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DRESDEN/ Semperoper: 473. KAPELL-GEBURTSTAG DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT HERBERT BLOMSTEDT

24.09.2021 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: 473. KAPELL-GEBURTSTAG DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT HERBERT BLOMSTEDT – ‑ 23.9.2021

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Herbert Blomstedt dirigiert die Sächsische Staatskapelle. Foto: Matthias Creutziger

Seit einigen Jahren feiert die Sächsische Staatskapelle Dresden, eines der ältesten und traditionsreichsten Orchester der Welt, ihren Kapell-Geburtstag an dem Tag, als Kurfürst Moritz von Sachsen 1548 die Gründung der Dresdner Hofkapelle, ihres Ursprungsorchesters, besiegelte, mit einem festlichen Konzert an jeweils einem der Orte, wo das Orchester einst musiziert hat, wie der Heinrich-Schütz-Kapelle im Residenzschloss, dem Palais im Großen Garten, dem Kulturpalast und in diesem Jahr wieder in der Semperoper, ihrer langjährigen Wirkungsstätte.

Herbert Blomstedt, der nunmehr einzige Ehrendirigent der Kapelle (nach dem Tod von Colin Davis), der seit seiner Amtszeit als Chefdirigent von 1975 bis 1985 der Kapelle sehr eng verbunden ist, ließ es sich nicht nehmen, dieses Traditionskonzert, zweimal zu dirigieren (22./23.9.). Trotz seiner 94 Jahre strahlte er geistige und körperliche Frische, Vitalität und Energie aus. Bereits als er die Bühne betrat, wogte ihm die Sympathie aus dem Zuschauerraum mit enthusiastischem Beifall entgegen. Es war ein stilles Einvernehmen in gleichem musikalischem Verständnis zwischen ihm, dem Orchester und dem Publikum, das jedem Ton gebannt lauschte.

Mit den ersten, sehr feinen Tönen und äußerst sanftem Crescendo tat sich eine innige Gefühlswelt auf, wurden die Zuhörer mit hineingenommen in die geheimnisvoll traurige und doch tröstende musikalische Welt der „Symphonie Nr. 7 h‑Moll“ (D 759) von Franz Schubert, der vollendeten „Unvollendeten“, in deren zwei Sätzen bei dieser äußerst transparenten Interpretation sanfte Gefühle und sich aufbäumendes Temperament, wunderbare Kantilenen und wuchtiges, aber nie schroffes oder hartes, Fortissimo logisch aufeinandertrafen, sich ablösten und ineinander übergingen, schöne Details aufleuchteten und große melodische Bögen gespannt wurden. Unter Blomstedts umsichtiger Leitung mit dezenter Zeichengebung steigerten sich die Musiker zu vollendeter Ausführung in allen Phasen voller Innigkeit und Gefühlstiefe, aber auch innerlich aufgewühlt und mit temperamentvollen Gefühlsausbrüchen.

Blomstedt konnte auf sehr gute, sehr sauber und mit musikalischem Gefühl musizierende Bläser und zuverlässige Streicher bauen. Es gab sehr schöne Passagen und kleine Soli mit Klarinette, Oboe, Flöte und Horn sowie den, in einer Symphonie erstmals eingesetzten, Posaunen, kleine Höhepunkte der gesamten traumhaft schönen Wiedergabe. Einziger kleiner Wermutstropfen, war der etwas weniger sensible Klang der Streicher als gewohnt, was jedoch angesichts des wunderbaren Gesamteindruckes kaum Bedeutung hatte. Die Musiker reagierten auf jede von Blomstedts sparsamen Gesten, mit denen er die Musik formte, mit bestmöglicher Umsetzung. Man konnte förmlich unter seinen geschmeidigen Händen „die Musik entstehen sehen“.

Er nahm auch die Intentionen des Orchesters auf und inspirierte die Musiker seinerseits. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen. In völligem Einvernehmen (was nicht zuletzt selbst am völlig gleichen Bogenstrich der Streicher zu erkennen war) musizierten Dirigent und Musiker „auf gleicher Wellenlänge“, im gleichen Empfinden und Durchleben der Musik. Selbst wenn man diese Symphonie schon oft gehört hat, konnte man sie hier wieder neu empfinden, entdecken und verstehen, zwei ergreifende Sätze, die berührten und innerlich aufwühlten.

Und doch war noch eine Steigerung mit der „Symphonie Nr. 4 Es‑Dur“ (WAB 104) von Anton Bruckner, der „Romantischen“ möglich. Obwohl in ihrem Duktus ganz anders, wurde sie mit großer Hingabe und Leidenschaft musiziert, nicht übertrieben, aber ausdrucksstark, mit ausgefeilten lyrisch-romantischen Passagen und emotionsgeladenen Abschnitten mit ergreifender Wucht. Das Orchester folgte auch hier einhellig Blomstedts Intentionen und wurde zu einem harmonischen „Organismus“, im sehr feinen, kaum hörbaren Pianissimo wie im lautstarken, aber „das Ohr nicht beleidigenden“ Fortissimo. Feine gezupfte Violinen und schwebende Streicher im 2. Satz, zahlreiche Feinheiten, zunehmende Klangschönheit bei Bruckners instrumentaler Üppigkeit, eine gewaltige interne Steigerung und auch hier sehr schöne Bläser, insbesondere Solo-Horn und Horngruppe, Posaunen, Oboe, Klarinette, Fagott und strahlende Trompete(n), die Glanzpunkte setzten, ließen die Herzen höher schlagen.

Ein Sonderlob verdient der Paukist, der mit Können und musikalischem Verständnis immer im richtigen Moment die Akzente setzte, den Orchesterklang in unaufdringlicher, aber sehr wirkungsvoller Weise unterstrich und von feinen, leisen Schlägen bis zu expressiver Kraft immer das richtige Maß fand„ um das berühmte „i‑Tüpfelchen“ auf den Gesamtklang des Orchesters zu setzen.

Die Staatskapelle musizierte mit Hingabe, Verstand und Gefühl. Blomstedt hielt trotz großer Dimensionen alles in wunderbarer Transparenz zusammen und in einer großartigen Steigerung die Spannung bis zum hymnischen Schluss. Ohne zu übertreiben gehörte dieses Konzert zu den besonderen „Sternstunden“ der Musik. Das Publikum dankte es ihm mit Standing Ovations, denen er in seiner bescheidenen Art wenig Bedeutung beimaß. Für ihn ist die Musik das Wichtigste. Er lebt in der Musik, die er gerade interpretiert, unabhängig von Stilepoche und Komponist.

Man fragt sich, wie eine solche Leistung eines erstaunlich agilen 94jährigen möglich ist. Es war nicht nur das physische Vermögen, die große Ausdauer und Selbstdisziplin, sondern das tiefe Eindringen in die Musik Schuberts und Bruckners. Die Musik ist es, die ihn jung und fit erhält, wie er selbst sagt. 

Ingrid Gerk

 

 

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