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DRESDEN/ Kulturpalast: Palais im Großen Garten u. a.: „SCHWARZWEISS“ – DIE 46. DRESDNER MUSIKFESTSPIELE – TEIL II 

19.06.2023 | Konzert/Liederabende

Dresden / Kulturpalast, Palais im Großen Garten u. a.: „SCHWARZWEISS“ – DIE 46. DRESDNER MUSIKFESTSPIELE – TEIL II  –  10.6. – 18.6.2023

Nicht nur schwarz und weiß, sondern sehr vielfarbig und vielgestaltig zeigten sich auch die letzten acht Tage der umfangreichen Dresdner Musikfestspiele. Eine besondere Farbe brachte Joyce DiDonato ein. „Eine Stimme wie 24 Karat Gold“ war einst in der New York Times über sie zu lesen, eine begnadete Belcanto-Sängerin der Superlative, „aber sie blieb immer das bodenständige „Mädchen aus Kansas“ und präsentierte sich jetzt einmal anders unter dem Titel JOYCE DIDONATO & IL POMO D’ORO (11.6.) im Kulturpalast in einer Eigenproduktion mit viel Technik, bei der sie in 1,5 Std. ihre Sorge um die Erhaltung des einmaligen Lebensraumes Erde mit ihrer gefährdeten, unwiederbringlichen Natur zum Ausdruck brachte, Regie: Marie Lambert-Le Bihan, Lichtdesign: John Torres, Cembalo und Leitung des begleitenden Orchesters: Maxim Emelyanychev.

Den Raum in völliges Dunkel gehüllt, schlich das kleine Orchester leise auf die Bühne. Sie wandelte durch den Raum und ließ ihre Stimme mal hier, mal da hören. In großen Leucht- Lettern prangte das Motto „EDEN“ an der Chorempore, wo später die Gesangstexte von sehr populären oder weniger bekannten Komponisten aller Jahrhunderte erschienen, die Natur und Weltall preisen, Charles Ives, Aaron Copland, Rachel Portman, Marco Uccellini, Biagio Marini, Giovanni Velentini, Francesco Cavalli, Josef Mysliveček und Christoph Willibald Gluck, aber auch Gustav Mahler mit seinem diffizilen Verhältnis zum Leben.
 
Lichtstrahlen, Funkenregen, Dampf und gebogene, vielseitig einsetzbare Rohre bildeten die nicht allzu üppige, aber aussagekräftige Dekoration. Mit ihrem geschmeidigen, bewundernswerten Mezzosopran, mit dem sie die Opernfreunde begeisterte, stimmte sie jetzt die Lieder in allen möglichen, dekorativen Positionen an – mitunter „wie hingegossen“ auf dem Fußboden – und bekrönte ihren Abend mit der Arie der Irene aus dem Oratorium „Theodora“ von Georg Friedrich Händel, die an ihre großen Opernabende erinnerte. Als Zugabe und Hoffnungsträger brachte sie den Philharmonischen Kinderchor Dresden auf die Bühne, der „Seeds of Hope“, eine Komposition der Kinder des Canterbury Choir, sang, und appellierte damit an die Erhaltung des Lebensraumes Erde.

Eine ganz andere Farbe brachten SERGEI NAKARIAKOW & MARIA MEEROVITCH (12.6.) im Palais im Großen Garten in das Festspiel-Geschehen. Nakariakov, ein ausgezeichneter Trompeter, hat als Erster auch das Flügelhorn als Soloinstrument auf dem Konzertpodium mit einem eigenen Repertoire etabliert. Im Wechsel mit seiner virtuosen Trompetenkunst stellte er Klang und Möglichkeiten beider Instrumente gegenüber, lotete in einem sehr vielseitigen Programm seine Fähigkeiten und Fertigkeiten und seine tiefe Musikalität in einer seltenen Verbindung von hoher Virtuosität und warmem, geschmeidigem Ton aus und gab Proben seiner großen Gestaltungskraft.

Maria Meerovitch bildet mit ihm ein eingespieltes Team, begleitete ihn mitgestaltend am Konzertflügel und steuerte solo in ihrer unspektakulären, sehr ansprechenden Art kontrastreich zwischen lyrisch und temperamentvoll die „Arabeske“ von Robert Schumann sowie „Drei Mazurkas“ (op. 63) und „Drei Mazurkas“ (op. 50) von Frédéric Chopin zwischen den Trompeten-Stücken bei.

Gemeinsam begannen sie leicht jazzig und unterhaltsam mit der „Hot Sonate“ („Jazz-Sonate“) für Altsaxophon und Klavier von Erwin Schulhoff in Nakariakows Bearbeitung für Trompete und Klavier, exotisch, melodisch und mit synkopierten Rhythmen. Die Melodie wurde von der Trompete schwebend getragen, und der letzte Satz gipfelte temperamentvoll in virtuoser Rasanz.

Mit klassischer Klarheit ließ Nakariakov, begleitet von Maria Meerovitch, hingegen die „Sonate für Violine und Klavier e‑Moll (KV 304) von Wolfgang Amadeus Mozart in seiner Bearbeitung für Flügelhorn und Klavier entstehen, widmete sich mit singendem, aber dennoch kräftigem Ton und höchster Prägnanz, lyrisch und kraftvoll den „Fantasiestücken“ (op. 73) von Robert Schumann und brachte drei kapriziöse Stücke aus „33 Miniaturen“ von Gija Kantscheli, Nr. 4 „Extraordinary Exhibition“, Nr. 7 „Kin Dza Dza“ und Nr. 8. „Minimo“, rhythmisch betont und jazzig-witzig akzentuiert zum Klingen.

Den humorvoll-köstlichen Abschluss bildeten die „Variations sur ‘Le CarnevaL de Venise’ “ für Trompete und Klavier des französischen Komponisten und Kornettisten Jean-Baptiste Arban (1825-1889), die dem Trompeter große Virtuosität abverlangen, was aber für Nakariakow kein Problem darstellt. Er hatte genügend Power für eine umwerfende, vielseitige Gestaltung über das bei uns als „Ein Mops ging in die Küche …“ bekannte Lied, bei dem sich eine Variation köstlicher als die andere erhob. So musiziert, kann auch Klassik sehr viel Humor verbreiten. Das Publikum entließ die beiden Künsdtler natürlich erst nach einer Zugabe, einem leise verklingenden „Lied“ von P. I. Tschaikowsky.

Einen Tag später (13.6.) erklangen plötzlich von Bläsern und Pauke unverkennbar Klänge Richard Wagners vom Balkon des Kulturpalastes ähnlich Bayreuth. Sollte da die „Reklametrommel“ zwei Stunden vor der Aufführung von „Das RHEINGOLD“ gerührt werden? Das war nicht nötig, denn das Publikum war, einschließlich viel Prominenz, zahlreich zu der Aufführung erschienen, die als „Vorbote“ und Auftakt eines großangelegten künstlerisch-wissenschaftlichen Aufführungsprojektes anlässlich des 150. Jubiläums der Premiere des „Ring des Nibelungen“ 1876 bei den ersten Bayreuther Festspielen stattfand.

Die Wagnerschen Klänge vom Balkon waren der Auftakt zu einem (Einführungs-)Vortrag prominenter Referenten aus Bayreuth zu dem großangelegten Forschungs- und Aufführungsprojekt, bei dem im Kontext der Entstehungszeit und auf der Basis neuer Erkenntnisse der Wagner- und Aufführungspraxis jedes Jahr eine Oper der „Ring“-Tetralogie“ konzertant aufgeführt werden soll. Sehr vage angedacht wurde in diesem Zusammenhang auch eine eventuelle Rückbesinnung auf historisch orientierte Bühnenausstattung und Kostüme, aber auch gleich wieder aus dem Fokus geschoben.

Die konzertante Aufführung des „Vorabends“ war in Dresden nach der von Marek Janowski bis ins Detail feinsinnig ausgearbeiteten, begeistert aufgenommenen konzertanten Aufführung des gesamten „Ringes“ mit der Dresdner Philharmonie und der hochdramatischen unter Christian Thielemann mit der Sächsischen Staatskapelle (zufällig) die dritte innerhalb von 10 Monaten und regte zu Vergleichen an. Kent Nagano wiederholte mit dem Dresdner Festspielorchester und Concerto Köln im Rahmen des „Originalklang“-Zyklus innerhalb des Festivals mit alten Instrumenten und neuen Forschungsergebnissen hinsichtlich Notation, Diktion und Interpretation, ein Experiment, das er 2016 mit Concerto Köln ins Leben gerufen und in Köln und Amsterdam erfolgreich aufgeführt hat.

Keine der drei „Lesarten“ ähnelte der anderen, aber jede hatte ihre gültige, nachvollziehbare Aussage. Es waren drei Pole, drei Ziele, jedes in einer anderen Richtung, jedes in seiner Art zu akzeptieren. Zugegeben, man war skeptisch, wie Wagner auf alten bzw. nachgebauten Instrumenten wohl klingen würde, aber Nagano schaffte eine in sich stimmige Aufführung, die auch gewohnten Höreindrücken entgegenkam, denen vor allem die Begeisterung des Publikums galt. Ein völlig neuer oder anderer Wagner war es nicht, auch kein durchgängig romantischerer Klang. Das sehr engagiert spielende Orchester erreichte mitunter sehr schöne, fast tonmalerische Klangpassagen, wie die plastisch ausgeformten wallenden Wogen des Rheins, ein zauberhaftes Aufblühen des Orchesterklanges und wieder Abschwellen, warm klingende Holzbläser und sanften Streicherklang.

Das alles hat Vorteile gegenüber einem, überlauten modernen Orchester, in dem manch Dirigent seinen Selbstzweck sieht und sich der Gesang nur mit viel Kraftanstrengung durchsetzten kann. Alte Instrumente haben nun einmal ihre Grenzen. Das das aber auch mit modernem Instrumentarium möglich ist, bewies Marek Janowski mit der Dresdner Philharmonie. Ein weiterer Vorteil war die gute Textverständlichkeit in Anlehnung an das frühere, jetzt vergessene „Bühnendeutsch“. Den Originalklang von Wagners Zeiten vollständig zu rekonstruieren, dürfte praktisch kaum gelingen, zu viele Faktoren und Gegebenheiten spielen da eine Rolle. Einige positive Ergebnisse könnten jedoch die Wagner-Pflege sehr bereichern.

Eine konzertante Aufführung muss nicht streng statisch ablaufen. Die Sängerinnen und Sänger hatten, meist vom Orchester getragen, Raum und Zeit, auch andeutungsweise darstellerisch ihrer Rolle Ausdruck zu verleihen und damit die Aufführung zu beleben. Besonders aktiv zeigte sich da Thomas Ebenstein als Mime, dessen abschreckendes Wesen mehr zur Geltung kam als in mancher Inszenierung. Im zwielichtigen Spiel mit den Rheintöchtern Ania Vegry (Woglinde), Ida Aldrian (Wellgunde) und Eva Vogel (Flosshilde), die in ihrer individuellen Erscheinung und mit unterschiedlichen Timbres ein harmonisches Trio ergaben, bildete er den kontrastierenden Gegenpol. Seinem brutal macht- und goldgierigem Bruder Alberich, der viel Schmerzen und Drangsal erleiden und schließlich den Ring hergeben muss, gab Daniel Schmutzhard Stimme und Gestalt. Sein Fluch hallte mahnend durch den Raum – wie wahr!

Als Loge unverkennbar durch ein rotes Einstecktuch, dominierte Mauro Peter auch stimmlich mit seinem leicht geführten Tenor das Geschehen, während Derek Welton als Wotan und Dominik Kröninger als Donner wie gewohnt auf kraftvollen Gesang setzten. Katrin Wundsam gab eine, sich mit ihrem lyrischen Mezzosopran brav hinter ihrem göttlichen Göttergatten zurückhaltende, Fricka, die sich um ihre Schwester Freia sorgt, deren Gefühlen Nadja Mchantaf singend Ausdruck verlieh, da sie sich in den Händen der Riesen Fasolt und Fafner mit den profunden Bassstimmen von Tijl Faveyts und Tilmann Rönnebeck befand. Mit strahlendem Tenor sang Tansel Akzeybek den Froh, und als mahnende Erda brachte Gerhild Romberger alle Voraussetzungen mit.

Jetzt geht das Projekt auf Tour: Kölner Philharmonie (18.8.), Ravello Festival (20.8.) und Lucerne Festival (22.8.), und ab Herbst 2023 werden zu einer Wagner-Akademie Wagner-Experten und Interpreten aus aller Welt in Dresden erwartet.

Vom großen Opern-Projekt zum intimeren Kreis eines Kammerorchesters führte der Weg zu ANNE-SOPHIE MUTTER & MUTTER’S VIRTUOSI (15.6.) im Kulturpalast mit einem abwechslungsreichen Abend, vorrangig mit Werken der Barockzeit. Die, von Anne-Sophie Mutter geförderten, jungen Musiker spielen auf ihren gegenwärtig üblichen Instrumenten, sie auf einer ihrer beiden Stradivaris mit Herz und Seele und viel Engagement. Nicht mehr die großen virtuosen Violinkonzerte stehen für sie jetzt im Vordergrund, sondern die Förderung musikalisch begabter junger Menschen, für sie eine Herzensangelegenheit. Dennoch, wenn sie (meist) in einem eleganten, schulterfreien Kleid die Bühne betritt, ist das schon eine besondere „Eröffnung“ ihres Konzertes, auch wenn sie in einem Interview sagte, dass das für sie „Arbeitskleider“ sind, die „vor allem bequem“ sein sollten.

Sehr zur Freude des Publikums begann das Konzert mit Antonio Vivaldi, der inzwischen mit seinen „Vier Jahreszeiten“ auch bei Jugendlichen Kultstatus genießt, aber nicht mit seinem „Standardwerk“, sondern mit seinem weniger bekannten „Concerto für drei Violinen, Streichorchester und Basso continuo (B.c.) F‑Dur (RV 551), bei dem ihr hinreißend gespielter Solopart von zwei ihrer „Schützlinge“, Samuel Nebyu und Timothy Chooi solistisch ergänzt wurde. Erst recht kamen ihre solistischen Qualitäten bei dem „Konzert für Violine, Streicher und B.c. Nr. 1 a‑Moll“ (BWV 1041) von Johann Sebastian Bach zur Geltung, bei dessen Solopart sie souverän mit Verve und Schmelz brillierte und ihr besonders feines Pianissimo von der Akustik des Konzertsaales tragen ließ.

Zurück zur Gegenwart führte das „Nonet“ von André Previn, ihrem einstigen Ehemann, spielerisch, leicht melodiös, aber auch experimentierfreudig mit neuen Effekten und Klangwirkungen, ohne das Ohr zu „beleidigen“, ausgeführt von zwei Streichquartetten des Kammerorchesters, mit kleinem, gezupftem Solo von ihr und „singendem“ Kontrabass wie in einer Zwiesprache.

Nach Bachs „Brandenburgischem Konzert Nr. 3 G‑Dur (BWV 1048), von ihr und nur 11 jungen Musikerinnen und Musikern mit gewohnter Klangfülle musiziert, machte Anne-Sophie Mutter mit dem „Konzert für Violine und Orchester A-Dur (op. 5/2), dessen Solopart sie mit Bravour und der ihr eigenen Qualität veredelte, auf einen kaum bekannten französischen Komponisten, Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges (1745-1799), aufmerksam.

Ihre große Fan-Gemeinde im ausverkauften Konzertsaal entließ sie erst nach zwei Zugaben, dem dritten Satz des „Sommers“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ und dem schwebenden, für sie und ihr Kammerorchester adaptierten, Thema aus dem Soundtrack für den Film „Schindlers Liste“ von John Williams.

Das letzte Konzert der Klassik-Seite war das KLAVIERREZITAL TIFFANY POON (17.6,) im Palais im Großen Garten. Bereits zweimal pandemiebedingt verschoben, konnte es nun endlich stattfinden. Die junge, außergewöhnlich talentierte Pianistin Tiffany Poon, in Hongkong geboren und jetzt in den Konzertsälen der Welt zu Hause, die bereits im Alter von acht Jahren ein Stipendium für die Juilliard School in New York erhielt, zahlreiche Wettbewerbe gewann, Philosophie studierte und mit ihren Clips bei den sozialen Medien Einblicke in den Alltag als Musikerin gewährt, ist inzwischen pianistisch reifer geworden.

Im stimmungsvollen Ambiente des Palais widmete sie sich ganz dem kammermusikalischen Schaffen von Robert Schumann, setzte sich frisch und unprätentiös an den Flügel von Steinway & Sons und spielte einstimmend mit natürlichem Charme und musikalischem Empfinden die „Mazurka (op. 6/5) von Clara Schumann und ohne Zäsur und Zwischenapplaus gleich anschließend die „Davidsbündlertänze“ (op. 6) ihres Gatten mit den beiden fiktiven, von ihm als Synonyme für die musikalischen Temperamte erfundenden Fantasiefiguren, dem temperamentvollen Florestan und dem sanften Eusebius – wenn man so will, beide Schumanns in familiärer Verbundenheit.

Nach den Kinderszenen“ (op. 15) ging sie in der gleichen Weise unmittelbar zu Robert Schumanns „Sonate für Klavier Nr. 2 g-Moll“ (op. 2) über – ihr sehr persönlicher Stil, so wie sie auch, jugendlich unbekümmert plaudernd, zu ihren Zugaben „Vogel als Prophet“ aus den „Waldszenen“ und die „Arabeske“ überleitete. Natürlich und jugendlich unbekümmert bewegte sie sich auch bei ihrem vorwiegend geschmeidigen, der Romantik entsprechendem Spiel, mit guter Klangbeherrschung und sehr schönen Momenten, auch gelegentlichen virtuos-leidenschaftlichen Steigerungen, bei allen Kontrasten aber immer ohne Brüche zwischen liebevoll lyrisch gestalteten Passagen und pianistischem Feuer.

Das sehr erfolgreiche Festival begann klassisch mit Schostakowitsch und Mahler und endete mit dem ABSCHLUSSKONZERT MIT PONTON MARSALIS & JAZZ AT LINCOLN CENTER ORCHESTRTA (18.6.) in diesem Jahr erstmals open air in der Freilichtbühne „Junge Garde“ im Großen Garten. Auf die nächsten Dresdner Musikfestspiele kann man sehr gespannt sein.

Ingrid Gerk

 

 

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