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DRESDEN / Lichthof Albertinum: SAISONERÖFFNUNG BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE MIT SOL GABETTA

06.09.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden / Lichthof Albertinum: SAISONERÖFFNUNG BEI DER DRESDNER PHILHARMONIE MIT SOL GABETTA – 5.9.2015
Da sich das Orchester seit 2012  im „Ausnahmezustand“, d. h. „ohne festen Wohnsitz“ befindet, weil der Kulturpalast, das bisherige Domizil, bis 2017 zu einem modernen Konzertsaal umgebaut wird, wurde aus der Not eine Tugend gemacht und die Konzerte auf verschiedene Spielstätten in Räume der Hochkultur verlegt, neben Schauspielhaus und Frauenkirche auch in den überdachten Lichthof des Albertinums, ein repräsentatives Gebäude des ausgehenden 19. Jh. mit der „Gemäldegalerie Neue Meister“ und der Skulpturensammlung.
Mit zwei sehr unterschiedlichen, zutiefst biografischen Kompositionen des 20. Jh., die in sehr persönlicher Weise die individuellen Empfindungen der beiden Komponisten ausdrücken und doch jeweils „über sich hinauswachsen“ und ihr Zeitalter repräsentieren, eröffnete die Dresdner Philharmonie im Lichthof des Albertinums ihre 145. Konzertsaison, die erste mit der neuen Intendantin Frauke Roth.

Im ersten Teil des Konzertes erklang das, 1919 uraufgeführte, „Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll“ (op. 85) von Edward Elgar, das sich erst allmählich einen Platz im Konzertleben erobern konnte, u. a. durch eine vor allem virtuose Wiedergabe der früh verstorbenen britischen Cellistin Jacqueline du Pré. Jetzt, 50 Jahre später, sieht Sol Gabetta, die Artistin in residence dieser Saison, das Cellokonzert anders, introvertierter. Sie empfindet es als ein starkes Werk voller Tragik und Melancholie, mit dem Elgar wie in einer Rückblende sein Leben mit der Suche nach dessen Sinn Revue passieren ließ und letztendlich Abschied vom Komponieren nahm, beeinflusst durch tragische äußere Bedingungen, den 1. Weltkrieg, Krankheit und Tod, die sich wie ein Schatten auf sein Leben legten und in dem Cellokonzert die Gedanken und Gefühle eines im Grunde seines Herzens tieftraurigen Menschen wiederspiegeln.
Es heißt, wenn Sol Gabetta, die argentinisch-französische Ausnahme-Cellistin mit den russischen Wurzeln, jung, hübsch, charmant und mit großem Können, „den Raum betritt, geht tatsächlich die Sonne auf“. Nicht nur ihr Vorname erinnert an den Sonnengott. Mit Charme und Charisma betrat sie die Bühne und spielte ihr Cello von Guadagnini (1759) mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit und unglaublicher Leichtigkeit, ganz versunken in ihr Spiel mit gleichzeitiger Auslotung der geistig-emotionalen Tiefen von Tragik und melancholischer Abschiedsstimmung. Mit ihrem warmen, weichen, leicht dunkel gefärbten, singenden Ton erfüllten bereits die ersten bewegenden Solotakte den Raum und wurden bald vom Orchester mit großer Sensibilität in nahtlosem Übergang aufgenommen.

Im gesamten Werk spürte Sol Gabetta dem tiefempfundenen Wesen des Konzertes und dessen Seelenstimmung nach. Sie vermochte, die Zuhörer unmerklich mit hineinzunehmen in diese berührende „Schönheit des Leidens“. Besinnlich und verinnerlicht, mit kraftvollen Passagen, sehr zarten Einzeltönen und feinsten gezupften Pizzicati, aber auch temperamentvollen „Ausbrüchen“ in „wahnsinnigen“ Kontrasten verlieh sie ihrem Werkverständnis Ausdruck und zog das Publikum tief in ihren Bann. Sie hatte auf ihre ganz persönliche Art den Charakter des Stückes erfasst und gab ihn auch so wieder. Sie ging ganz in ihrem Spiel auf. Ihr persönliches Wesen schien mit einzufließen, so dass sie die Zuhörenden leidenschaftlich zu „entzünden“ vermochte. Nach ihren eigenen Angaben fließt jetzt im Gegensatz zu ihren früheren Interpretationen mehr rationales Erfassen mit ein, aber nie kühl, eher liebevoll. Es war, wie sie selbst meinte, ein „Dresdner Elgar“

Wie in einer harmonischen Dreiecksbeziehung gingen Dirigent Michael Sanderling, selbst ein guter Solo-Cellist, der ihr bei den Solopassagen auch gelegentlich Zeit ließ, „eine Saite singen zu lassen“, die Orchestermusiker und Sol Gabetta in gut aufeinander abgestimmtem Zusammenspiel aufeinander ein. Nur ein einziges Mal wurden die letzten Takte einer der schönen Solopassagen vom Temperament des Orchesters zugedeckt. Die Philharmoniker waren nicht nur gute Begleiter, sondern vor allem auch eine sinnstiftende Ergänzung. Sie griffen die Intentionen der klangschönen Solopassagen auf und führten sie weiter. Es gab auch lautstark gespielte Passagen mit durchdringendem Klang, aber immer mit großer Klarheit.
Das begeisterte Publikum entließ Sol Gabetta erst nach einer Zugabe, dem „Gesang der Vögel“ von Pablo Casals, den sie und sechs korrespondierende Cellisten der Philharmonie in unvergesslicher Beseeltheit und Feinheit, fast verträumt, „zelebrierten“ und leise, sehr leise verhallend im feinsten, singenden Pianissimo ausklingen ließen.

Ein ganz anderer Charakter wurde in der „Sinfonie Nr. 10 e-Moll“ (op. 93) von Dmitri Schostalowitsch laut. Nur teilweise nach innen gekehrt, bricht sehr oft der, seinerzeit auf Schostakowitsch schockierend hereinbrechende, äußere Druck in gewaltiger Lautstärke und fast unerträglichen Klangballungen in eine scheinbare innere Ruhe ein, die zu Beginn von den Celli mit sanften, getragenen, klangschönen Tönen wie eine klangliche Brücke zur wehmütigen Melancholie des vorangegangenen Cellokonzertes zu Gehör gebracht und später immer wieder in schöner Tongebung vom Orchester angestimmt wurde. Bald stürmten aber auch immer wieder die gewaltigen, zerrissenen, erschütternden Klangmassen auf den Zuhörer ein als Synonym für die einst auf Schostakowitsch hereinbrechenden lebensbedrohlichen Angriffe, stets sehr präzise ausgeführt, einschließlich sehr guter Solo-Passagen der Bläser und des kleinen, aber feinen, wie klagenden, zagenden Violinsolos der 1. Konzertmeisterin. In bewundernswerter Konformität und Klarheit bewältigten die Musiker die ekstatischen Ausbrüche, aufgeregt stampfenden Rhythmen, nervig sich wiederholenden gewaltigen, schrillen, disharmonischen und überlauten, sich aufbäumenden, bedrohlichen Klangmassen bis zum Inferno mit „Stalinorgel“ in starkem Kontrast zu den elegischen „friedlicheren Momenten“. Kein Wunder, dass die Musiker zwischendurch auch einmal ihre Instrumente nachstimmen mussten.
Alles stürmte auf den Zuhörer ein, aber mit einer gewissen inneren „Ordnung im Chaos“, trotz aller Expressivität immer sehr klar und „durchsichtig“, durchhörbar und erfassbar ausgeführt – viel aufgeregte Ekstase und erlösende Ruhe, ein gewaltiges Erleben, eine Wiedergabe, die sehr zum Verständnis der Sinfonie beitragen konnte.

Michael Sanderling leitete das Orchester mit dezenten Gesten. Er ist ein „Wir-Mensch“ und legt keinen Wert auf „Show-Effekte“, sondern erarbeitet alles gemeinsam mit dem Orchester, ein Diener an der Musik, der sich ganz dem Werk verpflichtet fühlt.

 Ingrid Gerk

 

 

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