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DRESDEN/ Kulturpalast/Palais im Großen Garten: „CELLOMANIA 2.0“ – ein Festival im Festival der Musikfestspiele

01.06.2022 | Konzert/Liederabende

Dresden / Kulturpalast, Palais im Großen Garten, Kirchen: „CELLOMANIA 2.0“, EIN FESTIVAL IM FESTIVAL „DRESDNER MUSIKFESTSPIELE“ – 16. ‑  31.5.20

 Nach zweijähriger Corona-Zwangspause können die Dresdner Musikfestspiele nun endlich wieder stattfinden. Jedem (Neu-)Anfang wohnt ein Zauber inne, und tatsächlich stehen die diesjährigen Musikfestspiele unter dem Motto „ZAUBER“. Nach zwei Jahren Abstinenz hat das Publikum eine große Sehnsucht, endlich wieder Musik live in interessanten Spielstätten und unmittelbarem Kontakt mit den Künstlern bei „Zauber“-haften Programmen zu erleben.

Festspielintendant Jan Vogler lässt es sich nicht nehmen, so wie es sein Zeitplan erlaubt, bei den Konzerten anwesend zu sein und ein paar nette Worte an das Publikum zu richten. Er lässt sich das Festival sehr angelegen sein und legt Wert auf gute Kommunikation mit Künstlern und Publikum.

Aus der Fülle der insgesamt 65 Veranstaltungen mit „klassischer“ und populärer Musik, „E„ und „U“ oder wie man es sonst noch bezeichnen möchte, sei hier zunächst die „CELLOMANIA 2.0“ hervorgehoben ein, „Festival im Festival“, ein Gipfeltreffen der Cello-Elite aus aller Welt, zu dem Jan Vogler seine Kollegen und Freunde, internationale Stars und junge Künstler einlädt. Als „Cellomania“ vor zwei Jahren zum ersten Mal stattfand, löste es Begeisterung und den Wusch nach Wiederholung aus. In diesem Jahr gab es 19 Konzerte in diesem Rahmen.

 

Zu viel Cello auf einmal? – Keineswegs! Da sind in kurzen oder langen Konzerten, in Konzertsaal, Palais oder Kirche Cellisten aller Generationen mit den verschiedensten Facetten an Klangfarben, Auffassungen, Instrumenten und Kompositionen zu erleben, mit großem oder Kammerorchester, solo oder in Trios, Quartetten, Quintetten oder auch größeren Formationen.

Das „ERÖFFNUNGSKONZERT CELLOMANIA 2.0 – SOL GABETTA & BETRAND CHAMAYOU“ (16.5.) im Konzertsaal des Kulturpalastes fand großen Zuspruch. Kammermusik ist in diesem Saal mit seinen ausgezeichneten akustischen Verhältnissen nicht nur möglich, sondern auch von Vorteil. Dass der geöffnete Konzertflügel zuweilen akustisch den Klang des Cellos etwas „bedrängte“, lag eher am Temperament des Pianisten Bertrand Chamayou, der nicht nur hobbymäßig Langstreckensportler ist und mit enormer physischer Kraft, beeindruckender Sicherheit und künstlerischer Vorstellungskraft solistisch mit seinem umfangreichen Repertoire wahre „Marathonläufe“ auf den internationalen Bühnen vollbringt. Er spielte beispielsweise in der Elbphilharmonie Hamburg das gesamtes Solo-Klavierœuvre von Maurice Ravel an einem Abend.

Mit nachtwandlerischer Sicherheit traf er die Tasten, fast mechanisch, und doch mit Fingerspitzengefühl und scheinbarer Leichtigkeit, geschmeidig und sanft, ein Feuerwerk der Fingerfertigkeit mit gut gestalteten Soli und gemeinsamen Passagen, stets im Einklang mit dem Cello,

Sol Gabetta hielt mit Vehemenz, ihrer viel bewunderten Meisterschaft und kleinen „Showeffekten“, die jetzt offenbar in Mode kommen, dagegen.

 Beide erfreuten das Publikum gemeinsam mit Originalkompositionen für Violoncello und Klavier und einer Bearbeitung. Zunächst erfreuten sie das Publikum mit der Sonate Nr. 1 B-Dur (op. 45) von Felix Mendelssohn-Bartholdy und etwas später – nach der „Sonate Nr. 1 c-Moll (op. 18) von Johannes Brahms – mit dessen „Variations concertantes D‑Dur (op. 17) in variabler Vielfalt und treffender Charakterisierung der einzelnen Sätze. Widmeten sich bei Mendelssohns Sonate beide noch vorwiegend ihrem eigenen Part mit Hinblick auf den Partner, herrschte bei Brahms bereits völlige Übereinstimmung und Gemeinsamkeit. Hier war Sol Gabetta ganz in ihrem Element und ließ bei markigem Spiel in herber Schönheit auch feine, getupfte und gezupfte Töne hören und das Ganze mit einem „neckischen Schwänzchen“ enden.

Als einzige Bearbeitung erklang die ursprünglich von César Franck für Violine und Klavier komponierte “Sonate A-Dur (Fassung für Violoncello und Klavier von Jules Delsart), mit Hingabe und großem Einfühlungsvermögen gespielt. Kein Wunder, dass schon bei Mendelssohn der Applaus nach jedem Satz – aus welchen Gründen auch immer – nicht zu bremsen war, zum Schuss expandierte er, wofür es noch zwei Zugaben gab: zwei Stücke aus der „Siete canciones populares españolas“ von Manuel de Falla, die erste, getragen zurückhaltender, mit sanft schwingender Cellostimme und flüssig perlendem Klavier, die zweite mit überschäumendem Temperament und traumwandlerischer Sicherheit.

Für eine sehr ungewöhnliche Duo-Kombination hatten sich DANIEL MÜLLER-SCHOTT & IVETA APKALNA in der Martin-Luther-Kirche (19.5.) mit Cello und (großer) Orgel entschieden. ‚Geht denn das zusammen, der relativ leise, intime Klang des Cellos und die „brausende“ Orgel?‘ mag sich mancher gefragt haben, aber wenn sich zwei so gute Künstler aufeinander einstellen, ist das kein Problem. Im Gegenteil, es gab ein völlig neues, interessantes Klangerlebnis. Müller-Schott entdeckt leidenschaftlich gern unbekannte Werke und ungewöhnliche Instrumenten-Konstellationen, um sein Repertoire zu erweitern.

Mit einem breit gefächerten Programm, jeweils solistisch oder bei gemeinsamem Musizieren auf einander eingehend, präsentierten beide ihr großes Können auf der Orgelempore, was in sehr guter Bildqualität für die Besucher im Kirchenschiff auf Großbildleinwand übertragen wurde – man hatte an alles gedacht, denn Iveta Apkalna war nicht nur ein Hör-, sondern auch ein optischer Genuss. Frappierend schön konnte man „Príère“ für Violoncello und Orgel (op. 158) von Camille Saint-Saens erleben, wobei sie sehr dezent auf der Orgel begleitete, so dass sich Cello- und Orgelklang erstaunlich gut mischten, auch im Fortissimo. Es war ein gutes Miteinander, beglückend schön. Kräftigere Töne gab es bei beiden Instrumenten bei der „Romance für Violoncello und Orgel A-Dur“ (op. 69) von Gabriel Fauré.

Mit ihren zierlichen Händen begleitete Iveta Apkalna nicht nur einfühlsam und anmutig, sondern griff bei Bedarf, wie bei der „Fantasie für Orgel solo g‑oll“ von Alfreds Kalinins (1879-1951) mit vollem Einsatz gewaltig in die Tasten der frisch restaurierten großen Jehmlich-Orgel von 1887 und traktierte mit den Füßen die Klaviatur im Pedal, um auch dort die richtigen Töne zu erzeugen (sehr ungewöhnlich mit goldenen Stöckelschuhen, wo andere Organist*innen mit bequemen Schuhen oder in Socken spielen), aber jeder Ton kam sauber.

Danach hatte Müller-Schott seinen Solo-Auftritt mit der „Suite für Violoncello solo Nr. 3 C‑Dur’(BWV 1009) von Johann Sebastian Bach, bei der er sein souveränes Können zeigen konnte. Gekonnt blockte er auch verfrühten Applaus nach jedem Tanzsatz ab, den er ganz dem immanenten Charakter entsprechend gestaltete und die deutlich hörbaren musikalischen Linien zu einem homogenen Ganzen zusammenführte,

Der meditative Charakter der „Abendmusik“ für Violoncello und Orgel von Peteris Vasks (*1947), die wie fast alle seiner Kompositionen kein Ende zu finden scheinen, gewann sehr durch das ansprechende Zusammenspiel der beiden mit gewaltigem Crescendo, bis das Stück endlich sein triumphales Ziel erreicht zu haben schien und doch noch weiterging – mit sehr sanften, geruhsamen, meditativen Klängen …

Aus „Sechs Stücke in kanonischer Form (op. 56) von Robert Schumann (bearbeitet für Violoncello und Orgel von Michel König) folgten noch vier, sehr eindrucksvoll gespielte Sätze und als Zugabe wieder etwas Peteris Vasks, hier wohltuend kürzer.

Zur Vielseitigkeit von „Cellomania“ gehörten auch Orchesterkonzerte mit dem Violoncello als Soloinstrument, unter anderem das Orchesterkonzert-JAN VOGLER & hr‑SYMPHONIEORCHESTER im Kulturpalast (22.5.), Dirigent: Paavo Järvi. In gut ausgewogenem Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester meisterte der unermüdliche Jan Vogler trotz Organisationsstress bei der Leitung des Festivals auch noch den Solopart in Antonín Dvořáks „Konzert für Violoncello und Orchester h‑Moll“ (op. 104), dem Prüfstein für alle Cellisten, nicht routiniert, sondern ganz dem Moment und der Situation hingegeben.

Den ersten Satz musizierte er mit der gebotenen Energie und Frische, den zweiten besonders klangschön und mit lyrischem Empfinden und den Finalsatz mit seinem mitreißenden Ohrwurm-Thema wieder schwungvoll – und das alles mit seiner wunderbar waren und doch frischen Tongebung, Musikalität und Einfühlungsvermögen. Für den begeisterten Applaus bedankte er sich mit einer passenden Zugabe wie als Fortsetzung des Cellokonzertes.

Danach führte Järvi in andere Gefilde mit der seltener als andere Sinfonien Ludwig van Beethovens aufgeführten „Sinfonie Nr. 8“, vielleicht eine Idee zu schnell begonnen und allgemein den Kontrast zwischen kraftvollen, energiegeladenen Passagen und lyrischen stark forcierend (auch ein Zug unserer Zeit), aber „spritzig“ und mit Esprit. Das Orchester folgte seinen Vorstellungen exakt und gab unter seiner Leitung ebenfalls eine passende Zugabe.

Wieder im kammermusikalischen Bereich präsentierten „MARIE ELISABETH HECKER & PABLO FERNANDEZ“ im Palais im Großen Garten (24.5) zwei, temperamentmäßig sehr unterschiedliche Künstler der jüngeren Generation aus verschieden Ländern Europas, ihr Können mit Kompositionen ihrer Landsleute in einem gemeinsamen Konzert. Obwohl die Innenrestaurierung des Palais im Großen Garten nur bescheidene Fortschritte gemacht hat, erfreut es sich als Konzertsaal großer Beliebtheit.

Im ersten Teil ließ Marie Elisabeth Hecker mit ihrer legendären Ausdruckstiefe und traumwandlerischer Sicherheit die „Fünf Stücke im Volkston“ (op. 102) und die „Sonaten für Violoncello und Klavier Nr. 1 e‑Moll (op. 38) von Robert Schumann gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Pianisten Martin Helmchen, am Klavier erstehen, teils stark akzentuiert, teils lieblich lyrisch und gefühlvoll, sehr gut phrasiert, sehr gut aufeinander eingestellt und mit perfekten Einsätzen, wobei sich auch hier das Problem des offenen Flügels bemerkbar machte, dessen Lautstärke sich vor allem im Forte und besonders im Diskant in den Vordergrund „drängte“, aber welcher Pianist möchte schon mit nur halb geöffnetem oder ganz geschlossenem Flügel spielen? Optisch wirkt der offene Flügel zweifellos schöner, aber akustisch kann ein Cello mit seiner naturgemäß leiseren Tongebung da mitunter nur schwer „konkurrieren“.

Geschmeidig, in ausgewogenem Zusammenwirken, herzhaft, lebhaft und liebenswürdig folgten die „Sonaten für Violoncello und Klavier Nr. 1 e‑Moll“ (op. 38) und Nr. 2 F‑Dur“ (op. 99) von Johannes Brahms.

Mit melodischem Klopfen auf seinem Cello stimmte Pablo Ferrández, dem die „Anziehungskraft eines Popstars“ nachgesagt wird, die „Siete canciones populares españolas“ von Manuel de Falla (Bearbeitung: Maurice Marechal) ein, die mit seinem spanischen Temperament und dem sehr einfühlsam am Klavier mitwirkenden Julien Quentin als sehr gut eingespieltes Team in einer sehr lebhaften Interpretation, mit lieblichen, gefühl- und genussvollen Passagen, leichter Melancholie, feinem Pizzicato auf dem Cello und vor allem flotten, teilweise gewaltigen, Temperamentsausbrüchen zum „Ohrwurm“ wurde, der in einer lyrisch-elegischen Zugabe noch eine kleine Fortsetzung fand.

1972 wurden „DIE 12 CELLISTEN DER BERLINER PHILHARMONIKER“ gegründet, ein „Orchester aus dem Orchester“, das jetzt seinen 50. Geburtstag feiert und alle Stimmen eines Orchesters ersetzen kann. Seit den Anfängen hat sich einiges verändert, nicht nur hinsichtlich eines kontinuierlichen Generationswechsels, sondern auch bei der Programmgestaltung und der Frauenquote. Jetzt sind es nicht mehr 12‑Cellisten, sondern „11 +1“ (11 Cellisten und 1 Cellistin). Den Namen, ihr Markenzeichen, sollten sie aber deshalb nicht in „Die 12 Cellist*inn*en“ oder so ähnlich ändern.

Beim Generationswechsel versuchen die Älteren „das Gute weiterzutragen“, das Geheimnis eines guten Zusammenspiels und ihre Erfahrungen an die Jüngeren weitergeben, wie der unter anderem auch moderierende “Chef“ bemerkte, der später in seiner „Doppelfunktion“ auch einen kurzzeitigen Instrumenten-Ausfall moderierend überbrückte.

Bei ihrem sehr gut besuchten Konzert im Kulturpalast (23.5.) mit 12 sehr verschiedenartigen Kompositionen aus ihrem sehr umfangreichen Repertoire boten die 12 Cellisten eine sehr abwechslungsreiche, gut zusammengestellte Programmfolge, die sie mit spätromantischem Wohlklang, dem von 12 singenden“ Celli gespielten, „Hymnus“ für zwölf Violoncelli“ von Julius Klengel (1859-1933) zur Erinnerung an den Gründer ihres Ensembles eröffneten. In ganz anderem Wohlklang folgte die fünfsätzige „Aubade“, ein Auftragswerk der 12 Cellisten an Jean Francaix, bei dem in die erwartungsvolle Stille vor Beginn die Klingeltöne eines Hanys für Irritation sorgten, ob diese Töne eventuell schon zum Stück gehörten, schließlich ist man so manches schon gewohnt, aber hier prägten neuere Harmonien das Werk, die Möglichkeiten der 12 Cellisten voll ausreizend.

Danach hatte das 20. Jahrhundert mit seinen sehr unterschiedlichen Facetten das Primat. Werke der verschiedensten, bekannten und unbekannten Komponisten wechselten in bunter Folge und verschiedenen Arrangements oder auch original einander ab. Von John Williams gab es einen kurzen Satz: „Catch Me if You can“ mit „schrägem“ Solo und einigen Extras wie Fingerschnipsen und neckischem Schlussschwänzchen und von Nino Rota geschmeidige, „verliebte“ Klänge in „La Strada“. George Gershwin war mit „Clap Yo‘ Hands“ vertreten, temperamentvoll und dynamisch, feiner, eleganter Jazz, wohingegen „Caravan“ von Juan Tiziol/ Duke Elllington furios, laut, dynamisch und derb sehr intensiv den Raum erfüllte.

Brett Dean sorgte, sehr „modern“ mit „Twelve Angry Men“, eigenartiger Musik mit Solo nach klassischen Vorbild über „brummendem“ Grundton, gezupft, gestrichen, „geschabt“ und auch wieder gewinnend, das heißt alle Möglichkeiten technisch und klanglich ausreizend, für Abwechslung. Bei Henri Bourtayres „Fleur de Paris“ ging es schwung- und lebensvoll zu, wie das Pariser Leben, schnittig und liebenswürdig, wobei alle 12 Cellisten sehr einträchtig spielten, kurz aber oho, wie auch bei dem melodischen „Sous le ciel de Paris“ von Hubert Giraud. Mit „Don Agustín Bardi“ von Horazio Salgán kam Tangorhythmus ins Bild und mit “Die 12 in Bossa Nova“ von Wilhelm Kaiser-Lindemann wieder ein anderer „Sound“, gestrichen, „geschabt“, rhythmisiert und elektrisiert.

Astor Piazzolla setzte mit „ Fuga y misterio“, zunächst getragen wie eine Fuge von J. S. Bach, dann aber zum Schluss mit Händen und Füßen, sehr rhythmisch und mit Überraschungseffekten den Schlusspunkt auf das kontrastreiche, abwechslungsreiche Programm mit Schwerpunkt „gepflegte Unterhaltung, die beim internationalen Publikum immer ankommt, das heißt noch nicht ganz, denn das Publikum erbat bzw. erklatschte sich noch drei Zugaben, bunt wie das Programm, eine „zeitgemäße“ mit durchgehendem Rhythmus, Glissandi und rhythmischer Klangfülle, allmählich in Harmonie übergehend, eine zweite, motorisch, mit Humor und Pfeifen im Rhythmus, und da aller guten Dinge drei sind, ging das Publikum glücklich mit dem Beatles-Song „Yesterday“ im Ohr nach Hause.

Die „LANGE NACHTR DES CELLOS“ im Kulturpalast (26.5.) machte ihrem Namen alle Ehre. Statt der angekündigten 4,5 Stunden wurde das zahlreich erschienene Publikum mit fast 5,5 Stunden erlesener Musik für Cello solo und in den verschiedensten Formationen verwöhnt, so abwechslungsreich, dass keine lange Weile oder gar Überdruss aufkommen konnte. Es wurde niemandem zu viel, alle blieben sehr aufmerksam und diszipliniert bis zum Schluss, um einen üppigen Strauß breitgefächerter Kompositionen verschiedenster Stilepochen von Spitzencellisten und Weltstars, erfahrenen und aufstrebenden jungen Künstler*innen in den unterschiedlichsten Formationen vom Cello solo über Duo, Trio, Quartett, Quintett, Sextett usw. bis zum Orchester aus 17 Celli mit Dirigent zu erleben – mit und ohne Klavierbegleitung, die der sehr wandlungsfähige, in allen Stilrichtungen firme und sich auf alle Cellist*innen in ihrer individuellen Art einstellende Julien Quentin übernommen hatte.

Wer kennt die Länder, nennt die Namen, die alle hier zusammenkamen? Bekannt sind sie alle, schon durch ihre Meisterschaft: Jan Vogler, Mischa Maisky, Sol Gabetta, Daniel Müller-Schott, David Geringas, Pieter Wispelway, Marie Elisabeth Hecker, Pablo Ferrández, Zlatomir Fung, Harriet Krijgh und und und …

Hier starteten die 31, äußerst vielseitigen „Programmnummern“ ebenfalls mit dem wohlklingenden „Hymnus“ von Julius Klengel, den man immer wieder gern hört, ganz gleich wie oft, ebenso schön gespielt wie von den Berlinern von 12 Cellisten der insgesamt 17, „inclusive“ 3 Frauen, die diesen Abend gestalteten. Cellisten sind „sehr vernünftige Leute, kollegial und oft freundschaftlich verbunden, so dass sie in allen möglichen Formationen auftreten können, auch generationenübergreifend und über alle Grenzen der Welt hinweg.

Es war alles vertreten von Altmeister Miklós Perényi, der versunken, sehr innig mit unnachahmlich fein nuanciertem Klang und außergewöhnlicher Musikalität Chopin spielte, bis zur begabten Sechzehnjährigen, alle mit sehr unterschiedlichen Ambitionen, Technik, Temperament und Persönlichkeit, jeder auf seine Art überzeugend, von sanftem, gefühlvollem bis zu kraftvollem, temperamentgeladenem Spiel und hohen virtuosen Ansprüchen, vom alten Meisterinstrument bis zum (hier nicht unbedingt passenden) Elektro-Cello. Die Skala der Kompositionen aus aller Herren Länder reichte von Bach bis zur Moderne, wobei auffiel, dass jüngere Komponisten (Jahrgang 1984) auch schon wieder sehr melodisch im Stil der Suiten für Violoncello solo von J. S. Bach komponiert haben.

Zum Gedenken an einen amerikanischen Cellisten wurde von Jan Vogler und Freunden das getragene, melodiöse „Requiem“ von Daniel Popper aufgeführt und in memoriam Udo Zimmermann Teile aus einer seiner Kompositionen.

Für jeden Geschmack war etwas dabei, jeder fand, was er suchte, aber die meisten beeindruckte die Vielfalt. Höhepunkte nach Mitternacht waren der gemeinsame Auftritt des 17köpfigen Cellisten-Orchesters mit Dirigent und ein Soloauftritt von Mischa Maisky, der auch schon in anderen Gruppierungen mitgewirkt hatte.

Er war am nächsten Abend bei „MÜNCHENER KAMMERORCHESTER UND MISCHA MAISKY“ im Kulturpalast (27.5.) noch einmal zu erleben. Mit seinem warmen, weichen, immer „singenden“ Ton, seinem Markenzeichen, bestritt er den ersten Teil des Konzertes und begann mit dem kapriziös gespielten „Nocturne d‑Moll“ (op. 19/4) von Peter Tschaikowsky, das er attacca in das hinreißend klangvoll musizierte „Kol Nidrei“ für Violoncello und Orchester nach hebräischen Melodien (op. 47) (arr. für Streichorchester) von Max Bruch übergehen ließ. Feinsinnige Streicher übernahmen seine Intentionen – ein „Bad“ in Klangschönheit.

Ebenfalls ein musikalischer Hochgenuss war das „Konzert für Violoncello und Orchester „Nr. 1 a‑Moll“ (op. 33) von Camille Saint-Saens mit ihm als Solist, sehr vital, mit singendem, klingendem Cello musiziert und begleitet vom Münchner Kammerorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten, des jungen vielversprechenden Clemens Schuldt. Mit einer hinreißend schön gespielten Zugabe für den enthusiastischen Applaus, dem „Schwan“ aus dem „Karneval der Tiere“ von Saint-Saens, fein „ziseliert“, „schmelzend“ und „getupft“, bekrönte er seinen Auftritt.

Danach gehörte der Abend dem Orchester mit Felix-Mendelssohn-Bartholdys „Sinfonie Nr. 4 A‑Dur (op. 90), der „Italienischen“, überwiegend heiter, im zweiten Satz nachdenklich, ein wenig melancholisch, meist, schwungvoll, energisch, vital, wie aus einem Guss und mit guten Bläsern gespielt, Mendelssohns Intentionen nachspürend.

 „Aus der Seele muss man spielen“ war das Credo Carl Philipp Emanuel Bachs, der zu Lebzeiten als der „große Bach“ galt und berühmter war als sein Vater Johann Sebastian. Bei „ALTSTAEDT – MOREAU – WISPELWEY – LA FOLIA BROCKORCHSTER“ (29.5.) in der Annenkirche widmeten sich drei Cellisten unterschiedlicher Generationen drei seiner „Konzerte für Violoncello und Basso continuo“.

„Locker“, mit Vehemenz und jugendlichem Schwung begann der junge, auf Technik und äußerliche „Showeffekte“ bedachte (leicht „flippige“) Nicolas Altstaedt mit dem Konzert in a‑Moll (Wq 170), vom La Folia Kammerorchester stilvoll, mit barocker Stufendynamik unter der Leitung seines Ersten Konzertmeisters Robin Peter Müller, der sich auf Barockklang versteht, begleitet.

Das „Konzert B‑Dur (Wq 171) war bei Edgar Moreau in den besten Händen. Sehr konzentriert, ganz auf sein Instrument orientiert widmete er sich seinem Spiel und der Musik des „galanten“ Bach. Mit sehr schönem, „singendem“ vollklingendem Ton und Werkverständnis begeisterte er die aufmerksamen Zuhörer, und auch das Orchester blühte klanglich auf.

Spielerisch, leicht und locker, frisch und klangvoll, auch mit Äußerlichkeiten, aber souveräner Meisterschaft und großer Kantilene (2. Satz) spielte Senior Pieter Wispelwey das „Konzert A‑Dur (Wq 172). Als Einziger brillierte er mit einer Zugabe von Johann Sebastian Bach für Violoncello solo scheinbar mühe- und schwerelos.

Mit dem „MEISTERKURSKONZERT“ im Palais im Großen Garten (31.5.) in Kooperation mit der Hochschule für Musik“ Carl Maria von Weber“ Dresden fand die „Cellomania 2.0“ noch einen weiteren Höhepunkt und guten Abschluss, aber noch nicht die Musikfestspiele, die noch bis zum 10.  Juni eine Vielzahl an interessanten Konzerten bieten.

Im „Meisterkurskonzert“ konnten die Teilnehmer*innen der Meisterkurse (27. ‑ 31.5.) ihr Können mit zum Teil sehr anspruchsvollen Stücke für Cello solo oder mit Klavierbegleitung von Robert Volkmann, Johannes Brahms, Sergej Rachmaninow, Aram Khatschaturian, Krzysztof Penderecki, György Ligeti, mehrmals Sergei Prokofjew und auch weniger bekannten Komponisten präsentieren. Sogar Gaspar Cassadó stand auf dem Programm, der sein virtuoses cellistisches Können in eigenen Kompositionen fixiert hat.

Allgemein überraschte das hohe Niveau der jungen Künstler, wobei die Palette von vorwiegend technisch versiert bis zu klanglich und gestalterisch bereits sehr reifen Leistungen reichte, ein Ergebnis intensiver dreitägiger Arbeit der Dozenten, drei renommierter Meister ihres Faches: David Geringas, Ivan Monighetti und Miklós Perényi, die das Beste aus ihren reichen Erfahrungen weitergeben. Bei diesen erstaunlichen Leitungen muss man um die Zukunft des künstlerischen Cellospiels nicht bangen.

Ingrid Gerk

 

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