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DRESDEN/ Kreuzkirche: MATTHÄUSPASSION VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR

17.04.2017 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kreuzkirche: MATTHÄUSPASSION VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR 14.4.2017

Die Aufführung der „Matthäuspassion“ von J. S. Bach gehört seit Jahrzehnten zur Tradition des Dresdner Musiklebens. Unter den Aufführungen an verschiedenen Orten in und um Dresden nimmt die Kreuzkirche den zentralen Platz ein.

Traditionell ist hier nicht nur die immer wiederkehrende Mitwirkung der Dresdner Philharmonie bei den Aufführungen der großen Oratorien und Passionen, sondern auch die immer wieder neu begründete Qualität. Dresdner Kreuzchor und Philharmonie bilden seit Jahrzehnten im wahrsten Sinne des Wortes ein eingespieltes Team und zugleich die Grundlage und Garantie für eine gute Aufführung, obwohl die jungen Sänger jährlich wechseln und der Kreuzchor immer wieder neu formiert werden muss und bei der Philharmonie naturgemäß kontinuierlich eine „Erneuerung“ und „Verjüngung“, wenn auch in größeren Abständen, stattfindet.

Der Kreuzchor verfügt zurzeit über schöne Stimmen und war bestens einstudiert. Vor allem in den relativ rasch, aber nicht übereilt, genommenen, von Bach barock umrankten und doch so ernsthaften Chorälen bot er ein ausgeglichenes Klangbild und in manchen Chören auch beeindruckende dramatische Präsenz. Wenn auch der überaus dramatische Chor „Sind Blitze, sind Donner …“ zunächst etwas zaghaft begann, schwangen sich die jungen Sänger doch bald zu der erforderlichen Dramatik auf, die dann auch dem ideal interpretierten Chor „Weissage uns, Christe, wer ist es, der dich schlug …“ mit dem anschließenden wieder besänftigenden Choral „Wer hat dich so geschlagen …“ Ausdruckskraft verlieh. Am Ende der Passion steigerten sie sich gemeinsam mit der Philharmonie zu dem überwältigend dargebotenen Chor „Wir setzten uns mit Tränen nieder …“, bei dem sich die Philharmoniker förmlich ins Ideale steigerten.

Die Musiker spielen mit sehr wenigen Ausnahmen auf modernen Instrumenten und ohne historisch orientierte Aufführungspraxis, verleihen aber jeder Aufführung mit ihrer Wiedergabe Vitalität und Wärme (im Gegensatz zu manch „trockener“ Wiedergabe manches Kammerorchesters mit historischer Aufführungspraxis). Bei Musik kommt es weniger auf die Theorie, als vielmehr auf eine lebendige Wiedergabe an, die sich die Philharmoniker angelegen sein lassen. Sie haben nicht zuletzt durch ihre zahlreichen Mitwirkungen bei den Kreuzchoraufführungen die Musik J. S. Bachs verinnerlicht und das richtige Gespür dafür, so dass sie mit ihrem persönlichen Engagement die Zuhörer unmittelbar mitnehmen in diese geistige Welt. 

Bei jeder Aufführung sorgen einzelne Mitglieder der Dresdner Philharmonie auch für besonders schöne Instrumentalsoli bei der Arien-Begleitung, wie Soloflöte und Gambe, das einzige alte Instrument, das auch im Continuo eingesetzt war. Mit einem hinreißenden, souveränen und geschmeidigen Violinsolo begleitete der 1. Konzertmeister, Wolfgang Hentrich, die Alt-Arie „Erbarme dich …“ klang- und gefühlvoll, wie sie besser nicht vorstellbar ist und wohl allen zu Herzen ging. Beide, Altistin und Geiger gestalteten diese Arie auf sehr hohem Niveau.

Das Solistenensemble war weitgehend mit bewährten Oratoriensängerinnen und -sängern besetzt, die sich zwar mit unterschiedlicher Intensität, Timbre und Können ihren Aufgaben widmeten, aber alle bestrebt waren, ihre Partie nach Kräften bis ins Detail nach den besten Vorbildern und aufführungspraktischen Erkenntnissen und -erfahrungen optimal zu gestalten.

Der in Deutschland lebende Tenor mit türkischen Wurzeln Ilker Arcayürek wurde zwar als indisponiert angekündigt, meisterte aber die Evangelisten-Partie mit seiner guten Gesangstechnik bis zum Ende mit schöner Klarheit und guter Textverständlichkeit, auch zuweilen als lebhafte Erzählung mit entsprechender Dramatik, aber immer in angemessenen Grenzen. Er „zelebrierte“ den Tod Jesu in sehr beeindruckender Weise, so dass die anschließende Generalpause mit längerer Stille die Passion zum Greifen nahe brachte. Lediglich gegen Ende machten sich bei ihm aufgrund der Indisposition kleine Intonationstrübungen bemerkbar, die aber den positiven Gesamteindruck seiner profilierten Interpretation kaum beeinträchtigen konnten.

Die Sopranpartie lag in den Händen von Julia Sophie Wagner, die an dieser Stelle mit ihrer akribisch sauberen Gesangstechnik, einschließlich sehr sauberen Verzierungen (wenn auch etwas kühl) schon oft überzeugte. Hier schien sie wenig Kraftreserven zu haben, bewältigte aber ihre Partie trotzdem (mit etwas Anstrengung) und fand zu schöner Kongenialität mit der Altstimme von Henriette Gödde im Duett „So ist mein Jesus nun gefangen …“

Henriette Gödde gestaltete mit sehr schöner, dunkel timbrierter Stimme die umfangreiche Altpartie, einschließlich der großen Arien, scheinbar mühelos in sehr ansprechender, einfühlsamer Weise und in schöner Einheit mit dem Orchester.

Die Partie des Jesus sang der Bassist Julian Orlishausen sehr kultiviert, mit sehr guter Phrasierung und vor allem Würde. Er wurde der Akustik der großen Kreuzkirche (Dresdens größter Kirche) gerecht und hielt die Balance zwischen Menschsein und göttlichem Auftrag, verklärend und doch gegenwärtig.

Rafael Fingerlos versuchte mit den kleinen Rollen wie Pilatus, Judas, Petrus und vor allem mit den großen Arien an die exemplarische Gestaltung seiner Vorgänger, die gerade an dieser Stelle immer wieder Bewundernswertes leisteten, anzuknüpfen, was ihm jedoch nicht immer ganz gelang. Er sang die Arien weitgehend richtig, wenn auch mitunter nicht ganz intonationsrein und vor allem zu zurückhaltend, so dass er bei der klangschönen, lautstärkemäßig nicht übertriebenen Orchesterbegleitung nicht immer gut zu hören war, was sich aber noch ändern kann, denn gute Ansätze und der gute Wille waren durchaus vorhanden.

Die beiden falschen Zeugen wurden von zwei Kruzianern exakt, aber doch stimmlich etwas zu zart gesungen und konnten nicht ganz den Eindruck der bewussten Verleumdung erwecken. Für ihre persönliche Entwicklung dürften solche kleinen Auftritte jedoch von Vorteil sein, um auch auf diesem Wege sängerische Erfahrungen zu sammeln. Das Publikum ist jedenfalls immer sehr empfänglich für die Knabenstimmen, auch wenn sie für die Dramaturgie der Passion doch etwas zu wenig waren. Die beiden, etwas älteren Kruzianer konnten sich da als Pontifex I und II schon eher behaupten.

Die Gesamtleitung dieser im Allgemeinen sehr qualitätsvollen und beeindruckenden, ungekürzten Aufführung lag in den Händen von Kreuzkantor Roderich Kreile.

 

Ingrid Gerk

 

 

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