Dresden/Kulturpalast: SONDERKONZERT DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE MIT ANDRÁS SCHIFF – 17.2.2024
Vor der Tournee der Sächsischen Staatskapelle mit András Schiff als Solist und Dirigent (19.2.-25.2.) nach Wien, München, Stuttgart, Antwerpen, Groningen und Dortmund hatten die Dresdner Gelegenheit, das Tourneeprogramm schon vorab in einem Sonderkonzert zu erleben. Der Konzertsaal des Kulturpalastes war mit seinen 1960 Plätzen schon lange vorher ausverkauft, da sich Ausführende und Programm größter Beliebtheit erfreuen. Nicht die großen Symphonien mit großer Orchesterbesetzung wie bei anderen Tourneen der Kapelle stehen dieses Mal auf dem Programm, sondern Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn-Bartholdy mit etwas kleinerem Orchester.
Bereits die festliche Eröffnung mit dem opulent-klangschwelgerischen, sinnenfreudigen „Brandenburgischen „Konzert Nr. 5 D‑Dur“ (BWV 1050) von Johann Sebastian Bach war ein Erlebnis der besonderen Art. Nicht auf historischen Instrumenten , „nur“ in historisch informierter Aufführungspraxis, mit Stufendynamik und polyfoner Linienführung, vor allem aber viel Stilgefühl und Musizierfreude ließ es die Herzen höher schlagen und keine Wünsche offen. Den ausgiebigen Solopart für ein Tasteninstrument spielte Schiff – nicht wie jetzt allgemein üblich, auf einem Cembalo – sondern auf seinem (privaten) Bösendorfer-Flügel, der auch mit auf Reisen geht.
Die kontrollierbare Mechanik des Flügels ermöglicht eine direkte Übertragung von Klang und Dynamik des Pianisten auf den dynamischen Klangkörper, so dass der Solopart unter Schiffs Händen mit seinem klingenden, vielfältig differenzierenden Anschlag vital und dynamisch in vielfältiger Farbigkeit entstehen konnte und Schiff damit eine neue, bisher bei Bach kaum gehörte Klangwelt, eröffnete, wie sie mit einem Cembalo nicht möglich ist.
Es muss nicht unbedingt immer die akribische Verarbeitung wissenschaftlich begründeter Erkenntnisse sein. Musik findet letztendlich mehr im unbewussten als im rationalen Bereich statt. Es kommt vor allem auf Feingefühl und innere Einstellung des Ausführenden zur Musik, der er sich gerade widmet, an, auch die der Barockzeit. „Wer andere entzünden will, muss selber brennen“.
Das taten auch die versierte Flötistin Sabine Kittel, Soloflötistin der Staatskapelle und Matthias Wollong, Erster Konzertmeister, mit seiner Violine. Die drei Solisten musizierten im Fluss einer schöngeistigen „Unterhaltung unter vernünftigen Leuten“, wie es Bach ausdrückte, perfektes technisches Können vorausgesetzt und Klangschönheit inklusive. Sie hatten „das gewisse Etwas“ und ließen die Musik in schöner Balance eines nachschöpferischen, wechselseitigen Zusammenwirkens der drei Soloinstrumente effektvoll aufblühen. Zusammen mit dem Orchester entstand ein opulentes Klangbild, „entzündend“ und mitreißend.
Der Ungar und Kosmopolit András Schiff mit österreichischer und englischer Staatsbürgerschaft, englischem Adelstitel und Wohnsitzen in London, Florenz und Basel hat in den erfolgreichen 70 Jahren seines Lebens viele Erfahrungen gesammelt, die in seine künstlerische Tätigkeit einfließen und seinem Klavierspiel Reife und Weltsicht verleihen – und zum Glück auch so viel Kraft und Mut, der gegenwärtigen Alte-Musik-Tendenz in ihrer intoleranten Ausschließlichkeit zu widerstehen und mit einem eigenen Musizierstil und Bach-Verständnis die Sicht auf den Meister und sein Werk maßgeblich zu erweitern und zu vertiefen.
Eine „Synthese von Oper, Sinfonie und Kammermusik“ nennt András Schiff Mozarts Klavierkonzerte, was besonders für dessen „Klavierkonzert Nr. 23 A‑Dur“ (KV 488) zutrifft, das er erst spät (1785) nach dem unterbrochenen „Klavierkonzert-Rausch“ parallel zur Arbeit am „Figaro“ komponierte. Es gehört zu den großen Wiener Konzerten, die er für eigene Konzertaufführungen schrieb. Es stellt den Inbegriff des klassischen Klavierkonzertes dar und ist eines der berühmtesten Werke Mozarts.
Hier trat Schiff in Doppelfunktion als Solist und Dirigent auf, auch äußerlich, indem er beim Solopart am Flügel saß, zum Dirigieren aber jedes Mal aufstand, wenn er nicht Impulse vom Flügel aus gab. Mit klingendem, ausdrucksvollem Anschlag und viel Verständnis und Liebe für die Musik Mozarts gestaltete er den virtuosen Solopart und inspirierte das Orchester, indem er den Intentionen des Genies nachspürte – welche Klangfülle auf dem Flügel, welch schöner Orchesterklang!
Für den enthusiastischen Beifall bedankte sich Schiff mit einer passenden Zugabe, einem Satz aus der „Sonate C‑Dur“ (KV 545), bei der noch einmal unter seinen Händen eine eigene Welt, Mozarts musikalische Welt, als ein kleiner Kosmos entstand. Schiffs pianistische Kunst erscheint so einfach fassbar und lässt sich doch nicht in Worte fassen.
Nur dem Dirigieren widmete sich Schiff mit der„Symphonie Nr. 4 A‑Dur“ op. 90), der „Italienischen“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, die heute zu den beliebtesten und meistgespielten Orchesterwerken des Komponisten zählt. Gegenüber seiner „Schottischen“ wirkt sie heiter, jedoch nur in den Ecksätzen. Sie beginnt in Dur und endet in Moll. Dennoch dominierte freundliche Heiterkeit in Mendelssohnscher Leichtigkeit, insbesondere im ersten und vierten Satz mit dem beschwingt musizierten „Saltarello“. Der unter dem Eindruck des Todes seines Lehrers C. F. Zelter und den kurz darauffolgenden Tod J. W.v. Goethes komponierte zweite Satz atmete berührende Kantabilität und der dritte ebenfalls auch etwas Ernsthaftigkeit.
Nach der ebenso ansprechenden wie tiefschürfenden Wiedergabe brandete auch hier der Beifall auf, so dass es noch eine Orchesterzugabe gab, die mit der „Ouvertüre“ zur „Hochzeit des Figaro“ den Kreis zu Mozarts zeitgleich entstandenem A‑Dur‑Klavierkonzert schloss. Spontan erhob sich das Publikum im vollbesetzten Konzertsaal zu Standing ovationes, um Dirigent-Solist und Orchester zu danken und zu ehren.
Bei Gelegenheit dieses Konzertes wurde nach Art der Kapelle auch der langjährige, sehr verdienstvolle Kontrabassist Helmut Branny nach 44 Dienstjahren von seinen Kollegen im Stillen mit Blumen in den Ruhestand verabschiedet.
Ingrid Gerk

