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DRESDEN/ Kreuzkirche: "WEIHNACHTSLIEDERABEND“ MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR

10.12.2017 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kreuzkirche: „WEIHNACHTSLIEDERABEND“ MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR 9.12.2017

Wenn in Dresden vor der Kreuzkirche lange Menschenschlangen stehen, dann singt der Dresdner Kreuzchor. Wenn die Schlangen besonders lang sind, dann wird entweder Bachs „Weihnachtsoratorium“ aufgeführt oder es findet der alljährliche, außergewöhnlich beliebte „Weihnachtsliederabend“ statt, der für viele der Inbegriff des Kreuzchores ist.

Was viele renommierte Künstler mit vielversprechenden Worten erreichen möchten, d. h. auch die Menschen in Oper oder Konzert „zu locken“, die bisher nicht zum (Stamm‑)Publikum gehörten, das hat der Kreuzchor mit seinen Weihnachtsliederabenden schon längst erreicht. Man konnte es schon allein daran erkennen, dass bereits nach dem ersten Chorsatz applaudiert wurde, weshalb sich Kreuzkantor Roderich Kreile an das Publikum wandte und bat, mit dem Applaus bis zum Schluss zu warten, wofür er (vom Stammpublikum) – Applaus (!) erhielt.

Beim Einzug der Kruzianer durch die Kirche zum Altarraum tragen jetzt die Jüngsten Kerzen in den Händen, eine Geste, die auch dazu beiträgt, Menschen, die sonst nichts mit „klassischer“ Musik im Sinn haben, dafür zu begeistern. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…“ hieß es am Beginn des als Chorsatz arrangierten Volksliedes, dessen ursprüngliche Schlichtheit durch das Arrangement romantisch ausgeziert wurde, aber die Kirchentüren mussten geschlossen bleiben, sonst wären noch viel mehr Menschen in die ohnehin bis auf den letzten Platz gefüllte Kreuzkirche „geströmt“.

Danach erklangen, vom Kreuzchor sehr klangschön und sauber gesungene Chorsätze und weihnachtliche Lieder, die bekannten, schon oft gesungenen, und – wie jedes Jahr – auch wieder „neue“, unbekannte bekannter und unbekannter Meister. Von Felix Mendelssohn-Bartholdy wurden zwei „Sprüche“: „Advent“ und „Weihnachten“ aus „Sechs Sprüche(op. 79) aufgeführt, von Max Reger das mit besonderer Feinheit, die erste Strophe von zarten Knabenstimmen, die zweite vom sanften, gemischten Chor und die dritte mit kraftvoll einsetzenden (Jung‑)Männerstimmen gesungene und am Schluss wieder sehr zart ausklingende  „Unser lieben Frauen Traum“, gefolgt von dem ebenso feinfühlig gesungenen „Ave Maria“ von Anton Bruckner und „Ave Maris Stella „ von Edvard Grieg, das mit seinem ganz anderen Charakter Farbe ins Bild bzw. den Klang brachte.

Nicht nur die Freunde der altbekannten und beliebten Weihnachtslieder konnten sich außerdem an den, zum Volksgut gewordenen Advents- und Weihnachtsliedern aus dem 16./17. Jh. erfreuen, wie dem im Original gesungenen „Übers Gebirg Maria geht“ von Johannes Eccard, „Wie schön singt uns der Engel Schar“ von Cornelius Freund, „Freut euch und jubilieret“ von Sethus Calvisus, „Jerusalem gaude gaudio magno“ von Christoph Demantius und dem schlicht und klangschön gesungenen „Es ist ein Ros entsprungen“ von Michael Prätorius oder in kunstvoll arrangierten Chorsätzen wie „Maria durch ein‘ Dornwald ging“, „In dulci jubilo“, dem freudig „jubilierend“ wiedergegebenen „Wie schön singt uns der Engel Schar“ sowie „Kommet, ihr Hirten…“ und „Ihr Kinderlein kommet“, beide strophenweise von zarten, reinen Knabenstimmen und danach vom Chor sehr dezent und schließlich kräftig gesungen.

 Das besondere „Schmankerl“, der „Solo-Auftritt“ eines Kruzianers (noch) mit Sopranstimme, sollte auch hier nicht fehlen. In „Lasst uns lauschen“ (im liebevoll gestalteten Satz von Ulrich Schicha, einem ehemals amtierenden Kreuzkantor) hatte ein Knabensopran mit schon sehr sicherer, erstaunlich kräftiger Stimme und schöner, klarer Höhe den „Solopart“ übernommen und begeisterte die vielen Besucher, dezent und zurückhaltend von „seinem“ Chor begleitet.

 Der zarteste und innigste Choral aus dem „Weihnachtsoratorium“ von J. S. Bach „Ich steh an deiner Krippen hier“ ergänzte in schöner Weise das geschmackvoll arrangierte, abwechslungs-und farbenreiche Programm mit weihnachtlicher Musik aus mehreren Jahrhunderten.

Was bei einem Weihnachtsliederabend nicht fehlen darf und worauf viele heimlich warten, beschloss diesen niveauvollen Abend: das beliebteste aller Weihnachtslieder „Stille Nacht, heilige Nacht“ von Franz Gruber, das aus Oberndorf bei Salzburg um die Welt ging.

Zurzeit gibt es im Chor, besonders bei den Knabensopranen, sehr schöne, sichere Stimmen, die trotz aller Kunstfertigkeit, Klarheit und Transparenz noch natürlich wirken und mit schönem, vollem Klang den Liedern und Chorsätzen zu großer Wirkung verhalfen.

Kreuzorganist Holger Gehring steuerte die viersätzige „Pastorella in F“ von J. S. Bach bei, die bei seiner Wahl lieblicher Register besonders feinsinnig zur Geltung kam und den weihnachtlichen Charakter des Abends unterstrich. In einer Bearbeitung für Orgel (Edwin H. Lemare) aus „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck erfreute er die Besucher mit „Engelsszene“, wie von einer hübschen Spieldose gespielt, Sandmännchen“, bei dem man förmlich den Sand rieseln hörte, sowie „Abendsegen und Traumpantomime“ und ließ es leise und verhalten ausklingen, eine Gelegenheit, die Vielseitigkeit und Palette an Ausdrucksmöglichkeiten einer Orgel anhand einer speziellen Seite vorzustellen.

Es war ein abwechslungs- und farbenreicher „Weihnachtsliederabend“ der besonderen Art unter der Leitung von Roderich Kreile, „volkstümlich“ und trotzdem auf sehr hohem Niveau. Er brachte nicht nur manchem etwas, sondern wurde allen mit ihren Ansprüchen, Wünschen und Hoffnungen gerecht, den Musikliebhabern, den Freunden des kunstvollen A‑capella-Chorgesanges und denen, die den alten, vertrauten Weihnachtsliedern wiederbegegnen und an die Glückseligkeit ihrer Kindheit erinnert werden wollten, um es auch an Kinder oder Enkel weiterzugeben. Dieser „Weihnachtsliederabend“ vermittelte eine beschauliche Weihnachtsstimmung und brachte allen die hohe Kunst des guten Chorgesanges auf sehr angenehme Weise nahe.

 Ingrid Gerk

 

 

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