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DRESDEN/ Semperoper: 4. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE / Vilde Frang und David Afkham

18.12.2018 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper:  4. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN STATT MIT MYUNG WHUN-CHUNG MIT VILDE FRANG UND DAVID AFKHAM – 17.12.2018

Das mit Spannung erwartete „Familientreffen“ im 4. Symphoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit dem Ersten Gastdirigenten der Kapelle, Myung-Whun Chung, der nun schon zur „Kapellfamilie“ gehört, und seiner Schwester Kyung Wha Chung musste leider wegen Krankheit abgesagt werden, wurde aber mit Umbesetzung und Programmänderung „gerettet“. An Chungs Stelle übernahm David Afkham, einer der vielversprechenden Dirigenten der jüngeren Generation und derzeit Chefdirigent des Spanischen Nationalorchesters in Madrid, das Konzert an den drei Abenden (16., 17., 18.12.). Er debütierte bereits im Juli 2013 in einem Aufführungsabend am Pult der Staatskapelle.

Anstelle der „Symphonie Nr. 4“ von Pjotr I. Tschaikowsky und dem „Violinkonzert“ von Johannes Brahms standen nun die „Symphonie Nr. 7 d‑Moll“ (op. 70) von Antonín Dvořák und das „Konzert für Violine und Orchester D‑Dur“ (op. 61) von Ludwig van Beethoven mit der norwegischen Geigerin Vilde Frang auf dem Programm. Sie gab damit ihr Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle.

Beethovens Violinkonzert begann zunächst sehr verheißungsvoll mit leisen, geheimnisvollen Paukentönen, die vieles ahnen und hoffen ließen, was sich dann aber in ganz anderer Richtung entwickelte. Vilde Frang fühlte sich mit ihrer Geige von Jean Baptiste Vuillaume aus dem Jahr 1866 offenbar ganz in der Welt einer verträumten Romantik und „zelebrierte“ das Konzert mit leisen, sehr feinen Tönen, die jedoch dem Charakter Beethovens kaum entsprachen.

Es gibt sehr unterschiedliche Lesarten von Beethovens einzigem Violinkonzert, dessen Interpreten-Liste lang und ein „Who’s Who“ der Geigenkunst ist. Jede Interpretation ist anders, klingt anders, ob nun sehr geradlinig, traditionell klassisch, etwas romantisch angehaucht oder brennend leidenschaftlich. Nikolaj Znaider und Gidon Kremer stellten sich mit feinem, dennoch herzhaftem Ton, virtuos, präzise und kultiviert ganz in den Dienst dieses Konzertes. Isaac Stern bezeichnete Beethoven als „Titan“. Isabelle Faust wagte einen Ausflug in Richtung „Originalklang“ und Anne-Sophie Mutter interpretierte es auch ein wenig melancholisch, sehnsuchtsvoll, in relativ langsamem Tempo, aber immer stand Beethovens Persönlichkeit mit dem spezifischen Charakter seiner Musik im Mittelpunkt.

Anders bei Vilde Frang. Sie ging einen ganz eigenen, persönlichen Weg und verlieh dem Violinkonzert einen völlig anderen Charakter. Entgegen einem, jetzt meist üblichen, raschen Tempo, kehrte sie „zurück zur Langsamkeit“, verlor sich mit feinst ziselierter Gestaltung in einer erträumten Welt und „kostete“ feinsinnig, sehr zart besaitet, fast zerbrechlich, mit hauchzartem Pianissimo und lockeren Trillern jeden Ton aus – technisch eine Kunst, interpretatorisch aber leider am Werk vorbei. Sie betonte extrem die romantische Seite, die sich bei Beethoven, der sich an der Schwelle zur Romantik befand, schon andeutet, aber nicht ausschließlich sein Werk bestimmt.

In starkem Kontrast dazu forcierte Afkham in den solofreien Passagen mit dem Orchester Temperament und Tempo, so dass sich eine Kluft von Gegensätzen zwischen Solistin und Orchester auftat, zwei Extreme, die nicht zueinander finden konnten, und das Konzert eher zwiespältig als in klassischer Übereinstimmung von Inhalt und Form verlief.

Orchestermusiker und Publikum honorierten mit ihrem Applaus vor allem die technische Seite des Könnens von Vilde Frang, und sie bedankte sich mit einer Zugabe, dem technisch versiert und klangvoll gespielten, von Fritz Kreisler für Violine (und Klavier, das hier entfiel) transkribierten und variierten „Volkslied“ von Joseph Haydn „Gott! erhalte Franz, den Kaiser“, was nicht zuletzt auch Assoziationen an die, auf dem Umweg über Hoffmann von Fallersleben daraus entstandene, deutsche Nationalhymne weckte.

Ein anderes Extrem bestimmte die Wiedergabe der „7. Symphonie“ von Dvorák. Hier brachte sich Afkham jung und sehr dynamisch ein und betonte die, möglicherweise mittelbar aus den politischen Umständen seiner Zeit resultierende, Aggressivität und Dynamik der Symphonie und das vermeintliche, slawische Temperament, wie es von den Nicht-Slawen oft übertrieben interpretiert wird, lautstark überbetonend. Dank des hohen technischen Könnens der Musiker ging trotz Lautstärke nichts an Klarheit verloren. Es war eine grandiose, ekstatische, beinahe „furiose“ Wiedergabe, bei der jedoch der unverwechselbare Klang der Kapelle und die wunderbare, melancholische Melodik, die im 2. Satz anklang, zu sehr in den Hintergrund gerieten.

Es war ein Konzert extremer, individueller Interpretationen, die leider in beiden Fällen nicht unbedingt den Nerv der Komposition trafen, aber der Abend war gerettet.

 

Ingrid Gerk

 

 

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