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DRESDEN/ Park des japanischen Palais: CAMILLA NYLUND UND DAS ENSEMBLE MEDITERRAIN AUF DER GRÜNEN WIESE

24.08.2020 | Konzert/Liederabende

Dresden/Park des Japanischen Palais: CAMILLA NYLUND UND DAS ENSEMBLE MEDITERRAIN AUF DER GRÜNEN WIESE – 23.8.2020

Jetzt ist die Zeit gekommen, wo man die Besonderheit der Open-Air-Konzerte mit ihrer engen Verbindung von Musik und Natur neu für sich entdecken kann. Sie gewinnen zunehmend an Bedeutung, bieten sie doch in den gegenwärtig so schwierigen Zeiten so manchem Künstler die Möglichkeit, trotz geschlossener Opernhäuser und Konzertsäle aufzutreten.

Sonst auf den Bühnen der großen Opernhäuser der Welt zu Hause, begeisterte Camilla Nylund in Dresden, ihrer Wahlheimat, ein breites Publikum auf der Bühne im Park des Japanischen Palais, einem riesigen Gebäude, das der sächsische Kurfürst und König von Polen, August der Starke, seinerzeit für seine Sammlungen altjapanischen und Meißner Porzellans errichten ließ, und das nach Kriegszerstörung und Wiederaufbau teils für Ausstellungen genutzt wird und teils leer steht.

Im nicht vollendeten Park an der Elbe mit Blick auf die berühmte Silhouette der Stadt organisieren seit 11 Jahren vor allem junge Leute ein etwa fünfwöchiges, eher volkstümliches Festival, den „Palais Sommer“, mit Malerei, Yoga, Jazz und Kino, aber auch klassischen „Klaviernächten“ und Konzerten, von denen das letzte zu einem wahren Triumph der „klassischen“ Muse wurde. Camilla Nylund und das, 2002 in Berlin mit dem Hauptziel der Verbreitung und Förderung der Musik der Mittelmeerländer in Kombination mit den bedeutenden Komponisten Europas gegründete, Ensemble Mediterrain traten unter dem Motto „Künstler helfen Künstlern“ ohne Gage auf und gestalteten einen niveauvollen Abend.

Das Ensemble wird jeweils aus Musikern führender deutscher Orchester, unter anderem den Berliner Philharmonikern, der Staatskapelle Berlin, den Münchner Philharmonikern, dem NDR Sinfonieorchester Hamburg und – wie an diesem Abend – von der Sächsischen Staatskapelle Dresden und der Dresdner Philharmonie für kammermusikalische Besetzungen von Trio bis Kammerorchester gebildet. Unter seinem künstlerischen Leiter, dem aus Portugal stammenden, Bruno Borralhinho, Cellist der Dresdner Philharmonie, eröffnete es das Abschlusskonzert, die „Klassiknacht“ mit einer unterhaltsamen Serenade und „mediterranem Flair“.

Camilla Nylund erfuhr selbst, wie schmerzlich es ist, ohne große Oper, ohne Publikum leben zu müssen. Mit ihren freundlichen Begrüßungsworten und ihrer ansprechenden Sprechstimme, erst recht aber mit ihrem ausdrucksstarken Gesang gewann sie sofort die Sympathie des zwanglos auf der Wiese lagernden Publikums, unter dem sich nicht nur ausgesprochene Liebhaber klassischer Musik befanden.

Sie sang zunächst zwei „Lieder“ von Liebesleid und unerfüllter Liebe aus ihrer finnischen Heimat – von Jean Sibelius, in finnischer Sprache, aber bei ihrer ausdrucksstarken Gestaltung und, da Musik ohnehin die Sprache der Welt ist, durchaus verständlich, auch in der typisch nordischen Melancholie und leichten Schwermut.

Danach folgte P. I. Tschaikowskys einziges Streichsextett „Erinnerung an Florenz“, das nicht etwa am Ufer des Arno, sondern im heimatlichen Russland entstand, in einer Bearbeitung von Bruno Borralhinho, eher kraftvoll und kernig als „dolce vita“, aber in perfekter Übereinstimmung der Musiker aus beiden, doch in ihrem Duktus etwas unterschiedlichen, Orchestern mit schönem Violinsolo von Tibor Gyenge, 1. Konzertmeister des Ensembles und Stellvertretender 1. Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle, sowie dem einfühlsamen, harmonischen Cellosolo von Simon Kalbhenn (Staatskapelle Dresden), korrespondierend im Dialog.

Diese Harmonie setzte sich auch in den „Crisantemi“ für zwei Violinen, Viola und Violoncello von Giacomo Puccini fort, bevor Camilla Nylund mit zwei ausdrucksstarken Rezitativen und emotionsgeladenen Arien aus Opern von W. A. Mozart mit ihrer perfekten Gesangstechnik, blitzsauberen Trillern, aber auch emotionaler Tiefe im wahrsten Sinne des Wortes brillierte.

Wer kennt nicht „E Susanna non vien!“/„Dove sono i bei momenti“) aus „Die Hochzeit des Figaro“, hier konnte man es in seiner ganzen Schönheit und Gefühlstiefe wieder neu erleben, zumal die Tontechnik inzwischen so weit gediehen ist, dass kaum noch ein Hör-Unterschied zum Opernhaus besteht und keine Feinheit verlorengeht, wenn nicht gerade der Wind ins Mikrophon bläst, aber dafür befindet man sich in der Natur und muss die kleinen Störungen hinnehmen.

Den offiziellen Abschluss bildete Antonio Vivaldis Violinkonzert „Der Sommer“ („L’estate“) aus den viel gespielten, aber immer wieder gern gehörten „Le quattro stagioni“, ein Pendant zur vergangenen Woche, in der Mensch und Tier wie damals unter der flirrenden Hitze litten. Tibor Gyenge hatte den Solopart übernommen und gestaltete ihn, eindrucksvoll korrespondierend mit dem Cello und schließlich dem gesamten Kammerorchester.

Spätestens nach der Zugabe, „Summertime“ aus „Porgy and Bess“ von George Gershwin, wo Camilla Nylund noch einmal ein musikalisches Feuerwerk mit stimmakrobatischen Extras entfaltete, war auch der letzte Besucher, der vielleicht gar nicht wegen des Konzertes gekommen war, begeistert.

Ingrid Gerk

 

 

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