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DRESDEN/Palais im Großen Garten, Kulturpalast, Frauenkirche, Schloss Wackerbarth: „ZAUBER“ – STREIFLICHTER DER DRESDNER MUSIKFESTSPIELE IM RÜCKBLICK

12.06.2022 | Konzert/Liederabende

 

Dresden/Palais im Großen Garten, Kulturpalast, Frauenkirche, Schloss Wackerbarth: „ZAUBER“ – STREIFLICHTER DER DRESDNER MUSIKFESTSPIELE IM RÜCKBLICK – 11.5 – 10.6.2022

Nach zweijähriger Zwangspause infolge Corona konnten die Dresdner Musikfestspiele endlich wieder stattfinden. Sie standen zu Recht unter dem Thema „ZAUBER“; war es doch schon zauberhaft, wie in der schwierigen Situation eine so umfangreiche, vielgestaltige Reihe von 66 Veranstaltungen „gezaubert“ werden konnte.

Aus der Fülle der Veranstaltungen mit „klassischer“ und populärer Musik, mit großen Orchesterkonzerten, wie den Wiener Philharmonikern unter Andris Nelsons, dem Orchester der Mailänder Scala unter Riccado Chailly, der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann, dem London Philharmonic Orchestra unter Thomas Adès, dem Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer und der Dresdner Philharmonie unter Kent Nagano, Joana Mallwitz und David Zinman, und kammermusikalischen Veranstaltungen sei hier der Schwerpunkt weniger auf die spektakulären großen Orchesterkonzerte, sondern auch einmal auf die „individuelleren“ Konzerte gelegt, bei denen die Leistungen einzelner Künstler besonders zur Geltung kommen konnten.

Mit einem „Zauber“-haften, begeistert aufgenommenen, Programm, der sehr beliebten „Ouvertüre“ zu „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart und der letzten und bedeutendsten Sinfonie aus seiner Feder, der „Jupiter-Sinfonie“, setzte das Dresdner Festspielorchester unter Jean-Christophe Spinosi bereits mit dem ERÖFFNUNGSKONZERT im Kulturpalast (11.5.) einen Glanzpunkt. Am Flügel begeisterte Jan Lisiecki mit dem „Klavierkonzert Nr. 5“ von Ludwig van Beethoven.

Im Palais im Großen Garten, das sich, obwohl die Innenrestaurierung nur geringe Fortschritte gemacht hat, mit seinem „brüchigen Carme“ großer Beliebtheit erfreut, eröffnete das, 1992 an der Juilliard-School in New York gegründete US-amerikanische BRENTANO QUARTETT seinen Abend (13.5.) mit Ludwig van Beethovens letztem abgeschlossenem Werk, dem „Streichquartett Nr. 16 F‑Dur (op. 135) „Der schwer gefasste Entschluss“, das Heiterkeit und Unbeschwertheit ausstrahlt, obwohl Beethoven an seinen Verleger schrieb: „daß es was schweres gewesen es zu schreiben, weil ich an etwas anderes viel größeres dachte, und es nur schrieb, weil ich es Ihnen versprochen …“.

Die vier Musiker – Mark Steinberg (1. Violine), Serena Canin (2. Violine), Misha Amory (Viola) und Nina Marie Lee (Violoncello) –, die sich auch sehr für moderne Musik einsetzen, „zelebrierten“ es auf ihre, sehr eigene Art, feinsinnig, in kongenialem Zusammenspiel, alle eines Sinnes und Übereinstimmung, aber mit gestalterischen Kunstpausen, die Zäsuren in den klassischen Fluss der Musik setzten und der Musik Beethovens in einem etwas anderen Verständnis einen etwas anderen, fast schwebenden Charakter verliehen, mit schönen, fast romantischen Klängen in sanften, beschaulichen Passagen, die Musik klangvoll „auskostend“ (1. und 3. Satz) und Vehemenz (2. Satz) – interessant, aber nicht unbedingt „authentisch“.

Bei dem anschließenden „Quintett für zwei Violinen, Viola und zwei Violoncelli C‑Dur“ (op. post. 163 D 956) von Franz Schubert gesellte sich Intendant Jan Vogler mit seinem „singenden“ Cello zu den ihm befreundeten Musikern und gab unmerklich, aber wirksam der Ausführung Vitalität und Profil und verhalf dem Schubertschen Duktus im Zusammenspiel mit der ansprechenden Tongebung des Quartetts und dessen Hang zu einer breiten, gedehnten Ausführung die richtige Richtung. Vogler bewies sich auch hier (nicht nur bei seinen organisatorischen und musikalischen Aktivitäten) als „Spiritus rector“. Hier beeindruckten sehr feine, klangvolle Pianissimo-Passagen bei energischem Strich der Violinen und völlig unisono gespielte rasante. Schuberts Musik erschien hier in einem, anderen Licht, weniger wie gewohnt, aber gut anzuhören.

In einem anderen Konzert im Palais im Großen Garten brachten JAMES EHNES & ANDREW ARMSTRONG (14.5.) relativ selten aufgeführte Sonaten für Violine und Klavier von Robert Schumann und Johannes Brahms zu Gehör. Beide sind mit ihrer Virtuosität und vitalem Ausdruck gefragte Solisten bei renommierten Orchestern, widmen sich aber auch gern der Kammermusik. James Ehnes wird vor allem für seine atemberaubende Virtuosität und vitalen Ausdruck gerühmt. Er spielt die „Marsick“-Stradivari von 1735. Andrew Armstrong, der Mitgestalter am Klavier, verfügt über eine mit leidenschaftlichem Ausdruck umwerfende Technik. Er hat über 55 Klavierkonzerte im Repertoire, widmet sich aber auch gern der Kammermusik.

Den ersten  Satz der „Sonate für Violine und Klavier Mr. 1 a‑Moll“ (op. 105) von Robert Schumann nahmen beide sehr energisch, männlich-kraftvoll, den zweiten sanft und den dritten wieder temperamentvoller, alles zwischen perfektem Fortissimo und Pianissimo, mit gleitendem Crescendo und Descrescendo, mit schwungvollem Strich der Violine und  flotten Läufen auf dem Klavier, weniger gefühlsbetont, als technisch versiert.

Virtuos und technisch fundiert, kraftvoll, mit gesundem Musizierverständnis, den 1. Satz vehement und den Mittelsatz poesievoll, lyrisch, stimmungsvoll und fein ausklingend, dann aber auch wieder sehr lebhaft und temperamentvoll mit viel Enthusiasmus nahmen beide die „Sonate Nr. 1 f‑Moll op. 120) „Regenlied“ von Johannes Brahms. Für den begeisterten Beifall bedankten sie sich mit der „Romanze“ von Robert Schumann, wohlklingend, sehr romantisch und entspannt, wobei der Klang der Stradivari gut zur Geltung kam, und mit dem, mit überschäumendem Temperament gespielten „Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms.

Mit viel Temperament ging es auch bei PATRICIA PETIBON & LA CETRA BAROCKORCHESTER BASEL (18.5.) in der Frauenkirche zu. Nach einer mit außergewöhnlichem Wohlklang auf historischen Instrumenten vom La cetra Barockorchester Basel unter seinem Künstlerischen Leiter Andrea Marcon, der das Orchester vom Cembalo aus leitete, musizierten “Sonata sopra la Monica“ von Biacio Matini (1594-1663) hieß es „Bühne frei“ für Patricia Petibon, die sich mit langanhaltendem künstlichem Vogelgezwitscher ankündigte und mit roter Lockenmähne a la Milva, im schwarzen Hosenanzug und barocker weißer Rüschenbluse auftrat, um die „Klassikszene“, d. h. ein Konzert von Barock bis Klassik mit Werken von Rameau, Händel, Vivaldi und Gluck bis Mozart „aufzumischen“.

Ihre Gags waren meist auch „alt“, wenn auch nicht so alt wie die dargebotene Musik. Manche „Begleitgeräusche“ wie Theaterdonner und Windmaschinen-Gewitter erinnerten an Theater- und Opernaufführungen vergangener Zeiten. Sie plauderte mit Dirigent und Publikum, hüpfte fröhlich herum, „streckte sich zur Decke“, deutete mit den Füßen Stepp-Geräusche an und „sang“ Arien von Händel, Vivaldi und Mozart, nicht mit fließenden Koloraturen, sondern vor allem (sehr) laut und mit schriller Höhe bis sie sich zur Clownerie“ mit Zylinder und Notenblatt bei der Zugabe „steigerte“, um ein französisches Chanson zum Besten zu geben – dem Publikum hat‘s gefallen.

So „aufbereitet“ kann man dem Publikum Alte Musik mit ihren vergessenen Schätzen auch nahe bringen, aber braucht das ein Orchester von dieser Qualität? Das von Marcon, der 1997 auch das Venice Baroque Orchestra gegründet hat, gegründete und geleitete Kammerorchester mit alten Instrumenten, auch solchen ungewöhnlicher Bauart, überraschte mit seiner außergewöhnlichen Klangkultur und perfekten Ausführung – auch bei den Solisten aus den eigenen Reihen. Das „La Cetra Barockorchester Basel, dessen Name sich allzu bescheiden auf Antonio Vivaldis Violinkonzert „La cetra“ („Die Leier“) bezieht, gehört mit seinem außerordentlichen Wohlklang und seiner Perfektion auf historischen Instrumenten zu den allerbesten dieser „Zunft“. Zurzeit „schießen“ allerdings Alte-Musik-Ensembles „wie Pilze aus der Erde“, und da wird oft „nach neuen Wegen“ gesucht.

Ungewöhnliche Konstellationen erobern langsam die Konzertsäle und „mischen“ auf dieser Suche nach neuen Wegen die traditionsreiche Konzertgestaltung auf, um die Musikszene zu beleben. Dass das funktionieren kann, bewiesen kürzlich bei den Musikfestspielen nicht nur Daniel Müller-Schott und Iveta Apkalna mit Violoncello und Orgel, (online-Merker berichte im Rahmen der „Cellomania“ davon – 19.5.), sondern auch „LUCIENNE RENAUDIN VARY & THIBAULT CAUVIN“ (2.6) mit Trompete und Gitarre, zwei junge Künstler mit neuen Ideen, die in der Umgebung romantischer Weinberge in der Abfüllhalle des Staatsweingutes Schloss Wackerbarth, unter der der junge Wein des vergangenen Jahrganges lagert, bis er in diesem Raum abgefüllt wird, ein buntes Programm von Astor Piazolla, Kurt Weill, Maurice Ravel, Heitor Villa-Lobos, Antonio Carlos Jobim, Miles Davis und – Thibault Cauvin mit Tango-Melodien, moderner Klassik, gehobener Unterhaltung und Film boten.

Konzerte mit Industrie-Ambiente sind nicht mehr neu, aber die ungewöhnliche Zusammenstellung von Trompete und Gitarre machte die zahlreichen Besucher neugierig. Gemeinsam mit Thibault Cauvin (*1984) an der Gitarre brillierte die erst 23jährige, besonders hübsche, bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Trompeten-Virtuosin Lucienne Renaudin Vary, ganz in schwarz gekleidet von Kopf bis barfuß, agil mit tanzenden Schritten, anmutig bei jeder ihrer Bewegungen und mit französischem Charme, auf ihrem Instrument mit perfekter Technik, kühlem, hellem, mitunter auch wärmerem Ton und ungewöhnlicher Kunstfertigkeit (klassischer Schule). Sie zeigte sich als sehr vielseitige Künstlerin zwischen den Genres und Welten.

Zunächst begrüßte Festspiel-Intendant die Gäste auf Deutsch, dann richtete die junge Französin in Englisch einige Worte an das Publikum und danach ihr Landsmann Cauvin einige Worte mehr (mitunter gefühlt etwas zu lange), alles relativ leise, aber das Publikum hat‘s verstanden und amüsierte sich. So ging es auch munter plaudernd weiter zwischen den Musikstücken. Das Publikum mag solche locker gestalteten Programme, wozu auch gehörte, dass sich beide einmal an den Rand des Podestes setzten, das die Bühne andeutete, und sie „mild und leise“, mit hübscher, zarter Stimme zur Gitarre sang und danach auch noch zu pfeifen begann. Sie probiert alles aus, kann sehr vieles und hat auch noch anderes Potential. Ihr Herz schlägt auch für die Klassik, was man sich bei ihr sehr gut vorstellen kann (sie spielt unter anderem das Trompetenkonzert von Haydn).

Während sie zweckmäßigerweise mit zwei Trompeten im Wechsel spielte, imitierte er ein umständliches „Stimmen“ seiner Gitarre, „verstimmte“ sie und „stimmte“ erneut (ein Gag und Teil des Programmes). Sie plauderte zur Überbrückung, jung und ungekünstelt, mit natürlichem  Charme. Er rannte hinaus, und sie begann ein sehr virtuoses, klangvolles Trompetensolo, zu dem aus dem Hintergrund einzelne Töne der „ zu stimmenden“ Gitarre eingeworfen wurden, bis er mit seiner Gitarre (natürlich alles in Ordnung) zurückkam und wieder plauderte, plauderte, plauderte … und beide gemeinsam weitermusizierten.

Cauvin komponierte nicht nur ein „Desert“ und „Berlin“, als versierter, charismatischer Gitarrist, der mit der Hand über die Saiten „raste“, sie gelegentlich auch nur leicht „streichelte“, ungewöhnliche Klänge mit Klopfen auf den Gitarrenkörper erreichte, auch mit seiner Mimik spielte und ein gutes Solo „hinlegte“, hielt er auch die „Regie“-Fäden in der Hand.

Das Publikum mag solche lockeren Auftritte und amüsierte sich köstlich. Für seinen enthusiastischen Beifall wurde es mit zwei Zugaben belohnt, einer melodisch fließendenden und einer virtuosen, bei der die junge verheißungsvolle Trompeten-Künstlerin brillierte.

Ein bedeutendes, seit 150 Jahren das europäische Musikleben prägendes Orchester, die „WIENER PHILHARMONIKER & ANDRIS NELSONS“ präsentierten im Kulturpalast (4.6.) großartige „klassische“ Orchesterkultur. Mit Streichorchester und den üblichen modernen „Ergänzungen“ wie Konzertflügel, Harfe und Xylophon war zunächst das, 2020 in Schweden erstaufgeführt nun seine deutsche Erstaufführung erlebende, „Märchenpoem“ von Sofia Gubaidulina (*1931) für Orchester zu hören.

Unter der Leitung von Andris Nelsons zauberte das hierfür relativ kleine Orchester völlig neuartige, selbst für moderne“ Ohren sehr ungewöhnliche Klänge. Fast sphärisch „zelebrierte“ Passagen, in die disharmonische Klavierakkorde hereinbrechen, „Aufschreie“, Tonfluten, trotz aller technischen Schwierigkeiten und „schrägen“ Klangwirkungen sehr sauber, mit absoluter Klarheit ausgeführt, ein gutes Violinsolo, perfekte Einzelstimmen und Stimmgruppen, die solistisch hervortretenden Bläser: Föten, Oboen usw. ließen aufhorchen. Da konnte sich ein Märchen vorstellen, wer wollte, aber es liegt tatsächlich eines, ein hier unbekanntes, „Die kleine Kreide“ des tschechischen Schriftstellers Mazourek, zugrunde, das die Komponistin symbolhaft an das Schicksal eines Künstlers erinnerte.

„Hauptperson“ ist ein kleines Kreidestück, das davon träumt, schöne Schlösser, Gärten und das Meer zu zeichnen, aber Tag für Tag gezwungen ist, Wörter, Zahlen und geometrische Figuren auf die Schultafel zu kritzeln, bis es, zu klein geworden, weggeworfen und im Dunkeln, d. h. in der Hosentasche eines Jungen landet, der damit die Sonne, Meer und Schlösser auf dem Asphalt malt.

Danach füllte das große Orchester die Bühne. Harfe, Klavier und Xylophon blieben ungenutzt, die Pauken gewannen an Bedeutung, denn Dmitri Schostakowitsch verwendete für seine heitere „Sinfonie Nr. 9 Es-Dur“ (op. 70) ein klassisches Orchester. Es beginnt getupft tonal, fast melodisch und führt den damals regierungsseitig erwarteten hymnisch-sieghaften Charakter, der  alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte, mit Anklängen an alte Militärmusik, rhythmisch mit „Bums trallala“, vielen Bläsern, schönem Flöten- und Violinsolo, sanften melodischen Passagen usw. ad absurdum, von den perfekten Musikern mit ihrer bewusst gepflegten Homogenität, besonderen Feinheiten und viel Temperament ausgeführt, eine eher freundliche Sinfonie, sensationell gespielt und durch die perfekte Wiedergabe veredelt.

Mit edlem, vollem Klang folgte die „Sinfonie Nr. 6 D‑Dur“ (op. 60) von Antonín Dvořák, für die Wiener Philharmonikern und ihren damaligen Chefdirigent, den berühmten Hans Richter geschrieben, die erste Sinfonie mit der Dvořák den Anschluss an die europäische Musik gelang. Transparent, mit wunderbarer Homogenität und Klangqualität wurde hier die tschechische Mentalität mit ihrer volkstümlichen Musikalität und Naturverbundenheit eingefangen. Orchester und Dirigent waren eines Sinnes. Sehr feine Soli, sehr gute Bläser, klangschön in allen Lagen, boten einen Hörgenuss. Im dritten Satz wurde die böhmische Tanzmentalität mit dem „Furiant“ etwas überzeichnet, ziemlich laut, ziemlich derb, aber dennoch transparent.

Für den überaus begeisterten Applaus bedankten sich Dirigent und Orchester mit einer echt wienerischen Zugabe, sanft und geruhsam, mit einem weniger bekannten Walzer von Johann Strauss, „Wo die Zitronen blühen“ (op. 364).

Ein angenehm unterhaltsamer Sonntag-Vormittag war mit der konzertant aufgeführten Oper „ELVIRA“ von „AMALIE VON SACHSEN“ im Palais im Großen Garten (6.6.) zu erleben. Dass Amalie von Sachsen ihr Leben den Künsten verschrieben hatte, war für eine Frau im 19. Jahrhundert, zumal eine aus dem Königshaus, keine Selbstverständlichkeit. Ihr Bruder war König Johann von Sachsen, der auf dem Denkmal vor der Semperoper „auf hohem Ross sitzt“ – völlig zu Recht, denn seine Übersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ hat Weltgeltung und gilt als die einzige authentische. Neben Schauspielen und Libretti schuf die sächsische Prinzessin zwölf abendfüllende Opern.

Um nachträglich  ihren 150. Todestag im Jahr 2020 zu würdigen, brachten die Dresdner Kapellsolisten unter Helmut Branny ihre Oper in zwei Akten „Elvira“ konzertant. Die Handlung ist sehr nah an Mozarts „Entführung aus dem Serail“ angelehnt. Die Musik atmet italienisches Flair, inspiriert von Mozart und Rossini. Die Gesangspartien und die Orchestrierung sind meisterhaft. Amalies musikalischer Berater Carl Maria von Weber fand ihre Oper „über meine Erwartung gut“.

Die Solisten waren entsprechend ihren Möglichkeiten für die Rollen sehr unterschiedlicher Charaktere gut gewählt. Romy Petrick, Sopran, überzeugte als Barbarina, Stephanie Atanasov, Mezzosopran, als Elvira, Carlos Moreno Pelizari, Tenor, mit der anspruchsvollsten Partie (und nicht ganz freier Höhe) als Fernando, Falk Hoffmann, Tenor, brachte mit kräftiger Stimme und der nötigen dominanten Präsenz die besten Voraussetzungen für die Gestalt des Prinzen Muley mit und Carl Thiemt, Bass, und Clemens Heidrich, Bass waren die beiden Diener Ali und Pedrillo. Die Dresdner Kapellsolisten fungierten mit ihren Klangqualitäten als ideales Orchester und musikalische Basis, sehr umsichtig geleitet von Helmut Branny, der sich mit Leib und Seele der Musik widmet, die er aufführt und dieser Oper zu einem mitreißenden Erfolg verhalf.

Zwei Tage später fand Im Palais im Großen Garten ein weiterer Höhepunkt der Musikfestspiele statt, das „PAVEL HAAS QUARTETT & BORIS GILTBURG“ (8.6.). „Eines der aufregendsten Streichquartette der Welt“ widmete sich Franz Schuberts letztem Streichquartett, dem „Streichquartett Nr. 15 G‑Dur (op. post.- 161 D 887), nicht nur eines der innovativsten Gattungsbeiträge, sondern auch ein Kammermusikwerk von geradezu sinfonischer Dimension. Sehr ausdrucksstark, feinsinnig nuanciert und phrasiert, einmal mit temperamentvoller Vehemenz, dann wieder sehr gefühlvoll, mit exzellent feinen Soli von erster Violine und Cello und viel Einfühlungsvermögen in eine plötzlich ganz andere Richtung und Empfindungswelt in Schuberts Schaffen, die neue Wege andeutet, die er zu gehen im Begriff war, wenn ihm nicht der Tod die Feder aus der Hand genommen hätte.

Für das darauffolgende klangschöne „Klavierquintett Nr. 2 A-Dur“ (op. 81) von Antonín Dvořák gesellte sich Boris Giltburg am Klavier mit seinen hochkarätigen pianistischen Fähigkeiten hinzu und verschmolz mit dem Pavel Haas Quartett, d. h. mit der Gründerin Veronika Jarůšková, 1. Violine, Marek Zwiebel, 2. Violine, Luosha Fang, Viola, Peter Jarůšek, Violoncello, die hier vollends ihren warmen, „singenden“ Streicherklang entfalteten, in schönster Harmonie zu einem, der Musik völlig ergebenem, musikalischen „Organismus“, jeder Musiker ein Meister seines Instruments mit Sinn für gemeinsames Musizieren und intensives Gestalten der Intentionen der Komponisten.

Für den zu Recht enthusiastischen Beifall bedankten sich die fünf exzellenten Musiker mit dem perfekt musizierten „Scherzo“ aus dem „Klavierquintett“ von Johanns Brahms – ein heiterer Ausklang eines außergewöhnlichen genussreichen, aber auch nachdenklichen Abends, der zweifellos einer der Höhepunkte der Musikfestspiele war.

Mit dem „ABSCHLUSSKONZERT: DRESDNER FESTSPIELORCHESTER & DAVID ROBERTSON“ im Kulturpalast (10.6.) gingen die sehr erfolgreichen Dresdner Musikfestspiele zu Ende – mit einem Programm, das die Herzen sehr vieler Musikfreunde höher schlagen lässt, der „Fantasie für Klavier, Chor und Orchester c‑Moll“ (op. 80) von Ludwig van Beethoven und seiner „Sinfonie Nr. 9 d‑Moll“ (op. 125) mit Schillers „Ode an die Freude“, die das Publikum in jeder Interpretation liebt.

Der Dresdner Kammerchor (Einstudierung: Tobias Mäthger) ließ keine Wünsche offen. Das Solisten-Ensemble war mit Aleksandra Kurzak, die mit ihrer glockenreinen Sopranstimme und sehr einfühlsamer Gestaltung dem Ganzen Strahlkraft verlieh, Tanja Ariane Baumgartner, deren Altstimme sich wunderbar mit der Aleksandra Kurzaks verband, und Christian Elsner, der den Tenorpart souverän mit seinen langjährigen Erfahrungen gestaltete, sehr gut und homogen besetzt. Tareq Nazmi, der statt des ursprünglich vorgesehenen René Pape die Basspartie mit kräftiger Stimme und deutlicher Deklamation begann, dann aber nicht beibehalten konnte und oft zu tief sang, fügte sich dennoch ein.

Schon nach der vorangestellten „Chorfantasie“ mit dem genialen Martin Helmchen für der Klavierpart, den Beethoven seinerzeit selbst übernommen hatte, gab es enthusiastischen Beifall, der vor allem dem Solisten und dem prächtig singenden Kammerchor galt – und indirekt auch ein bisschen dem Komponisten für sein mitreißendes Werk. Lediglich der kompakte historische Flügel „aus der Zeit“ ließ zu wünschen übrig. Im Gegensatz zum Wein werden Klaviere mit der Zeit  nicht besser (Wein in Wirklichkeit auch nicht). Helmchen tat, was er konnte, um dem Instrument den nötigen Glanz und Klang zu entlocken, wurde aber durch das alte Instrument, bei dem, wie bei allen vor 1900 gebauten Klavieren die Klangqualität über längere Zeit stark nachlässt, immer wieder ausgebremst – schade. Man sollte überdenken, ob „Originalklang“ immer eine gute Lösung ist.

Der US-amerikanische Dirigent David Robertson leitete sehr umsichtig das Dresdner Festspielorchester aus Experten für Alte Musik mit alten, in diesem Zusammenhang kurios anmutenden, Instrumenten, deren Klang für Beethovens Musik nicht nur ungewöhnlich, sondern auch unzulänglich erschien. Mag sein, dass es zu Beethovens Zeiten so oder ähnlich geklungen hat, aber die Instrumente wurden weiterentwickelt, die Menschen und ihre Hörgewohnheiten haben sich verändert und die Konzertsäle sind größer geworden. Man ist jetzt klangverwöhnt.

Selbst als Liebhaberin Alter Musik und alter Instrumente scheint mir für Musik des 18./19. Jahrhunderts das moderne Instrumentarium zumindest für große Konzerte geeigneter und sogar als ein Segen (bei Kammermusik verhält es sich anders). Vielleicht wäre Beethoven sogar glücklich gewesen, seine Musik mit modernen Instrumenten zu hören. Mit diesen Werken, diesen Solisten und diesem Chor hätte das Abschlusskonzert ein absoluter Höhepunkt werden können. Der Gesamteindruck der Musikfestspiele war aber ein sehr positiver.

Die nächsten Dresdner Musikfestspiele finden vom 18. Mai bis 18. Juni 2023 statt.

Ingrid Gerk

 

 

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