Dresden/Semperoper: „3. KAMMERABEND“ DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE DRESDEN – 8.12.2022
Die „Kammerabende“ der Sächsischen Staatskapelle Dresden sind oft voller Überraschungen. Ein unbekanntes Stück, ein zu entdeckender Komponist, eine ungewöhnliche Besetzung oder eine außergewöhnlich gute Ausführung erwarten dann die Besucher. Das hat sich offenbar herumgesprochen. Das Opernhaus war gut gefüllt, bis in den 3. Rang, was jetzt bei Opern oft nicht mehr der Fall ist. So viele Zuhörer hätten in keinem Kammermusiksaal Platz gehabt.
Der 3. Kammerabend überraschte in mancherlei Hinsicht. Er begann mit Ludwig van Beethovens berühmter „Sonate Nr. 9 A‑Dur“ (op. 47), der „Kreutzer-Sonate“ – einmal anders. Statt in der bekannten Ursprungs-Fassung für Violine und Klavier war sie in einer interessanten Fassung für Violine und Streicher von Richard Tognetti zu hören, bei der Lukas Stepp, Mitglied der Staatskapelle, als Solist den feinen, geschmeidigen Ton angab und von seinen Kollegen, 10 Violinen, 3 Violen, 3 Violoncelli und einem Kontrabass, klangvoll begleitet wurde. Ein ganz neuer Eindruck entstand. Eine fast sinfonische Klangfülle erschloss sich und beleuchtete so manche Seite der Sonate, die in der Originalfassung weniger zur Geltung kommt.
Interessant ist die Entstehung des Namens dieser Sonate, die Beethoven ursprünglich für den, von ihm sehr geschätzten, George Bridgetower komponiert hat, einen jungen Geiger, dessen vermutlich aus Barbaidos stammender Vater am Hof des Fürsten Esterházy diente und bei Konzerten als „Sohn eines afrikanischen Fürsten“ vermarktet wurde. Mit ihm als Geiger und selbst am Klavier bestritt Beethoven die wohl nicht so ganz glückliche Uraufführung, weshalb er nach einem privaten Zerwürfnis die Widmung zugunsten von Rudolph Kreutzer, dem Violinvirtuosen seiner Zeit, änderte, der jedoch die Sonate nie gespielt hat. Er hielt sie für „unspielbar“.
Nach der „Kreutzer-Sonate“ war dann aber wegen Krankheit mit dem ursprünglich vorgesehenen Programm mit Werken von Derek Bourgeois (1941-2017), Anton Bruckner (zwei „Graduale“, bearbeitet für vier Posaunen), Rainer Lischka und J. S. Bach („Toccata und Fuge g‑Moll“, ebenfalls bearbeitet für vier Posaunen), das sehr interessant gewesen wäre, leider schon Schluss. Dafür waren fünf Musiker der Kapelle mit Tuba und Posaune, Horn und zwei Trompeten eingesprungen und stimmten sehr sauber, sehr feierlich die „Festmusik der Stadt Wien“ (TrV 286) von Richard Strauss an, bearbeitet für Blechbläserquintett von Constantin Hartwig, dem Tubisten, der – bei einem Kammerabend bisher unüblich, hier jedoch wegen der Änderung auch ein bisschen moderierte.
Mit ebenso feierlicher Tongebung wurde danach das „Quintett für Blechbläser Nr. 1b‑Moll (op. 5) musiziert, eine von vier Originalkompositionen, die Victor Ewald (1860-1935), ein Cellist, für diese Besetzung komponiert hat. Mit liebenswertem Augenzwinken folgte „Liebesfreud“ von Fritz Kreisler in einer Bearbeitung von Rudolf Korp und Erik Heinzl und – anders als die bisher festlich-feierlich und mit beinahe weihnachtlichem „Touch“ musizierten Stücke – ein „Weihnachtslieder-Medley“ mit den bekannten Weihnachtsliedern, bearbeitet von Ingo Kreisler (vom WDR-Rundfunkorchester) mit teils ziemlich „schrägen“, teils ruhigeren Tönen, jazzigen Rhythmen, an Ragtime erinnernd und mit Niveau gespielt, was beim Publikum mit erstaunlich viel Jugend, das schon nach jedem Satz der Kreutzer-Sonate applaudiert hatte, natürlich ankam.
Als Zugabe gab es schließlich noch den „Abendsegen“ aus der Oper “Hänsel und Gretel“, die zurzeit nicht im Spielplan der Semperoper vorkommt, für Blechbläserfassung, getragen vorgetragen von den fünf sehr guten Bläsern, einschließlich einer Hornistin.
Ingrid Gerk

