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DRESDEN/ Kreuzkirche: IN BEWÄHRTER TRADITION: „WEIHNACHTSORATORIUM“ VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR

13.12.2015 | Konzert/Liederabende

Dresden/Kreuzkirche: IN BEWÄHRTER TRADITION: „WEIHNACHTSORATORIUM“ VON J. S. BACH MIT DEM DRESDNER KREUZCHOR 12.12.2015

Jahr für Jahr erfreut sich J. S. Bachs „Weihnachtsoratorium“, speziell die Kantaten I – III, in der Vorweihnachtszeit größter Beliebtheit und wird deshalb an vielen Orten und in verschiedenen Varianten geboten. Der Dresdner Kreuzchor bleibt sinnvollerweise bei seiner guten, jahrzehntelangen Tradition und führt die ersten drei Kantaten (dreimal) vor und die Kantaten IV – VI (einmal) nach Weihnachten auf. Gute Traditionen müssen nicht umgestoßen werden, wenn sie den Traditionsbewussten entgegenkommen und auch die jüngere Generation sehr ansprechen.

Auf die längste Tradition in der Zusammenarbeit mit dem Dresdner Kreuzchor kann wohl die Dresdner Philharmonie zurückblicken. Sie hat mit Abstand auch die meisten Aufführungen im wahrsten Sinne des Wortes mitgestaltet. Ihr Engagement ist immer groß. Die Musiker sind jedes Jahr gleich motiviert, obwohl immer wieder neue Generationen von Orchestermitgliedern mitspielen. Die Qualität ist unvermindert hoch, die Instrumental-Soli zwar unterschiedlich, aber immer wieder faszinierend, manchmal schöner, als man es sich im Idealfall vorstellt.

Mit kräftigem Paukenwirbel, der sich aber in den Gesamtklang einfügte, begannen die Mitglieder der Philharmonie wie immer in der Balance zwischen warmem, schönem Klang und aufmunternder Frische, die sie auch während der gesamten Aufführung beibehielten. Die Musiker stimmten sich wie immer sehr gut aufeinander ab. die Trompeten verliehen der Aufführung festlichen Glanz und die „Sinfonia“ (Kantate II) war in ausgewogenem Tempo ein wirkliches Wiegenlied. Da stimmte einfach alles.

 Trotz großer Beanspruchung während der Weihnachtszeit verfügte der Kreuzchor über einen sehr guten, ausgewogenen und eindrucksvollen Gesamtklang, speziell bei den in gut gewähltem Tempo gesungenen Chorälen und zügiger gesungenen Chören, selbst bei dem in sehr raschem Tempo genommenen Eingangschor „Jauchzet, frohlocket“ mit einem eindrucksvollen Ritardando am Schluss. Nur die Textverständlichkeit hätte man sich gern etwas besser gewünscht, wenn auch der Text bekannt bzw. mitzulesen war.

Man ist an dieser Stelle nicht nur von Orchester und Chor „verwöhnt“, sondern auch, was die Solisten anbetrifft. Bei dieser Aufführung standen drei sehr versierte, erfahrene Solisten zur Verfügung, die den Rezitativen und Arien Gestalt verliehen und sie in ihrer geistigen Tiefe ausloteten, immer wieder mit neuer Frische und viel Engagement, immer auf eine bestmögliche Wiedergabe im Dienste der Musik J. S. Bachs bedacht. Sie verfügen über die dafür notwendigen gesangstechnischen Voraussetzungen und eine schöne, zuverlässige Stimme. Sie haben erfasst, worauf es ankommt und auch das richtige Gespür für die Wiedergabe Bachscher Musik.

In dieser Aufführung wurde ohne eigene Verzierungen, wie sie in der Barockzeit üblich waren, gesungen, aber gerade diese Schlichtheit war sehr eindrucksvoll. Bachs Musik wirkt in vielen Varianten und Facetten. Ihre Grundstruktur ist so genial, dass es nicht unbedingt weiterer Ausschmückungen bedarf, um die Zuhörenden zu erreichen.

Man möchte bedauern, dass der Sopran in den ersten drei Kantaten des „Weihnachtsoratoriums“ so wenig zu singen hat. Ute Selbig bot eine freudige, wirklich verheißungsvolle Engelsverkündigung und harmonierte gut mit der Bassstimme in „Herr dein Mitleid, dein Erbarmen …“.

Mit ihrer warmen, geschmeidigen, Alt-Stimme, bei der so viel Seele mitschwingt, gestaltete Annette Markert die, die Reflexionen der menschlichen Seele (oder seelenvollen Menschen) auf die „Ereignisse“ des Weihnachtsgeschehens darstellenden Arien und Rezitative. Ihre Stimme hat Klang. Von ihr geht eine besondere Faszination aus. Sie ist für Annette Markert die Grundlage für eine Gestaltung auf hohem Niveau, aber auch mit Gefühl und Anteilnahme (ohne zu übertreiben) wie in der mit sehr langem Atem gesungenen Arie „Schlafe mein Liebster“ und der Arie „Schließe mein Herze dies selige Wunder …“.

 Die Bass-Partie sang Henryk Böhm souverän mit sehr guter Gesangstechnik, exakt und ausgeglichen.

Weniger souverän gelangen die Rezitative des Evangelisten. Andreas Weller hatte offenbar Probleme mit einer sicheren Höhe. Die Tenor-Arien gelangen ihm hingegen besser. Sehr schlicht und schlank, schnörkellos und sachlich (und auch etwas langsamer als gewohnt) gesungen, waren sie ein schlichter Kontrast zu den seelenvollen oder dramatischen Arien und Rezitativen der drei übrigen Solisten.

Diese Aufführung hinterließ einen schönen, geschlossenen Eindruck, der die Anwesenden begeistert bis euphorisch entließ. Es war ein noch nachklingendes musikalisches Ereignis, das mit einer mitreißenden Frische und doch Wärme, Seele und Innigkeit das „gewisse Etwas“ hatte, das schwer in Worte zu fassen ist, da es sich emotional von den Ausführenden auf die Hörer überträgt. Es resultiert offenbar aus der guten Tradition der sächsischen Kirchenmusik mit ihrer exakten konzertmäßigen Ausführung und der, die geistige Tiefe auslotenden, Gestaltung. Die Prinzipien und Gestaltungsrichtlinien dieser Tradition werden bewusst oder unbewusst immer noch und immer wieder verantwortungsvoll von Generation zu Generation weitergetragen und haben nichts von ihrer unmittelbaren Wirkung verloren.

Ingrid Gerk

 

 

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