Dresden / Kulturpalast, Semperoper: SONDERKONZERT UND 7. KAMMERABEND DER SÄCHSISCHEN STAATSKAPELLE MIT DER CAPELL-VIRTUOSIN JULIA FISCHER – 25./27.4.2023

Julia Fischer. Foro: Oliver Killig
Julia Fischer, eine Geigerin (und gelegentlich auch Pianistin) mit frappierender Virtuosität, sensiblem Einfühlungsvermögen und außergewöhnlich feinem Klang, die seit über 20 Jahren zur Geigenelite gehört, ist eine sehr vielseitige Musikerin. Neben ihren Soloauftritten mit den großen Orchestern weltweit übernimmt sie auch mitunter die Orchesterleitung von der Violine aus, ist als Professorin an der Hochschule für Musik und Theater München tätig und eine enthusiastische Kammermusikerin. Zum Abschluss ihrer Residenz als Capell-Virtuosin der Sächsischen Staatskapelle Dresden trat sie jetzt gleich zweimal kurz hintereinander auf, als Solistin in einem Sonderkonzert und beim 7. Kammerabend.
Das Sonderkonzert im Kulturpalast (25.4.) brachte neben einem Wiedersehen und Wiederhören mit ihr nach kurzer Zeit auch ein „Heimspiel“ in doppelter Hinsicht für den Dirigenten Petr Popelka. Er hat ein besonderes Verhältnis zur Kapelle, denn er war hier stellvertretender Solo-Kontrabassist (2010-2019) und kehrte nun als Dirigent zu seinen ehemaligen Kollegen zurück. Seit 2020 ist er Chefdirigent des Norwegischen Rundfunkorchesters Oslo und seit 2022 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Radio Symphonieorchesters Prag sowie auch Komponist.
Bei der Programmgestaltung entschied er sich ausschließlich für Komponisten seiner tschechischen Heimat, zunächst zwei Kleinode der Literatur für Violine und Orchester, die „Fantasie g-Moll“ (op. 24) von Josef Suk (1874-1935) und die „Romanze f-Moll“ (op. 11) von Antonín Dvořák. Zwischen beiden Komponisten bestand nicht nur eine künstlerische Beziehung, sondern auch eine „familiäre“. Suk war Schüler und Schwiegersohn von Dvořák und der Großvater des berühmten Geigers Josef Suk (1929-2011), der Dvořáks Œuvre für Violine mit besonderer Hingabe und Meisterschaft interpretierte.
Suk komponierte zunächst in der Nachfolge Dvořáks, fand aber nach dessen Tod zu einem eigenen Stil. Er war selbst Geiger und legte den Solopart seiner einsätzigen Fantasie aus dem Jahr 1902 bewusst herausfordernd an. Das einsätzige Stück durchläuft Höhen und Tiefen, Kapriolen und Momente der Ruhe. Die zurückhaltenden und innigen Passagen und auch strahlende Momente der Solovioline lagen bei Julia Fischer in den besten Händen. Sie verlieh ihnen besonders feinsinnigen Ausdruck. Im Kontrast dazu ließ Popelka das Orchester mit Blech und Becken auftrumpfen. Wie in einem Dialog standen sich der feinsinnige Klang der Solistin und der herbere, mitunter lautstarke des Orchesters gegenüber, wobei sich die Violine auch mit ihrem feinen Klang immer durchsetzen konnte.
Die Anklänge an die traditionelle Volksmusik Böhmens im Mittelteil erinnerte an die Liebe zur Heimat, die Dvořáks „Romanze“ aus den 1870er-Jahren vor allem prägt. Sie strahlt Ruhe aus. Man fühlte sich in die Idylle der böhmischen Landschaft versetzt. Neben dem Gesang der Solovioline trugen auch sanfte Flötenklänge dazu bei.
Beide Stücke spielte Julia Fischer mit ihrem feinen weichen Klang und Gefühl für die Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Komponisten, wohingegen Popelka auch hier sehr den Orchesterpart betonte. Eine wirkliche Harmonie stellte sich dann bei Dvořáks „Symphonie Nr. 6 D‑Dur (op. 60) ein.
Doch zuvor brillierte Julia Fischer noch mit einer sehr virtuosen Zugabe, bei der schon ihre Ansage: „Capricio Nr. 24“ von Niccolò Paganini Begeisterung auslöste und erst recht ihr atemberaubendes Spiel.
Dvořáks 1880 komponierte „Sechste“, eines seiner nationalbewusstesten Werke, ist stark von böhmischen Einflüssen geprägt und weist besonders starke Bezüge zur tschechischen Landschaft und Seele auf. Mit pentatonischen Melodien und rhythmischen Besonderheiten ist sie der tschechischen Volksmusik zutiefst verpflichtet. Sie erfreut sich großer Beliebtheit und wird häufig aufgeführt. Hier brillierte das Orchester mit klangvollen Passagen, ausdrucksstarken Wendungen und innerer Geschlossenheit.
Obwohl das Sonderkonzert im Kulturpalast ein sehr publikumswirksames Programm aufwies, war der 1760 Plätze fassende Kulturpalast reichlich zur Hälfte besetzt, die Semperoper mit 1300 Plätzen hingegen beim Kammerabend mit einem eher ungewöhnlichen Programm ausverkauft und voll bis in den obersten Rang, einschließlich sichtbehinderter Plätze, obwohl doch Kammermusik in früheren Jahren eher weniger Interesse fand – eine Preisfrage ? – für die Kammermusik sehr erfreulich, für die großen Konzerte aber bedenklich. Der Applaus nach jedem Satz ließ im Kammerabend (27.4.) erkennen, dass neben Kennern und Liebhabern auch zahlreiche Touristen im Publikum waren – warum auch nicht? Die Musikerinnen und Musiker zeigten viel Verständnis.
Das nicht alltägliche Programm des Kammerabends begann mit einer „Suite für Horn und Streichquartett“ von Corrado Maria Saglietti (*1957), einem italienischen Komponisten und Mitglied der Horngruppe des Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI in Turin, dessen Kompositionen mit diversen Preisen ausgezeichnet wurden und von zahlreichen renommierten Solisten und Ensembles aufgeführt werden.
Fünf Kapellmitglieder, Marie-Luise Kahle, eine Hornistin der Staatskapelle von Format, und vier Streicher musizierten sehr transparent und hatten neben ihrer perfekten Technik auch das richtige Gespür für das unterhaltsame, fröhliche Stück. Die Hornistin leitete mit einer melancholisch-sinnlichen Melodie in Tango-Manier, die von der Violine übernommen wird, den temporeichen ersten Satz „Tango“ ein, lockerte auch einmal mit einem lustigen musikalischen Schwänzchen den musikalischen Fluss auf und legte gelegentlich ein ausgewechseltes Mundstück auf ein bereitstehendes, hängendes Becken, um nachdrücklich einen speziellen leisen Klang zu erzeugen und den Humor nicht zu kurz kommen zu lassen.
In fesselnder Rhythmik und mit eindrucksvollen Effekten vermittelte dieser Satz eine jazzige Atmosphäre und steigerte sich immer mehr in Heiterkeit. Im zweiten Satz „Canzone“ stellte wieder das Horn das Thema vor und die Streicherstimmen imitierten es im Nachgang. Der dritte und letzte Satz machte seiner Bezeichnung „Speedy“ alle Ehre, indem er temporeich und in fesselnder Rhythmik die Suite mit ihren drei relativ kurzen Sätzen beschloiss.
Die Kammerabende, bei denen Musiker und Musikerinnen freiwillig (und ohne Honorar) auftreten, sind bekannt für ihre Überraschungen. Hier widmete sich das Chiaveri Quartett aus Mitgliedern der Staatskapelle, sehr geschmeidig und einfühlsam musizierend, dem einzigen Streichquartett von Giuseppe Verdi, seinem „Streichquartett in e-Moll“, das er zwischen 1868 und 1876 zwischen seiner Oper „Aida“ und der „Messa da Requiem“ in wenigen Wochen schrieb, angelehnt an die Wiener Klassiker Mozart und Haydn und mit opernhaften Elementen bei einzelnen Figuren der Begleitstimmen und der Violoncello-Kantilene im dritten Satz. „Verdis Quartett mag nicht ganz das Niveau der großen klassischen Quartette erreichen, aber es ist ein Beitrag zum Repertoire der Kammermusik in Italien, die im 19. Jahrhundert eher ein Schattendasein neben der Oper führte.
Der Kreis zum Sonderkonzert mit Werken tschechischer Meister schloss sich mit dem „Duo Nr. 1 für Violine und Violoncello“ von Bohuslav Martinů, einem Schüler von Josef Suk, dessen „Fantasie“ im Sonderkonzert zu hören war. Julia Fischer, Violine und Friedrich Thiele, 1. Konzertmeister Violoncello, spürten der großen Einsamkeit nach, den melodischen Passagen mit längerem, sehr fein musiziertem wehmütig-sensiblem Cello-Solo und temperamentvoller Violine in melodisch-rhythmischem Zusammenspiel – eine ausgezeichnete Interpretation von zwei Meistern ihres Faches und vom Publikum bejubelt.
„Souvenir de Florence“, nannte Pjotr I. Tschaikowsky sein viersätziges „Streichsextett d‑Moll (op. 70)“, das er in Erinnerung an seinen Aufenthalt 1890 in Florenz schrieb, wo er seine Oper „Pique Dame“ in kürzester Zeit zu Papier brachte. Mit Julia Fischer am ersten Pult, der zweiten Violine, zwei Violen, Violoncello und Kontrabass dominierten feine Melodieführung, Klang und perfektes Zusammenspiel, ein Schwelgen in Erinnerungen und auch ein „echtes Souvenir“ als Erinnerung an Julia Fischers Zeit als Cappell-Virtuosin.
Ingrid Gerk

