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DRESDEN/ Kulturpalast: MAREK JANOWSKI MIT DER DRESDNER PHILHARMONIE IN „GRENZBEREICHEN DER MUSIK“ BEI MOZART UND SCHÖNBERG

23.04.2021 | Konzert/Liederabende

Dresden / Konzertsaal im Kulturpalast: MAREK JANOWSKI MIT DER DRESDNER PHILHARMONIE IN „GRENZBEREICHEN DER MUSIK“ BEI MOZART UND SCHÖNBERG – 22.4.2021

 Wolfgang Amadeus Mozart und Arnold Schönberg sind für jeden Musikfreund ein Begriff und werden – bewusst oder unbewusst – sofort einer entsprechenden „Schublade“ zugeordnet. Für dieses Konzert der Dresdner Philharmonie, das am 19.4. im Konzertsaal des Kulturpalastes aufgenommen und (Corona-bedingt) leider wieder nur als Radiokonzert (MDR Kultur) am 22.4. gesendet werden konnte, hatte Chefdirigent Marek Janowski – entsprechend Lockdown – zwei Werke mit kleiner Besetzung, aber großer Wirkung ausgewählt, die den Blick bei beiden Wiener Komponisten auf „Grenzbereiche der Musik“ lenken und trotz ihrer Gegensätzlichkeit eines gemeinsam haben, sie überschreiten die traditionellen Grenzen der bis dahin geltenden Formen.

Für ein sehr kleines, nur fünfköpfiges „Orchester“, besser Kammerensemble, bestehend aus Klavier, Flöte, Klarinette, Geige und Violoncello, und eine, zwischen Gesang und Sprache changierende, Sprechstimme schuf Arnold Schönberg 1912 sein Melodrama „Pierrot lunaire“ (op 21), als er gerade aus Wien nach Berlin übergesiedelt war und ihm die Schauspielerin (Diseuse) Albertine Zehme Albert Girauds „Pierrot lunaire“, zur Vertonung als Vortragstext in Auftrag gab. Er war sofort begeistert und widmete ihr dann sein Werk „in herzlicher Freundschaft“.

Mit der Vertonung dieser 21 Gedichte in drei Teilen um den exzentrischen, unglücklich verliebten, traurigen Melancholiker Pierrot, eine Figur der Commedia dell’arte, der nur den Mond als seinen einzigen, wirklichen Freund anhimmelt und damit zur Symbolgestalt für Exaltationen aller Arten wird, zur Karikatur auf die Menschheit mit ihren dunklen Gedanken im Unterbewusstsein (entsprechend Freuds Psychoanalyse, die damals gerade sehr aktuell war), schuf Schönberg ein Werk, das noch nicht in Zwölftontechnik (die er erst später entwickelte), aber bereits atonal und fern aller formaler Modelle, nach seinen Tagebuchaufzeichnungen die „Entthronisierung der Tonalität“ und „Emanzipation der Dissonanz“ war, einen Höhepunkt in seiner expressionistischen Kompositionsperiode. Waren frühere Aufführungen noch umstritten, so dass sie 1913 im Prager Rudolfinum zu einem Konzertskandal führten, der für Schönberg zeitlebens zu einer schreckhaft-traumatischen Erfahrung wurde, gilt das Werk heute als ein Schlüsselwerk der Moderne.

Für jedes der streng geformten 21 Gedichte in drei Teilen mit Titeln wie unter anderem „Mondestrunken“, „Colombine“, „Der Dandy“, „Der kranke Mond“, „Nacht“, Gebet an Pierrot“, „Raub“, „Galgenlied“, „Enthauptung“, „Die Kreuze“, „Heimweh“, „Gemeinheit“, „Parodie“, „Der Mondfleck“,“ Heimfahrt“ usw., die nichts Gutes verheißen, setzt Schönberg eine andere Klangfarbe ein, die die Musiker der Philharmonie in hingebungsvoller, feiner Differenzierung ausmusizierten.

Die Mezzosopranistin Christel Lötzsch interpretierte die Gedichte vorwiegend in eher traditionellem, theatralischem Parlandoton, wie er den Melodramen der Romantik entspricht, aber auch mit heutiger Diktion und Dramatik und mit Gestik (von der man im Rundfunk nur durch den Moderator erfuhr), aber nicht unbedingt modern und andersartig in dem Sinn, wie es Schönberg und der Vortragskünstlerin von damals vorgeschwebt haben mag, und leider auch wenig textverständlich, wo es doch hier sehr auf die Texte ankommt. Die Tontechnik hatte den Fokus auf die dominierende Sprechstimme gerichtet, so dass das farbig reichhaltige Spiel der Instrumentalisten von kraftvoll bis sensibel mehr im Hintergrund blieb und oft nur kurz zwischen den Texten zur Geltung kam. Man vermisste etwas das kongeniale Miteinander von Text und instrumentaler Untermalung.

In eine ganz andere Welt führt Mozarts „Serenade Nr. 10 B‑Dur für zwölf Bläser und Kontrabass“ (KV 361), die „Gran Partita“. Schon allein mit sieben Sätzen (was an die Suiten und Partiten der Barockzeit erinnert), einer Länge, die alle seine Sinfonien übertrifft und 50 Minuten Spieldauer wird hier der Typ der Wiener Serenaden mit nur 13 Instrumenten geradezu ins Monumentale gesteigert. Mit lieblichen, eingängigen, aber auch kernigen Klängen, und großer Inspiration und Gedankentiefe zaubern zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Bassetthörner, vier Waldhörner, zwei Fagotte und Kontrabass eine Klangwelt, die nicht nur in dieser Kategorie ihresgleichen sucht.

Leicht anzuhören, gefällig und einschmeichelnd, aber alles andere als leicht zu spielen, ist diese anspruchsvolle Serenade, vor allem, wenn sie so leicht und locker klingen soll, wie man sie kennt und liebt. Die einzelnen Bläser werden mit Ausnahme der beiden Menuette bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gefordert. An Gedankentiefe und Inspiration ist sie Mozarts letzten Sinfonien und sogar seinem Requiem ebenbürtig.

 Die Dresdner Philharmonie hatte schon immer besonders gute Bläser, auch jetzt. Sie verstanden es, diese Leichtigkeit hervorzuzaubern, ohne dass man irgendeine Anstrengung hätte gewahr werden können. Sie muszierten in sehr schönem Zusammenspiel, ohne die kleinste Unstimmigkeit, ausgesprochen klar und klangschön, mit Temperament und Spielfreude, abwechslungsreich, jeden Satz mit eigenem Charakter, lyrisch oder temperamentvoll und vor allem mit entsprechendem musikalischem Verständnis. Die Musik schien ihnen in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Sie ließen keine Wünsche offen und gaben Mozarts Intentionen an die (am Radio) glücklich Zuhörenden weiter.

 Ingrid Gerk

 

 

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