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DRESDEN / Semperoper: 3. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT FRANK-PETER ZIMMERMANN UND ALAN GILBERT

24.10.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden / Semperoper: 3. SYMPHONIEKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN MIT FRANK-PETER ZIMMERMANN UND ALAN GILBERT 23.10.2015

Alan Gilbert, seit 2009 musikalischer Direktor der New York Philharmonic, der erste New Yorker in dieser Position, gab mit diesem Konzert sein Dirigier-Debüt bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Stadt und Publikum kannte er schon, denn er hatte im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele mit den New York Philharmonic in Dresden gastiert. Auf dem Programm standen drei ernste, sehr unterschiedliche Werke, zwischen denen letztendlich ein thematischer Zusammenhang besteht. Sie „beleuchten“ die ernste, düstere Seite des Lebens, nicht zuletzt den Tod, der auch in heiteren Passagen immer wieder hindurchblickt.

György Kurták (*1926), in dieser Konzertsaison „composer in residence“, schrieb einen „Gedenkstein für Stephan“ für Gitarre und Instrumentengruppen (op. 15c) als Erinnerung an einen Freund. Dank des neuen, am 21.10. eingeweihten, Konzertzimmers mit seiner guten Akustik nach Plänen von Gottfried Semper waren im großen Opernrund auch die leisen Gitarrentöne gut zu hören, feinsinnig zelebriert von Uwe Fink und zuweilen von (leichtem) Schlagwerk unterstrichen. Wie viele Kompositionen Kurtáks ist auch diese sehr komprimiert und auf das Wesentliche reduziert, eine konzentrierte Gedankenwelt auf kleinem Raum, die dadurch relativ kurz erscheint. Feinsinnige Klänge, sehr feinsinnig ausgeführt, wechselten in starken klanglichen Kontrasten mit überraschenden massiven Klangwirkungen, die fast die „Totenruhe“ störten oder war es der Aufschrei einer vom Schmerz überwältigten Seele? Dafür war immerhin neben „normalen“ Orchesterinstrumenten ein „Großaufgebot“ an „Sonder“-Instrumenten erforderlich: „Riesen“-Gong, Pianino (Thomas Cadenbach), Harmonium (Johannes Wulff-Woesten), Celesta (Ellen Rissinger), Zymbal (Olga Mishula) und sehr viele, nicht alltägliche, Schlaginstrumente.

Nach deren umfangreichem „Rückbau“ erklang das, David Oistrach zu seinem 60. Geburtstag gewidmete „Violinkonzert Nr. 2 cis‑Moll (op. 129)“ von Dmitri Schostakowitsch. „Die meisten meiner Symphonien sind Grabdenkmäler. Zu viele unserer Landsleute kamen an unbekannten Orten um … ich würde gern für jeden Umgekommenen ein Stück schreiben. Doch das ist unmöglich. Darum widme ich ihnen meine gesamte Musik“ schrieb Schostakowitsch. Bei fast jeder seiner Kompositionen stand er in einem totalitären System, das vor nichts zurückschreckte, unmittelbar zwischen Leben und Tod.

Im Vergleich zu seinem wesentlich häufiger aufgeführten relativ „freundlicheren“ „1. Violinkonzert“ ist sein zweites von “Reduktion, Konzentration, Ökonomie der Mittel, Sparsamkeit und Verzicht auf klangliche Opulenz“ gekennzeichnet. Mit seinen technischen “Hexenkünsten“, klangvollem Strich und sehr intensiver Gestaltung im fast klassisch-romantischen Sinne verlieh Frank-Peter Zimmermann dem umfangreichen Solopart dennoch eine „innere Opulenz“, ein „inneres Leuchten“, das die Violin-Soli sehr menschlich, sehr persönlich erscheinen ließ.

Trotz seines unspektakulären, fast bescheidenden Auftretens stand Zimmermann bzw. der Solopart im Mittelpunkt. Wie in einem ernsthaften Zwiegespräch korrespondierte die Solovioline mit dem Orchester, das mit sehr feinen Streicherklängen auf die mögliche Schönheit des Lebens verwies, aber mit Pauke und Bläsern auch lautstark auf die ernsthafte, gefahrvolle Situation, die Schostakowitsch sein ganzes Leben lang begleitete.

Das Publikum verstand Zimmermann. Er bedankte sich für den begeisterten Applaus mit einer umfangreichen Zugabe für Violine solo von J. S. Bach, sehr „flüssig“, mit souveräner Leichtigkeit gespielt. Detailliert arbeitete er die Mehrstimmigkeit in schönen Klangfarben heraus. Keine Stimme kam bei ihm zu kurz. Mit sehr geschmeidigem Strich, unauffälliger, gekonnter barocker Stufendynamik und in beachtlichem Tempo, legte er viel Gefühl hinein, „durchleuchtete“ die ineinander verwobenen Stimmen und erfüllte sie fernab aller trockenen „Akademisierung“ mit Leben – eine großartige Leistung.

Bei P. I. Tschaikowsky liegen ebenfalls Freud und Leid dicht beieinander. Mag in seiner persönlichsten Symphonie, der „Symphonie Nr. 4 f‑Moll“ (op. 36), die zusammen mit seiner „Fünften“ und „Sechsten“ zu den beliebtesten Symphonien gehört, auch immer wieder der Versuch von Freude und Hoffnung anklingen, so scheint doch stets das Schicksalhafte, Unabwendbare hindurch. Nach Gilberts Meinung ist weniger der Klang, sondern das Gefühl das Wichtigste, aber auch hier setzte er sehr auf starke Kontraste. Sehr feine, gefühlvolle Passagen wechselten mit sehr laut hereinbrechenden. Er betonte bei jeder Gelegenheit die dramatische Seite, so dass die gesamte Symphonie emotional sehr herb und aufgewühlt erschien, anders als man Tschaikowskys Mentalität zu kennen glaubt. Offenbar orientierte Gilbert sehr auf das amerikanische Publikum.

Ingrid Gerk

 

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