Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

DRESDEN/ Operettentheater: “SO VERLIEBT IN DIE LIEBE“ – EINE OPERETTEN-REVUE MIT „OHRWÜRMERN“ VON FRANZ LEHÀR UND OSCAR STRAUS. Premiere

20.06.2021 | Operette/Musical

Dresden/Operettentheater: “SO VERLIEBT IN DIE LIEBE“ – EINE OPERETTEN-REVUE MIT „OHRWÜRMERN“ VON FRANZ LEHÀR UND OSCAR STRAUS – Premiere – 18.6.2021

Verliebt in die Liebe? In der Operette ist (fast) alles möglich, erst recht in einer gegenwärtigen Lesart. Cornelia Poppe (Staging) und Judith Wiemers.(Dialoge und Dramaturgie) haben zum Thema einschlägige Chansons, Couplets und Duette aus Operetten von Oscar Straus und Franz Lehár sowie lakonische und ironische Gedichte (Kurt Tucholsky, Erich Kästner) mit eigenen Texten mittels Dialogen zwischen einer rational denkenden, reiferen Frau und einem „ewig jungen“ Mann locker zu einer Operetten-Revue zusammengebunden.

Als ungleiches Paar parlieren Silke Richter, die mit ihren guten Gesangsdarbietungen, u. a. „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“ aus „Eine Frau, die weiß, was sie will“ (Straus) überzeugen und begeistern konnte, und der jugendlich wirkende Andreas Sauerzapf mit Spieltalent „sehr gegenwärtig“ und etwas trocken über die Liebe, weniger witzig-spritzig, sondern realistisch, lebensnah, sie abweisend aus sehr rationalen Gründen (leider artikulationsbedingt nicht immer gut zu verstehen) und er, seiner Hoffnung Ausdruck verleihend, sie doch noch in Liebesdingen „bekehren“ zu können, bis sie sich schließlich und endlich am Schluss  gemeinsam und heiter „In der kleinen Bar““ (Lehár) „zusammenfinden“ – ganz anders als in Kästners „Schlichter Romanze“ „ins kleinste Café“, wo sich zwei nichts mehr zu sagen haben.

Auf der Bühne war nichts von einer Bar zu sehen. Den Besucher empfängt ein großes, weites Herz aus unzähligen kleinen Lämpchen vor rotem Plüschvorhang (eine Reminiszenz an „plüschige“ Operettenzeiten oder Rotlichtmilieu, in das heutzutage von den Regisseuren so manches umgedeutet wird?), eine weiße Wolke, auf der mehrere Verliebte nacheinander ihren Sehnsüchten nachhängen, und Türen, Türen, Türen (seit wie vielen Jahren schon?) in Form von weißen „Schränken“ ohne Inhalt, d. h. zwischenzeitlich mit einer papierenen Ziegelwand, durch die die Akteure gelegentlich springen wie in einem Action-Film und ansonsten oft rein und raus gehen und die Tür-Objekte hin und her schieben (Ausstattung: Thorsten Fietze).

Die Bühne ist schwarz-weiß (und ein bisschen grau) gehalten, ebenso die modisch-eleganten und extravaganten Kostüme. Als Farbtupfer gibt es rote Luftballons,  das eine oder andere rote („Gängel“-)Band zwischen Mann und Frau, eine rote (nicht rosarote!) Brille, die rote Karte, die man sich gegenseitig zeigt – völlig unbegründet auch dem Orchester – sowie einen großen und einen noch größeren Lippenstift („Schleichwerbung“ für den, wegen der Maskenpflicht eingebrochenen Absatz dieses Artikels?). Ansonsten bestimmen „Leucht“-Herzen in Zentral-Perspektive bis ins Orchester das Bühnenbild und vermitteln Revue-Atmosphäre.

Das Orchester der Staatsoperette, gut sichtbar im Hintergrund der Bühne platziert, bis es im zweiten Teil mal im (Viseo-)Nebel versinkt, hatte unter der Leitung von Chefdirigent Johannes Pell wesentlichen Anteil am Gelingen des Abends, nicht nur mit seiner zuverlässigen Musizierweise, sondern vor allem auch mit seinem Schwung und dem nötigen Operetten-Feeling von der „Ouvertüre“ aus „Rund um die Liebe“ (Straus) mit säuselndem, innigem Violinsolo bis zum „Walzertraum“, bei dem selbst der Dirigent leise mit“tanzte“. So zündend muss Operette sein!

„Spitzen“-Leistungen im wahrsten Sinne des Wortes gab es beim Ballett (Choreografie: Mandy Garbrecht), wo zwei Ballerinen perfekt auf Spitze tanzten und schöne Sprünge zeigten, Izabela Tonevitska mit sehr fließenden, sehr anmutigen, graziösen Bewegungen und Olena Andryeyeva eher kraftvoll. Eliton Da Silva de Barros lockerte das Bild in dezent clownesker Art auf, und Vladislav Vlasov präsentierte sich als Gentleman. Das Ballett belebte die Szenen voller sehnsuchtsvoller Couplets, verliebter Duette und kleiner Ensembleszenen, dargeboten von Solistinnen und Solisten des Operettentheaters. Was zuweilen etwas fehlte, war die Leichtigkeit, die man bei Operetten als entspannte Unterhaltung mit Witz und Sinn nun einmal erwartet, auch wenn es sich nur um Ausschnitte handelt.

Ingeborg Schöpf, die Grand Dame der Operette beherrscht die große Kunst, die so leicht aussieht und doch so schwer zu machen ist. Mit natürlichem Charme, großem sängerischem und darstellerischem Können, glanzvoll und sanft, besinnlich und mit Leidenschaft sang sie „Rosen, die wir nicht erreichten“ aus „Der letzte Walzer“ (Straus) und brachte damit neben dem musikalischen Genuss auch etwas Nachdenklichkeit in den bunten Reigen der Liebebetrachtungen. Für sie gibt es keinen Stillstand auf der Bühne. Sie ist immer in angemessener Bewegung, was den viel gerühmten „zündenden Funken“ mitbestimmt. Selbst wenn sie nicht im Blickpunkt des Geschehens steht, spielt sie ihre Rolle vorher und nachher weiter (im Gegensatz zu manch anderen Kollegen). Bei ihr stimmt jeder Ton und jede auch noch so kleine Geste.

Dass diese Kunst noch nicht erloschen ist, bewies Christina Maria Fercher, die mit jugendlichem Charme, bezauberndem Gesang und natürlicher Anmut gleich mit ihrer ersten Nummer „Wie schön ist dieses Männerbild“ (ein Pendant zur „Zauberflöte“ ?) aus „Der tapfere Soldat“ (Straus), die Herzen des Publikums gewann, so wie auch mit (wie zutreffend) „Wenn ich die Bühne betrete“ aus „Die blaue Mazur“ (Lehár). Die drei Damen, die an diesem Abend die musikalischen Glanzpunkte setzten (Fercher, Richter, Schöpf), vereinten ihre Stimmen in „Das Geheimnis sollst du verraten“ aus „Ein Walzertraum“ (Straus).

Henriette Oswald sang und tanzte, wie es sich für Operette gehört, und Steffi Lehmann brachte mit burschikoser Art eine weitere Farbe ins Bild. Matthias Koziorowski sang „Schön ist die Welt“ (Lehár) und das immer zündende „Wolgalied“ aus „Der Zarewitsch“ mit profundem, baritonal gefärbtem Tenor und viel Enthusiasmus. Elmar Andree, Nikolaus Nitzsche, Tino Schnabel und Gerd Wiemer gestalteten auf ihre Art den, 2 Stunden 15 Minuten währenden, Abend voller Ohrwürmer von Straus (acht Titel) und Lehár (11 Titel) und alter Operettenseligkeit in neuem Gewand, der zum Publikumsmagnet werden könnte.

Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken