette usw. bis hin zur dramatischen Szene, wenn Sindbads Schiff mit Schlagzeugwirbel am Felsen zerschellt. Zum Schluss sind beide Protagonisten versöhnt, friedliche und klangschöne Töne, leicht getupft, beendeten das Tongemälde, bei dem Sokhiev mit geschickter Geste den Applaus für einige Zeit zurückhielt, um es leise nachklingen zu lassen.
Der Mitschnitt des Konzertes wird von MDR Kultur und MDR Klassik gesendet (22.12. und 20.1.2023, jeweils 20.05 Uhr).
Ingrid Gerk

